Musik Avantgarde und Gassenhauer

Bernd Alois Zimmermanns "Die Soldaten" und Gérard Griseys "Les espaces acoustiques" sind Klassiker der Musik nach 1945. Allerdings aus völlig unterschiedlichen Gründen.

Von Reinhard J. Brembeck

Die Komponisten Bernd Alois Zimmermann und Gérard Grisey verbindet bis auf oberflächliche Zufälligkeiten nichts. Beide wurden 52 Jahre alt, ersterer hätte am heutigen Dienstag 100. Geburtstag, der andere ist vor 20 Jahren gestorben. Zudem gehören Griseys sechsteiliger Orchesterzyklus "Les espaces acoustiques" und Zimmermanns Oper "Die Soldaten" zu einer ausnehmend seltenen Spezies der Avantgardemusik. Beide Stücke werden nämlich häufig gespielt und regelmäßig bejubelt. Sie sind damit Repertoirestücke - ein Begriff, der in der Zeitgenössischen Musik so befremdlich wirkt wie er für Barock, Klassik und Romantik Standard ist.

Nun begab es sich aber, dass am vergangenen Wochenende diese beiden Ausnahmestücke in den beiden größten Städten Bayerns zur Aufführung kamen. Das Staatstheater Nürnberg zeigte die "Soldaten", die Münchner Musica-Viva-Reihe spielte "Les espaces acoustiques". Diese Gleichzeitigkeit war ein den Jubiläen geschuldeter Zufall. Wer aber beide Aufführungen erlebte, dem dürften etliche Phänomene aufgefallen sein, die einem in Konzert- und Opernaufführungen sonst gar nicht bewusst werden, die aber typisch für den heutigen Klassikbetrieb sind.

Hartnäckig hält sich die Überzeugung, dass Avantgardemusik (Boulez, Stockhausen, Lachenmann . . . ) kaum von einem Publikum goutiert werde, das nur das in Klassikkonzerten übliche tonale Repertoire zwischen Bach und Schostakowitsch gewohnt ist. Wobei es etliche Hörer gibt, die auch mit den depressiv aggressiven Klangwelten des Letztgenannten ihre Probleme haben. Die Erfahrung lehrt, dass sich neben Mozart ein Boulez selbst für Kenner befremdlich ausnimmt.

Wer viel Boulez hört, dem wird dieser Komponist bald so vertraut wie Mozart

Das hat nichts mit Komplexität zu tun. Mozarts Streichquintett in g-Moll ist genauso komplex wie "Pli selon pli" von Boulez. Die Unvereinbarkeit hat andere Gründe. Mozart ist längst ab- und eingehört, er überrascht niemanden mehr, seine ästhetische Kühnheit wird deshalb nicht mehr wahrgenommen. Nurmehr der Reiz wirkt, den tonale Akkordfolgen und eingängige Melodien unweigerlich ausüben. Boulez kann damit nicht dienen, er hat sich von Tonalität und Melodik verabschiedet. Seine Klangerfindungen sind noch immer ungewohnt und sie lenken durch ihre Fremdheit und Rätselhaftigkeit ebenfalls von den kompositorischen Prozessen ab. Wer viel Boulez hört, dem werden diese Fremdheiten mit der Zeit nach und nach so vertraut wie die Musik von Mozart. Der entdeckt irgendwann den ebenfalls betörenden sinnlichen Reiz dieser anfangs so befremdlichen Klänge.

Deshalb gibt es Spezialreihen wie die Musica Viva, die ein ausschließlich oder besonders am Neuen interessiertes Publikum anlocken. Geboten werden als Konzerte verkleidete Hörübungsstunden. Allen Menschen dieser Welt ist Dank der Medien heute die künstlich geschaffene, unnatürliche Welt der Dur-Moll-Tonalität vertraut, sie dominiert Klassik, Pop und Jazz. Mit neuen Klängen aber müssen sich die allermeisten Hörer erst durch wiederholtes Hörern vertraut machen, sich mit ihnen liebend anfreunden. Wer erstmals György Ligetis "Atmosphères" hört, erlebt vermutlich nur ein rauschiges Rutschen ohne Grenzen, Melodie, Form. Wer aber dieses Meisterstück das zwanzigste Mal hört, nimmt eine delirierend bunte Welt wahr, wie sie ihm keine Musik sonst bietet.

Also ist es nicht weiter verwunderlich, dass das Musica-Viva-Publikum im Herkulessaal die "Espaces acoustiques" (1974-1985) und ihre Interpreten frenetisch feiert. Besonders die BR-Sinfoniker, die mit hinreißendem Engagement und tief begeistert diesen zweistündigen Zyklus hinzaubern, der mit einem von Benedict Hames ruhig und mit grandiosem Atem gespielten Bratschensolo beginnt, auf das dann immer größer besetzte Stücke folgen, für sieben, 18, 33 Spieler und dann für großes Orchester, das zuletzt noch von einem Hörnerquartett schräg spielwütig aufgemotzt wird. Stefan Asbury dirigiert diesen Wahnsinnsparcours voller Witz, er lässt die die Obertonreihe ausleuchtenden Strahlklänge wie selbstverständlich auf- und vergehen. Wieder einmal beweisen sich die "Espaces acoustiques" als ein ganz großes Meisterwerk, das unmittelbar einleuchtet und emotional überwältigt. Weil es in eine Welt entführt, die fremd sein mag, doch mit Geheimnissen und Glücksversprechen lockt.

