Musical Vergessen, verzeihen

Karsten (Detlef Leistenschneider) und Gabi (Jessica Kessler) reisen ihrem Sohn Tobi hinterher.

(Foto: Hardy Müller)

Wolfgang Petrys Hits im Deutschen Theater

Von Katharina Rustler

Löwen, Hippies, Vampire. Prinzipiell kann man aus jedem Stoff ein Musical machen. Da wundert es, dass noch nie eines mit deutscher Schlagermusik produziert wurde. Und ganz ehrlich, was eignet sich besser als beliebte, bodenständige und meist banale Lieder? Die des Schlagerstars Wolfgang Petry, der in den Achtzigerjahren einen Hit nach dem anderen landete, unzählige bunte Freundschaftsbänder und den netten Beinamen "Wolle" trug, sind nun als Musical mit dem Titel "Wahnsinn" im Deutschen Theater angekommen.

Doch trotz dieser großartigen Ankündigung ist das Stück relativ wenig wahnsinnig. Anhand einer klassischen Roadtrip-Saga werden da Geschichten von vier Paaren aus dem Ruhrgebiet erzählt, woher der Schlagersänger Petry auch selbst stammt. Da ist zum einen der junge, rebellische Tobi (Thomas Hohler), der gegen den Willen seines Vaters eine Karriere als Musiker anstrebt und gemeinsam mit seiner Flamme Gianna (Dorina Garuci) einer Festival-Einladung nach Bahia del Sol folgt. Genau dorthin reist auch der Lkw-Fahrer Peter (Enrico de Pieri), um die Beziehung zu seiner Frau Sabine (Vera Bolten) zu retten. In Kfz-Metaphern gesprochen, befindet er sich im "Kreisverkehr seines Lebens". Zum anderen sucht Peters bester Freund Wolf (Mischa Mang) ebenfalls im Süden seine Jugendliebe Jessica (Carina Sandhaus). Wolf ist Besitzer der Kneipe "Whiskey Bill", einer Disco, in der auch Wolfgang Petrys tatsächliche Karriere ihren Anfang nahm. Um die Vater-Sohn-Debatte aufzuarbeiten, fliegen auch Tobis Eltern Gabi (Jessica Kessler, die gesanglich deutlich herausragt) und der Ruhrpott-Proll Karsten (Detlef Leistenschneider) ihrem Sohn hinterher.

Das ganze Musical wirkt fast so, als habe man versucht, emanzipierte Frauenfiguren zu erschaffen, doch sind sie die eigentlichen Verliererinnen in ihren Beziehungen. Selbstbewusst und trotzdem gefangen, ertragen sie die Fehler, die ihre Partner über Jahre begangen haben - um ihnen am Ende doch zu verzeihen. Zwischendurch werden einige Schubladen geöffnet und überzogene "So sind wir Männer nun mal"-Witze ausgepackt. Begleitet von Liedern wie "Weiß der Geier" oder "Bronze, Silber und Gold", laufen alle Handlungsstränge, vorbei an teilweise etwas zu klamaukigen Szenen in Männer-Selbsthilfe-Gruppen oder sexy Yogastunden, am Reiseziel zusammen, wo alles - wie kann es anders sein - in einem pompösen Finale gipfelt, ganz à la "Verlieben, verloren, vergessen, verzeihen".

Liebe, Trennung, Sehnsucht, Vergebung - die Handlung ist in sich zwar schlüssig, aber auch so vorhersehbar, wie die Lieder selbst. Doch womöglich geht es bei einem Schlager-Musical genau darum. Dieses warme Gefühl, wenn alle klatschen und man sich selbst dabei ertappt, dass man die Texte auswendig kennt. Wie banal.