Musical Lieder, Lust und Liebelei

Der Regisseur Gil Mehmert erhebt das Musical zur ernst zu nehmenden Unterhaltungskunst. Im Deutschen Theater inszeniert er nun "Wahnsinn!", ein Singspiel mit Hits von Wolfgang Petry

Von Michael Zirnstein

Klar hatte Gil Mehmert Zweifel. Seine Kenntnis vom Œuvre des Franz Hubert Wolfgang Remling? "Gering", gibt er zu. Dennoch ließ er sich darauf ein, Regie zu führen in "Wahnsinn!", einem Singspiel mit Hits von eben diesem Volkssänger, der bekannt ist als Wolfgang Petry. Der Autor und Arrangeur Martin Lingau hatte Mehmert überredet. Sie hatten zuvor gemeinsam das Fußball-Musical "Das Wunder von Bern" gemacht, das zwei Jahre lang in Hamburg gelaufen ist. Als sie dann mitten in den Proben steckten, sah Mehmert zum ersten Mal das Plakat: Ein Typ mit aus dem Hemd hängender Jeans rückt vor Kohlebaukulisse die Faust in den Sonnenuntergang. "Für mich war ein Schock, was drüberstand: ,Das erste Schlager-Partymusical der Welt'", erinnert sich Mehmert, "wenn mir das einer vorher erzählt hätte, wäre ich raus gewesen".

Mehmert hat zu Beginn seiner Karriere vor 35 Jahren Jazz gehört und Klassik studiert. Jenen "Wolle" nahm er nur wahr, wenn seine Eltern "ZDF-Hitparade" schauten, als "irritierendes Phänomen" mit Schnäuzer und Holzfällerkluft. Aber Mehmert wäre nicht einer der gefragtesten Musiktheaterregisseure des Landes, würde er nicht in jedem ihm angebotenen Stoff etwas sehen - das Potenzial, das schmalbrüstige deutschsprachige Musical zur ernst zu nehmenden Unterhaltungskunst zu erheben. Es geht ihm um die Reanimation dessen, was von der deutschen Komödienkultur nach "Das Weiße Rössl" und "Dreigroschen Oper" blieb, als die Nazis mit der jüdischen Autorenriege fertig waren. Und wo das verkopfte deutsche Stadttheater in der Folge auf "Selbstzerstörung" setze, setzt er kunstvoll Pointen und auf Handwerk. Er will Konstruktion nicht Dekonstruktion, Illusion statt Desillusion. Dumm ist das bei aller Leichtigkeit beileibe nicht, wie der Absolvent der Everding-Akademie in München regelmäßig zeigte. Mit "I Hired A Contract Killer" samt dem Jazzduo Unsere Lieblinge am Metropoltheater, mit seinen schlauen Jugendtheaterstücken wie "Jenseits von Eden" mit der Band Bananafishbones an der Schauburg und der Schwulenfilm-Adaption "Priscilla" am Gärtnerplatztheater. "Kann sein, das anderen ein Wolfgang-Petry-Musical peinlich ist. Mir nicht", sagt er.

Den schlüpfrigen Wolle-Petry-Schlager "Gianna (Liebe im Auto)" setzen Dorina Garuci und Thomas Hohler in einem klapprigen Käfer in Szene.

(Foto: Hardy Mueller)

In "Wahnsinn!", das von der Liebelei vierer Paare erzählt, gibt es durchaus Momente an der Grenze zum Blödsinn. Die Songs geben das vor. "Auf Biene Majas Blumenwiese" etwa entwickeln die Bestäuber eine sehr körperliche Art der Liebe: "Willi macht's mit Maja / Cassandra nimmt den Flipp / weil der so viele Arme hat / ist er der heiße Tipp." Mehmert hatte "etwas Angst vor der Szene". Er baute sie als feuchte Krabbel-Traumsequenz mit Pettycoat und Zylinder im naiven Look der Fünfziger ein: "Die Unschuld der Natur trifft auf die Schuldigkeit der Menschen, die schon aus dem Garten Eden verbannt sind", erklärt er - und muss selber grinsen. Und was macht man aus Nonsens wie "Co-Co (Ho Chi Kaka Ho)"? Die Hymne eines Holzfällerfestivals auf der Insel Bahia del Sol? Es folgt eine Therapiesitzung, in der die anonymen Beziehungsopfer mit Refrainschnipseln aller Petry'schen Frauennamentitel einen Jammerlappen-Kanon anstimmen: "Julie", "Jessica", "Rosemarie", "Sabine", "Sandy" . Solche hanebüchenen Anspielungen auf Wolles Werk sind zuhauf bildgewaltig eingewoben - und sie sind der Brüller. Doch damit tun sich Probleme auf.

Problem eins: Wie würde Wolle das finden, der zu Musicals sagt: "Nicht meine Welt!" Er kam zu den Proben, weinte und lachte angeblich vor Freude. Er sagte den Autoren Martin Lingau und Heiko Wohlgemut (die drei Jahre lang das Nockherberg-Singspiel schrieben) nur: "Warum habt ihr kein Dixiklo auf der Bühne?" Er hatte die WCs dereinst vor jedem Konzert persönlich überprüft. Also steht da nun eines in der Kulisse - und fackelt irgendwann lichterloh. Aber würden - Problem Nummer zwei - die Getreuen die selbe Selbstironie mitbringen? Würden sie, die laut Mehmert eher ins Fußballstadion als ins Theater gehen und nun ihre Lieblingslieder nach Petrys Rückzug vor 14 Jahren wieder auf einer Bühne hören wollen, das Prinzip "Jukebox-Musical" überhaupt verstehen? Im Petry-Epizentrum Duisburg jedenfalls kamen sie Kegelclubweise, feuerten die Figuren auf der Bühne an wie Fußball-Stars ("Peter, Peter, Peter...!") und übertönten die Sänger auf der Bühne derart beim Hit-Gröhlen, dass eine lautere Soundanlage angeschafft wurde. Rheinischer Frohsinn! Das führt zur dritten Sorge: Wird das Ruhrpott-Rührstück jemanden ins Deutsche Theater locken, in München, wo Petry nie auftrat und wo man höchstens "Wahnsinn" als Wiesn-Witz kennt: "Hölle, Hölle, Hölle"?

Mehmert selbst hat die Stadt nach 20 Jahren wieder in Richtung seiner Heimat verlassen. "Als Westfale in München, da gehörst du nicht dazu. Es gibt andere, wie den Christian Stückl, die können besser etwas über München erzählen." Wenn er nun zurückkommt, dann als "Kulturbotschafter des Ruhrgebiets", sagt er verschmitzt, "hier in diesem Stück, da fühle ich mich zu Hause, weil ich diese Menschen kenne."

Wahnsinn! Das Wolfgang-Petry-Musical, 16. Mai bis 3. Juni, Deutsches Theater