Musik: Paul Kalkbrenner Vom verführerischen Schmelz

Beim hiesigen Kinostart hatte "Berlin Calling" 100 000 Zuschauer - richtig los ging es eiegntlich erst, als die DVD erschien. In einigen europäischen Ländern kletterte die Single "Sky & Sand" daraufhin sogar in die Top-Ten der Charts. Bei der anschließenden Konzerttournee stieg "Ikarus" schließlich von der Leinwand herab, um selbst zu spielen. Danach wurde das Alter Ego beerdigt.

Zahllose Künstler der Popgeschichte ließen sich von derlei Blitzerfolgen aus der Fassung bringen, manche fanden nie wieder ihre Form. Bei Paul Kalkbrenner kam erschwerend hinzu, dass der Hit "Sky & Sand" nicht typisch ist für sein Werk. Sein jüngerer Bruder Fritz, der ebenfalls als Techno-Produzent arbeitet, aber auch über eine beachtliche Soul-Stimme verfügt, hat eine Gesangsspur beigesteuert.

Verlockende Angebote der großen Plattenfirmen schlug Kalkbrenner ebenso aus wie das extrem lukrative Angebot, für einen Rasierapparat zu werben. Ähnlich konsequent ist Kalkbrenner bei der Produktion von "Icke wieder" vorgegangen: "Ich musste in Klausur gehen, hab' mich drei Monate ins Funkhaus in der Nalepastraße eingeschlossen."

Das Album überrascht erst mal mit seiner Nüchternheit und Klarheit. Der verführerische Schmelz des Vorgängers fehlt fast völlig. Die Szene kommt angesichts von Kalkbrenners Erfolg aus dem Staunen nicht mehr heraus. Manche hat der Neid gepackt, andere sind dankbar, dass er der Clubmusik wieder massenmediale Aufmerksamkeit verschafft hat, dass er den Deckel gelüftet hat, unter dem die Technoszene sitzt.

Prügel gab es zuletzt wegen des Auftritts vor deutschen Soldaten in Afghanistan. Anders als berichtet, kam das Konzert allerdings nicht auf Initiative der Bundeswehr zu Stande. Zwei Gefreite hatten sich unabhängig voneinander bei Kalkbrenners Management gemeldet: "Da hab ich sofort gesagt: Ja, mach ich. Den Einsatz finde ich unsinnig, aber das ist eine andere Sache. Guck dir den Friedhof der Supermächte dort an. Ich fände es gut, wenn wir abzögen. Dass wir noch da sind, kann man aber doch nicht den Soldaten vor Ort vorwerfen."

Trotz seinem Vergnügen am Rausch hat Paul Kalkbrenner etwas von einem Familienvater, der sich vom Gequengel seiner Kinder nicht davon abhalten lässt, für die Gattin ein aufregender Liebhaber zu sein: "Ich bin froh, dass die meisten nicht so sind wie icke. Meine Musik ist nicht für Spinner und Gesellschaftsklempner gemacht. Zu mir kommen die, die eher kurz konzertmäßig raven, die schon mal was schnuppern, aber um drei nach Hause gehen, der staatstragende Teil der Bevölkerung, der, der dafür sorgt, dass alles funktioniert."

Der Raver als Bürger - das ist nicht unbedingt so unschuldig, wie es klingt. Anders als Pop ist Techno nichts als Rhythmus und Klang. Es gibt nichts und niemanden zum Anbeten. Der Raver ist auf sich selbst zurückgeworfen, er feiert sich selbst. Alles, was für ihn nicht direkt persönlich gültig und wichtig ist, ist sinnlos. Bei dieser großen Loslösung kann auch leicht die Rolle im "staatstragenden Teil der Bevölkerung" obsolet werden. Dann ist es jedoch nicht mehr damit getan, gelegentlich bis um drei aufzubleiben.

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