Musik und Politik Jede Komposition spiegelt die politischen und sozialen Umstände wider

Und nicht nur die Musiker sind, ja, müssen politisch sein. Auch die Kompositionen sind unauflöslich verbunden mit dem sie bedingenden politischen System. Diese Erkenntnis ist gerade in Deutschland noch immer ungeliebt. Seit die Frühromantiker, beginnend mit dem Schriftsteller Wilhelm Heinrich Wackenroder, das Verdikt der "Absoluten Musik" errichtet haben, gilt gerade die Instrumentalmusik als der tristen Wirklichkeit enthoben, als "erhaben". Diese Überhöhung aber richtete sich weniger an der kompositorischen Wirklichkeit aus. Sie kam vor allem dem zeitgebundenen Bedürfnis einer intellektuellen Elite entgegen. Diese lehnte ihre zunehmend industrialisierte und entfremdete Zeit radikal ab und suchte Zuflucht und Erlösung in einer reinen Musik, die deshalb nichts mit der Realität zu tun habe durfte.

Und dennoch spiegelte jede Komposition die politischen und sozialen Umstände wider, in der sie entstand. Jedem Stück schreiben Komponisten ihre Heilserwartungen ein.

Die Vokalpolyphonie des 16. Jahrhundert, die ihre Fortsetzung in Bachs Fugen und der Kammermusik fand, predigte im hierarischen Feudalismus die völlige Gleichberechtigung. Es gibt kein Opernlibretto des 18. Jahrhundert, das nicht die Sehnsucht nach einer rechtsstaatlich friedlichen Herrschaft ausdrückt. Und die für die Wiener Klassiker so typische "durchbrochene Arbeit", die ein Thema auf verschiedene Instrumente und Stimmen verteilt, ist nichts anderes als das Pendant zur damals aufkommenden Arbeitsteilung.

In Schumanns Musik hört man die Zerrissenheit in der Zeit des Wiener Kongress

Als Schumann mit größter Anstrengung aus kleinsten Motiven große Gebilde konstruierte, reflektierte er die Zerrissenheit des Individuums zwischen Aufbruch und Restauration in der Zeit des Wiener Kongress. Der Komponist Hans Pfitzner schrieb nach den Zerstörungen des Ersten Weltkriegs und der Musikrevolution durch Schönberg die romantische Kantate "Von deutscher Seele". Dabei missbrauchte er den Dichter Eichendorff zu einer Verklärung intakten Deutschtums, die auf eine Apologie der Dolchstoßlegende hinauslief. Und in seiner Sinfonie in C-Dur (1940) steht diese harmloseste der Tonarten, deren Schlichtheit Bach im "Wohltemperierten Clavier" grandios unterlief, für die Sehnsucht nach Neuanfang, Reinheit und einer unkomplizierten Welt. Dmitri Schostakowitsch dagegen wurde von den Sowjets gezwungen, auf die Avantgarde-Tendenzen seiner Oper "Die Nase" zu verzichten, musste romantisch tonaler schreiben und revanchierte sich, indem er in unendlich tristen und sinnentleerten Tableaus die Realität des Systems vorführte.

So lässt sich jede Musik politisch verstehen - der Hörer muss nur genügend Phantasie mitbringen.