Münchner Kammerspiele: "50 Grades of Shame" Schamlos unsinnlich

(Foto: Judith Buss)

"50 Grades of Shame" an den Münchner Kammerspielen will zeigen, dass Sex längst nicht tabulos ist. Das geht gründlich schief.

Theaterkritik von Christine Dössel

Der Titel zumindest ist super: "50 Grades of Shame" (50 Stufen der Scham) nennt die Performancegruppe She She Pop ihre erste Arbeit an den Münchner Kammerspielen in Anspielung auf die fesselspielerotische Roman-Trilogie "Fifty Shades of Grey" von E. L. James. Die graduelle Titel-Abweichung segelt einerseits unverfroren im Kielwasser des Sadomaso-Bestsellers, weist gleichzeitig aber keck in die eigentliche Richtung, in die es hier auf der Sexgrundlage des Buches gehen soll: in die Dunkelkammern menschlicher Scham. Dafür steht ein anderes, literarisch wesentlich bedeutenderes Werk Pate: Frank Wedekinds einst skandalträchtiges Pubertätsdrama "Frühlings Erwachen" (1891) über die Verheerungen einer repressiven Sexualmoral.

Nicht dass dieses Stück inszeniert werden würde - Stücke gibt es an den Kammerspielen längst nicht mehr -, es dient nur als Folie, auf der die vier She-She-Pop-Mitglieder (zwei Frauen, ein Mann und Lilli, ein "echter Teenager") unter einsatzfreudiger Mitwirkung von vier Schauspielern aus dem Kammerspiele-Ensemble die Körper- und Schamgrenzen ausloten, die es auch heute noch gibt, in unserer ach so freizügigen westlichen Gesellschaft. Das könnte, nicht zuletzt vor dem Hintergrund Tausender Flüchtlinge aus anderen Kulturkreisen, Anlass für einen produktiven Theaterdiskurs über Sexualität, Scham und Moral sein. Das könnte wehtun und vielleicht auch provozieren.

Spröde Aufklärer

Aber nein. Das, was die vier weiblichen und vier männlichen Körperforscher da in 14 Lektionen hübsch schulmeisterlich und in Workshop-gruppendynamischer Cross-Gender-Verteilung auf die Bühne bringen, ist derart brav und unsinnlich und so ohne jede Not, dass man ihnen am liebsten ein Blümchen schenken möchte (für den entsprechenden Sex). Wedekind war ein Extremist dagegen.

Als eine Mischung aus "Predigt, Darkroom, experimentellem Rollenspiel und klassischem Frontalunterricht" bezeichnen die spröden Aufklärer selbst ihr Vorhaben, und all das ist es auch. Vorgelesene Textpassagen aus Wedekinds Stück samt läppischen Improvisationen mischen sich mit dem Vortrag eigener (sexueller) Erlebnisse und Gedanken der "Performer", die sich alle mit ihren Vornamen anreden - nur kein Schauspieler sein! Es gibt auch Runden mit ganz lustigen Antworten auf Fragen wie: Was ist verboten? Was erlaubt? Wofür schämst du dich?

Gliederschwenkende Homunkuli

Theatralisch ist nicht viel zu kriegen. Was auch daran liegt, dass der alles beherrschenden Videotricktechnik Genüge geleistet werden muss - ein Korsett. Wer vorne spricht, dessen Gesicht wird auf zwei schwarze Leinwände in der Mitte projiziert - und wird dort zusammenmontiert mit Körperteilen der anderen, die sich hinter den Leinwänden live um- oder ausziehen und für den Video-Torso posieren. So puzzeln sich Körper neu und schräg zusammen: Männer mit nackten Frauenbrüsten, kurios gekleidete Transgenderwesen, gliederschwenkende Homunkuli. Dazu Finger- und Lippenspiele in Großaufnahme als Erotik-Ersatz.

Von echter Scham weiß der Abend nichts zu erzählen. Er endet mit einem derart naiv-utopistischen, weltumarmenden Totentanz-Gehopse, dass man ihm spätestens da die Kammerspiele-Reife absprechen muss.

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