Münchner Literaturfest Produktives Missverstehen

Parallel zu den Migrations- und Flüchtlingsbewegungen hat sich in Europa eine Kultur des Abschottens gebildet: Der Übersetzertag beim Münchner Literaturfest machte deutlich, was einer Kultur verloren geht, die mit sich allein bleibt.

Von Sofia Glasl

Wohlhabend muss er wohl sein, dieser Herr Kannitverstan. Jedes Mal, wenn der von Deutschland nach Amsterdam gereiste Handwerksbursche neiderfüllt fragt, wem denn das prächtige Haus hier, das voll beladene Schiff dort gehöre, blaffen ihm die Holländer "Kannitverstan!" entgegen. Und als er schließlich einer Leichenprozession begegnet und nach dem Namen des Toten fragt, ist dies - welcher Zufall! - auch wieder dieser geldige Herr Kannitverstan. Selig in seinem Unwissen empfindet der junge Handwerker Genugtuung und sonnt sich in dem Gefühl ausgleichender Gerechtigkeit, denn auch die Reichen, so seine zugleich falsche und doch wieder richtige Schlussfolgerung, sind vor dem Tod nicht gefeit.

In Johann Peter Hebels Kalendergeschichte "Kannitverstan" aus dem Jahr 1808 entsteht zufällig aus Nicht-Verstehen produktive Verwirrung. Die Kuratorin des diesjährigen Münchner Literaturfests, Elke Schmitter, stellte diese Verwirrung am vergangenen Samstag an den Anfang des Übersetzertags im Literaturhaus München. Sie fragte, ob es so etwas wie eine Produktivkraft des Unverständlichen geben und ob diese ureigener Bestandteil der Literatur selbst sein könne. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe forum:autoren sollte einen Tag lang mit namhaften literarischen Übersetzern über den Umgang mit Mehrdeutigem, Vagem oder vermeintlich Unübersetzbarem nachgedacht werden.

Diese Problemstellung kommt zum richtigen Zeitpunkt, beinhaltet sie doch nicht nur rein Handwerkliches, sondern fragt auch im weiteren Sinne nach kulturellem Selbstverständnis sowie Grenzen und Möglichkeiten der Kommunikation von einzelnen Ländern und Sprachkreisen. Eine kulturelle Abschottung, wie sie in den letzten Jahren etwa in Großbritannien, Ungarn und Russland parallel zu Flucht- und Migrationsbewegungen stattfindet, blockiert über kurz oder lang einen Austausch und Abgleich der Kulturen.

Kulturelle Inselbildung macht die Nationalliteraturen kleiner statt größer

Die Redner der Tagung umkreisten immer wieder ihre gemeinsame Überzeugung, dass gerade Übersetzungen in andere Sprachen ein literarisches Werk am Leben erhalten und seine Reichweite erhöhen. Etwa wenn die kroatische Autorin und Übersetzerin Alida Bremer von ihrer mehrsprachigen Lektüreerfahrung mit den Shakespearschen Sonetten berichtet und davon, wie die kroatischen, deutschen und englischen Versionen ihr jeweils andere Facetten des Werks erschlossen haben. So überlagern sich mehrere Interpretationen und Deutungsansätze und stellen dem englischsprachigen Original einen polyfonen Dialog an die Seite, der ohne die Übersetzungsleistung nicht möglich gewesen wäre. Aus sprachlicher wird automatisch auch kulturelle Übersetzung und Bedeutung. Die Sinnüberlagerung und -vernetzung ist in kleinen Sprachräumen und ihren wenig übersetzten Literaturen wie im osteuropäischen Raum nur eingeschränkt möglich. Von der Politik künstlich geschaffene geistige und somit literarische Inselbildung wie etwa die Aufspaltung des serbokroatischen Sprachraums verschärfen diese Problematik noch.

Wie sehr sich die historische Dynamik einer Sprache auf die Verständlichkeit auswirken kann, ist ebenfalls an Shakespeares Werken ersichtlich. Denn Shakespeare bediente sich einer Vielzahl an Wortfeldern und Sprachbildern, die im modernen Englisch nicht mehr gebräuchlich sind und somit Leerstellen und Verständnislücken erzeugen - sowohl im Original als auch beim Versuch, sie zu übertragen. Gerade bei solchen Textpassagen ist der Eingriff eines literarischen Übersetzers wesentlich, um den Wortwitz und die kulturelle Vorstellungswelt hinter vermeintlichem Kauderwelsch sichtbar zu machen. Er muss zugleich kritisch innehalten und zurücktreten können, um im nächsten Schritt in den Gegenstand einzutauchen und dessen Essenz zu erschließen.

Frank Günther, der sämtliche Dramen Shakespeares ins Deutsche übersetzt hat, ist die Freude am Knobeln und Puzzeln regelrecht anzusehen, die das Übertragen von Nicht-Verstehen in Verstehen und Aneignung bereiten kann. Die Begeisterungsfähigkeit für das andere, das Unbekannte, die letztendlich einen kommunikativen Mehrwert erzeugt, ist eine Eigenschaft, die auch überall dort dringend gebraucht wird, wo im weitesten Sinne kulturelle Übersetzungsleistung gefordert ist.

Diese Vernetzung ist Ergebnis und Verdienst des interkulturellen Dialogs. Eine Rückbesinnung auf nationale Werte hingegen festigt nationale Identitäten und Leitkulturen und bringe das Dogma mit sich, alles verständlich machen zu müssen, wie der Arabisch-Übersetzer Stefan Weidner ausführte. Oft fehle die Bereitschaft, dieses Moment des Nicht-Verstehens auszuhalten und zu ergründen, obwohl jede Sprache Ungenauigkeiten und Unverständliches durchaus ertrage. Ähnlich verhalte es sich mit der die Sprache umgebenden Kultur. Exklusivität und Isolation machten das Original nicht größer, sondern kleiner, weil sie es unzugänglich erscheinen ließen. Aus Nationaldichtern werden dadurch in Wahrheit Dorfdichter. Wo die internationale Perspektive darauf fehlt, wie sich Literaturen überlagern und gegenseitig befruchten, verarmt die Kultur als Ganzes und geht unter im Stimmenwirrwarr des Kannitverstan.