Musik Tief in der Seele Amerikas

Chris Stapleton schrieb Hits für Countrystars. Dann erfasste ihn der Hyperantrieb des Internets.

(Foto: Universal)

Der Sänger Chris Stapleton kann seine Stimme mit der Wucht des Soul zur Inbrunst treiben. Dabei singt er eigentlich Country.

Von Andrian Kreye

Es gibt Musiker, bei denen es ganz egal ist, was sie spielen. Chris Stapleton ist so einer. Der spielt, singt und schreibt Country. Wenn man ihn bei einem seiner Deutschland-Konzerte hörte, im Münchner Technikum zum Beispiel, war das mit der Country Music schnell vergessen, obwohl das gar nicht so leicht ist, weil er mit seinem gefiederten Cowboyhut, dem langen Pionier-Bart und seiner breitbeinigen Gestik den Inbegriff des Country- und Westernhelden verkörpert.

Wenn er dann aber das Singen anfing und man erst einmal ganz überwältigt im Gedächtnis nach Vergleichsmodellen kramte, landete man eher bei Otis Redding oder Wilson Pickett, bei Soulsängern, die ihre Stimme vom piano bis zum fortissimo in eine Inbrunst steigern konnten, die man nicht mehr mit Ohren und Zwerchfell, sondern mit Rückenmark und Herz wahrnimmt. Und er war dabei nicht alleine.

Euphorisches Gleitfluggefühl

Bei fast allen seinen Auftritten singt seine Frau Morgane die Begleitstimme. Wenn sich sein kehliger Tenor mit ihrem durchdringenden Alt in der Zweistimmigkeit eines Refrains wie dem seines Songs "Fire Away" findet, entsteht dieses euphorische Gleitfluggefühl, das sich üblicherweise bei Mendelssohn-Motetten einstellt. Das er dann sofort wieder zum Lodern des Blues reduzieren kann. Chris Stapleton weiß, welche Wirkung seine Frau und er haben, deswegen hat er seine Musik so sparsam instrumentiert, dass oft nur Schlagzeug und Bass die Strukturen des Songs zusammenhalten, während die wenigen Akkorde und Linien auf seiner tiefgestimmten E-Gitarre lediglich als Druckverstärker fungieren.

Ambitioniert bis größenwahnsinnig

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Das heißt nicht, dass er den Country hinter sich gelassen hat. Im Gegenteil. Chris Stapleton gehört seit eineinhalb Jahrzehnten zu den erfolgreichsten Songschreibern von Nashville. Es haben zwar auch schon Adele und Sheryl Crow seine Songs gesungen. In erster Linie hat er aber viel Geld damit verdient, Hits für Leute wie Kenney Chesney, Tim McGraw und Alan Jackson zu schreiben. Das sind Superstars, die in den USA in Sportstadien vor Millionen von Leuten auftreten, die sich sehr wohl dabei fühlen, diese Musik zu hören und Amerika großartig zu finden, ohne gleich ein Politikum daraus zu machen oder gar Donald Trump zu wählen. Und die sich, wenn man schon vom Publikum des Herzlandes spricht, bei dieser Sorte Musik auch für ein Weilchen etwas leichter damit tun, dass sie es zwar großartig finden, Amerikaner zu sein, das mit dem amerikanischen Traum aber nicht so ganz hingekriegt haben.

Dafür fand Chris Stapleton immer die richtigen Worte. Da dominiert auch bei ihm das Leitmotiv des Country, dass man viel Zeit damit verbringen kann, sich den Kummer wegzutrinken. Den Kummer über die zerbrochene Ehe, die drohende Armut, die ewige Rast- und Hoffnungslosigkeit des Lebens, was im Gegensatz zur Gospelmusik keine Erlösung im Glauben und im Jenseits findet. "Daddy Doesn't Pray Anymore" heißt eine Ballade auf "The Traveller" (Universal), Stapletons erstem Album unter eigenem Namen, das letztes Jahr erschien. Darauf folgt eine Southern Rock-Nummer, in der er erzählt, wie ihm nicht nur die Hoffnung, sondern auch noch der Whisky ausgeht und er sich dann bekifft, weil er sonst nichts besseres zu tun hat.