Musiker Fleißige Fan-Wissenschaft

His Bobness, fein säuberlich seziert im Labor der Dylanologie.

(Foto: David Gahr)

Heinrich Detering, Germanistik-Professor und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, liest im Spätwerk Bob Dylans.

Von Jens-Christian Rabe

Ein prominenter deutscher Germanistik-Professor aus Göttigen, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gar hat ein Buch geschrieben über das Spätwerk Bob Dylans, über His Bobness also, den größten Folksänger der Popgeschichte, den ewigen Säulenheiligen der Gegenkultur der Sechziger. Für nicht wenige dürfte in diesem Satz das kulturelle Grauen schlechthin stecken. Was will denn bitte der über Dylan wissen?

Heinrich Detering hat diese Reaktion geahnt, denn vorauseilende Absicherungen, Hinweise, Anbiederungen und Rechtfertigungen gibt es in seinem neuen Buch "Die Stimmen aus der Unterwelt - Bob Dylans Mysterienspiele" allerhand: Es solle nun zwar vor allem um die literarische Seite von Dylans Songtexten gehen, so Detering, dessen Poesie sei aber natürlich nicht das, was man auf Papier lesen könne, sondern nur das, was man bei seinen Konzerten und seinen Alben zu hören bekomme: "Wer von Dylans Texten spricht, kann von seiner Musik nicht schweigen." Was das Akademische angehe, schreibt Detering weiter, sei es inzwischen allerdings nicht mehr so, dass man sich rechtfertigen müsse, wenn man sich mit einem Popkünstler wie Dylan befasse. Im Gegenteil: Fast müsse Dylan inzwischen gegen die Vereinnahmung der Intellektuellen verteidigt werden. Obwohl der Meister selbst sich wiederum eigentlich doch immer sehr für die Ergebnisse akademischer Forschung interessiert habe, so sie sich für seine Kunst ausschlachten ließen. Und überhaupt: "Bedürften amerikanische oder britische Forschungsinstitute für Klassische Philologie eines werbefähigen Beweises für die Aktualität ihrer Gegenstände, Dylans späte Songs lieferten nicht die schlechtesten Belege."

Aha, darum geht es also dann doch: Um den "werbefähigen" Beweis für die Aktualität der Gegenstände der amerikanischen oder britischen Forschungsinstitute für Klassische Philologie, des literarischen Kanons. Und leider fangen damit die Probleme dieses Bandes schon an, dessen Ansatz für Pop-Exegesen eigentlich so ungewöhnlich wie vernünftig streng ist: Neben Einleitung und Vorwort gibt es fünf Kapitel, in deren Mittelpunkt viermal je ein Song steht und einmal ein Film: der eher unbekannte Spielfilm "Masked And Anonymous" aus dem Jahr 2003 von Larry Charles, zu dem Dylan das Drehbuch und die Musik schrieb, und in dem er die Hauptrolle spielte. Die vier Songs, die Detering einem close reading unterzieht, sind der "Workingman's Blues #2" vom 2006 erschienenen 32. Studio-Album Dylans "Modern Times", außerdem "Tempest" und "Roll On John" vom Album "Tempest" (2012) sowie der Sinatra-Song "Stay With Me" vom 2015 veröffentlichten "Tempest"-Nachfolger und 36. Studioalbum "Shadows In The Night".

Mit philologischer Akribie beugt sich hier der Exeget etwa über den Song "Tempest"

Der Philologe beugt sich also mit aller, an der Gedichtanalyse geschulten, philologischen Akribie zum Beispiel über den Song "Tempest". Formal bedeutet das zunächst lange, mitunter sehr lange unübersetzte englische Zitate, aus denen man sich in guter akademischer Tradition meist selbst das herausangeln muss, was in der laufenden Argumentation eine Rolle spielt. In einer Seminararbeit mag das noch ein Weg sein, in einem Buch für ein breiteres Publikum erscheint diese dramaturgische Strategie bald etwas arg skizzenhaft und der Autor ein wenig faul. Ein strengeres Lektorat hätte dem Buch hier vielleicht nicht geschadet.

