Wenn Frauen mit Musik den Aufstand proben: Die US-Band Le Tigre schlägt auf ihrem neuen Album kratzbürstigste Töne an und ansonsten wild um sich.
Es gibt sie offenbar doch noch, die wütenden, wortgewaltigen und politisch engagierten Anhänger der Riot Grrrl-Bewegung der frühen Neunziger. Während die ewige Kurt-Cobain-Witwe Courtney Love eher durch private Eskapaden als durch musikalische Glanztaten in die Schlagzeilen gerät, üben sich die drei New Yorker von Le Tigre mit ihrem dritten Studioalbum darin, das Fähnchen des Furors hoch zu halten.
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"Feministischer Elektro-Punk": Le Tigre. (© )
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Die Bewegung ist zwar nicht mehr ganz neu, dennoch bestehen es die federführenden Damen Johanna Fateman und Kathleen Hanna darauf, ihre freimütige Mischung aus Synthesizer-Einsatz, einhändigen Beats aus der drum machine und kantigen Gitarren-Riffs als "feministischen Elektronik-Punk" zu verkaufen.
Den Ton geben jedenfalls die beiden Gründungstiger an, sehr gerne natürlich gegen den ungeliebtesten alle Männer, den Mann im Weißen Haus.
Dem sind auf dem neuen Album "This Island" gleich zwei Stücke gewidmet, wobei "New Kicks" als vertonte Collage von Redebeiträgen während einer Anti-Irak-Kriegs-Demo in New York weitaus gelungener und überzeugender daherkommt, als das bemüht wütende "Seconds".
Da reduziert sich die Meldung auf persönliche Befindlichkeit: "You make me sick".
Unterhaltsamer sind da die Ausflüge Richtung Pop ( "After Dark"), kratzbürstig-kantigem Punkrock in "Punker Plus" und ins leicht Dadaeske bei "Nanny Nanny Boo Boo". Hier lautet die Ansage der RebellInnen aus Leidenschaft: "If you ask us how we want it we'll say man-to-man/ When you go to kiss our cheeks we're gonna put out our hands because/ All night we've been talking to liars/.../And if you ask us what we're doing we'll say/ 'It doesn't matter to you' ".
Ja, die Welt ist schlecht, und das muss uns auch mal gesagt werden dürfen. Oder, wie die Damen von Le Tigre es ausdrücken: "Wir freuen uns, die Massenmedien herauszufordern - die Menschen sind bereit dafür." Stellt sich nur die Frage, ob die Medien auch dafür bereit sind.
Eine wirklich ernsthafte Herausforderung sieht anders aus, wütender Protest alleine reicht nicht.
Letztlich bleibt "This Island", was es ist: Ein (gutes) Stück Unterhaltung. Politisch-gesellschaftliches Sendungsbewusstsein hin oder her.
Bei diesem Unterhaltungswerk leisten sich Le Tigre zudem leichte Durchhänger, vor allem bei den langsameren Titeln wie "Viz" oder "Sixteen" - die allerdings nicht halb so schaurig wirken wie das "I'm so excited"-Cover aus der Kategorie "überflüssig".
Insgesamt erfreut das Album allerdings mit einer erfrischenden Brise verbaler Wutausbrüche, die in einem eigenwilligen Stilmix aus Gitarren-Punk, Elektro-Spielwiesen und mitunter gar Hip Hop der weiblichen Rebell-Bewegung neues Leben einhaucht. Es muss ja nicht immer gleich die Revolution sein.
Le Tigre, "This Island" (Strummer/Universal)
1. On the Verge 2. Seconds 3. Don't Drink Poison 4. After Dark 5. Nanny Nanny Boo Boo 6. TKO 7. Tell You Now 8. New Kicks 9. Viz 10. This Island 11. I'm So Excited 12. Sixteen 13. Punker Plus
(sueddeutsche.de/Caroline Daamen)
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