In Nürnberg kommt ein an Puccini und Mozart gewöhntes Theaterpublikum. Dennoch ist der Jubel nach den "Soldaten" genauso groß wie nach Grisey in München. Über die Gründe lohnt es sich zu spekulieren. Der im Sommer nach Dresden zu Christian Thielemann wechselnde Intendant Peter Theiler hat das Haus modernisiert und ästhetisch auf neue Wege eingeschworen. Chefdirigent Marcus Bosch dirigiert die einst von dem konservativ unwilligen Wolfgang Sawallisch als unspielbar abgetane Partitur süffig wie eine Mischung aus Donizetti und Ravel. Nicht ganz zu Unrecht, hat doch Bernd Alois Zimmermann, der katholische Zweifler, der sich 1970 das Leben nahm, im wild quäkenden, die Vergangenheit hymnisch und frech feiernden Neoklassizismus seine Wurzeln. Auch wenn die bewährten und bekannten Formeln hier mit einem wild wuchernden Gestrüpp sich hemmungslos auslebender Linien übermalt werden, so sind sie noch immer erkennbar und bieten eine Verständnishilfe an, auf die Grisey in den "Espaces acoustiques" nicht angewiesen ist. Weil er im Gegensatz zu Zimmermann neue verständliche Formen generiert.

Zentraler fürs Verständnis ist das vertonte gleichnamige Theaterstück von Jakob Michael Reinhold Lenz. Es ist ein chronologisch erzählendes Stück, das von Shakespeare die Technik übernimmt, schnell zwischen Szenen hin- und herzuwechseln, die an weit voneinander entfernten Orten spielen. Das Thema allerdings ist aus der Zeit gefallen, geht es doch um das Heiratsverbot für Soldaten, die deshalb mit allen Mitteln Bürgertöchter zu verführen versuchen. Dieses Schicksal wird an Marie gezeigt, die sich in Peter Konwitschnys Inszenierung recht leicht durch den Soldatentalmi verführen lässt, von Mann zu Mann geht und als verhungernde Bettlerin endet. Susanne Elmark singt brillant und spielt dazu ein agiles Girlie, das unbedingt einen Mann fürs Leben will. Und Peter Konwitschny, der Regiegroßmeister, zieht auf der leeren Bühne, gelegentlich fahren Wände herab, werden Tisch, Stuhl und Bett hereingetragen, alle Register seines frappanten Personenführungskönnens. Ein Meisterstück ist das von Maries Ex Stolzius angeführte Quintett, das zu einer Mordvision und von den Sängern auf dem Bett aerobickt wird.

Aber so heutig und virtuos sich die Regie gibt, sie erzählt bloß eine Geschichte nach, die als solche nur mehr historische Bedeutung hat. Konwitschny bietet keinen Subtext an, der die "Soldaten" dezidiert ans Heute anbinden, ihnen Dringlichkeit verleihen, sie über ein bedauernswertes Einzelschicksal ins Paradigmatische hinausheben würde. Das ist eine Problematik der Vorlage, die schon Zimmermann selbst gesehen hat. Weshalb er im Schlussakt recht gewaltsam einen Zusammenhang zwischen Maries Schicksal und dem aller Geschändeten und Vergewaltigten herstellt, Soldaten wie Frauen. Zuletzt will Zimmermann, dass der Atompilz zu sehen ist, worauf Konwitschny weise verzichtet.

Der Kontrast zwischen der avancierten Musik und einem schlicht und zudem moralisch agierenden Text ist überdeutlich. Er beweist wieder einmal, dass die Oper derzeit in einer Krise steckt. Wegen ihrer Vorliebe für Stücke, die Stoffe, Verhaltensweisen und Menschenbilder verhandeln, die in der heutigen mitteleuropäischen Gesellschaft sich so gar nicht mehr ereignen können. Das gilt für "Otello" wie "Don Giovanni" wie "Carmen". Deren Themen sind längst nicht mehr wörtlich lesbar, sie bedürfen der Übersetzung ins Heute.

Die Musik hat es da viel einfacher, weil sie nicht diskursiv ist und keine Themen verhandelt. Instrumentalmusik lässt dem Hörer sehr viel mehr Freiheiten als eine Musik, die durch einen Text gegängelt wird. Bei Instrumentalmusik kann sich jeder eine Anbindung ans Heute erträumen, er wird dabei vom Dirigenten und den Musikern sehr viel weniger geführt als in der Oper durch den Regisseur. Weshalb derzeit eine Musikalisierung der Oper zu beobachten ist: Zunehmend wird sie wie Instrumentalmusik gehört, ganz unabhängig vom Text. Die Musica-Viva-Hörer haben es da sehr viel einfacher. Sie brauchen keine Umwege und Ablenkungen jenseits der eigenen Fantasie in Kauf zu nehmen.