Inhaltlich geht es Detering im "Tempest"-Kapitel zunächst um die Varianten, in denen in Dylan-Songs Shakespeare auftaucht. Das ist nicht uninteressant, führt am Ende aber nicht weiter als bis zu einem Schluss, der den Autor aus beruflichen Gründen in erster Linie selbst zu erleichtern scheint: Also wenn der Dylan den Shakespeare so verwendet, kann der ja gar nicht so verstaubt sein.

Dann läuft eine längliche Analyse des Songs, dem - aufgepasst! - ja nicht nur das "The" des Titels des Shakespeare'schen Stücks fehlt, sondern auch der Sturm selbst. Die Schiffskatastrophe bei Dylan ist schließlich der Untergang der Titanic, der bekanntlich kein Sturm, sondern ein Eisberg zum Verhängnis wurde. Vertrackt. Warum hat Dylan den Song trotzdem "Sturm" genannt? Hm. Wenn am Ende aber die entscheidende Entdeckung gemacht und geklärt ist, dass auch in Dylans wie in Shakespeares "Sturm" der begründete Verdacht besteht, die Handlung könnte nur geträumt sein - dann ist alles wieder in bester philologischer Ordnung.

Und zarte Skepsis, nicht doch in einer Philologie-Parodie gelandet zu sein, umfängt einen erst wieder, wenn man ein paar Seiten später - in anderem Zusammenhang - Zeilen liest wie: "Acht vierzeilige, kreuzgereimte Strophen lang erinnert der Sprecher nun sich und seine toten Zuhörer an Szenen aus dem Leben dessen, der stets nur als ,John' angeredet wird, und an Zeilen aus einigen seiner Songs." Oder: "Die Worte ,move' und ,roll' spielen nicht nur auf diese Schlag- und Schlüsselworte des Rock 'n' Roll an und auf das, was in den Sechzigerjahren ,the movement' hieß." Und so weiter und so weiter.

Detering arbeitet sich so etwas verkniffen an einer Unterscheidung von hoher und niederer Kultur ab, die vor allem sein eigenes Problem ist. Er kann sich einfach nicht vorstellen, dass dem Pop im Zweifel neue, eigene Weisheiten innewohnen. Womöglich sogar solche, die der Songschreiber nicht absichtlich darin versteckt hat.

Und so wird hier die ehrwürdige Philologie zur fleißigen Fanwissenschaft, die jede Anspielung, die Dylan einmal vergnügt in seinem Werk versenkte, kreuzbrav wieder herausfischt. Der Erkenntnisgewinn tendiert dabei gegen null. Wer von jenen, die ein solches Buch überhaupt in die Hand nehmen, zweifelte noch daran, dass dieser Dylan ein schlauer, literarisch und historisch gebildeter, fintenreicher Autor ist, der sich seine Songs und Texte schon ganz genau überlegt? Das ist schließlich einer der zwei, drei wesentlichen Gründe seines mittlerweile über 50-jährigen Ruhms. Und wer bitte ist erst in dem Moment bereit, Dylan zu hören, wenn der zweifelsfreie Nachweis geführt ist, dass der in "Roll On John" den Tod John Lennons mit nichts Geringerem als der"Odyssee" von Homer "überblendet"? Das Stockholmer Literaturnobelpreiskomitee, das endlich Dylan auszeichnen soll?

Besonders absurd erscheint Deterings Fleißarbeit zudem in Zeiten, in denen im Netz große redaktionell betreute Seiten zur Annotation von Popsongs existieren wie Genius.com. Ganz abgesehen von den Online-Foren der leidenschaftlichen Dylanologen, auf die Detering selbst immer wieder dankbar verweist. Es liegt längst alles offen da. Etwas ratlos lässt einen die Lektüre also zurück. Wenn man dereinst jedoch tatsächlich mal jemandem begegnen sollte, der Dylans Spätwerk für niederste Massenkultur ohne jeden literaturgeschichtlichen Echoraum hält, kann man ihm nun immerhin einfach "Die Stimmen aus der Unterwelt" in die Hand drücken.

Heinrich Detering: Die Stimmen aus der Unterwelt - Bob Dylans Mysterienspiele. C.H. Beck Verlag, München 2016. 256 Seiten, 19,95 Euro.