Von TOBIAS KNIEBE

Apokalypse und Idylle - das magische Kino des Jean-Pierre Jeunet

(SZ vom 3.7.2001) - Dies ist ein Mann, der uns glücklich machen will. Er möchte, dass wir uns den Geruch eines heißen Brathähnchens vorstellen, das wir in der in der Rue Mouffetard gekauft haben, der schönsten Marktgasse von Paris.

Das Leben, betrachtet durch große dunkle Augen: Audrey Tautou als Amélie Poulain im gleichnamigen Film. (© )

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Er möchte, dass wir uns an einen Sporthelden aus unserer Jugend erinnern und an die Bilder seines größten Triumphs. Er lässt uns teilhaben, wenn die Kruste einer frischen Crème brulée zerknackt wird, er nimmt uns mit hinauf auf die Dächer der Stadt, um uns zu zeigen, wie viele Paare im selben Moment einen Orgasmus haben.

Er hofft, dass wir in den großen dunklen Augen eines schüchternen Mädchens versinken, das Amélie heißt, und den Geruch ihrer warmen Haut spüren, wenn wir sie erst auf den rechten Mundwinkel küssen, dann links auf den Hals, und dann auf die Stirn.

Das Herz der großen Nation

Jean-Pierre Jeunet, der Menschenfreund. Schenkt den Franzosen "Amélie Poulain", diesen glücklichmachenden Film. Und die Franzosen sind gerührt bis ans Herz ihrer großen Nation, bis in die höchsten Ränge der Politik.

Fast meint man, von drüben den Drang nach einer geistig-moralischen Wende zu spüren, nach einer Renaissance des Mitgefühls, eine Sehnsucht nach den einfachen Freuden des Lebens. Aber so war diese Unternehmung nie geplant. Da war einfach ein Regisseur, in dessen Kopf sich viele kleine Geschichten angesammelt hatten, seltsam und rührend und alltäglich, viele Beobachtungen am Rande, die sich irgendwie zusammenfügen mussten. Der sich dann zum ersten Mal aus dem Studio hinausgewagt hat, hinein in die Straßen der Stadt.

Ich kann nichts dafür, sagt er, mir geraten alle Einstellungen zur Fotografie, ich muss das Bild beherrschen. So hat er nun ein Paris gefilmt, das in jeder Kadrierung zur Postkarte gerinnt, digital nachbearbeitet, der Zeit entrückt. Die meisten Menschen, die diese Postkarten jetzt sehen, möchten sie gleich unterschreiben und weiterschicken. Wir haben es also mit einen Phänomen zu tun, das noch die Welt erobern wird, wenn die ersten Reaktionen auf dem Filmfest als Indiz gelten können. Und das Schöne daran ist, dass es selbst für Cineasten so unerwartet kommt: Jean-Pierre Jeunet dreht einen Film über die Menschen von Montmartre, da hätte man vor einem Jahr noch etwas anderes erwartet.

Postapokalyptisch verfallene Häuser zum Beispiel, deren Ruinen in einen fahlen orangegelben Himmel ragen. Einen Metzgerladen an der Ecke vielleicht, mit einem fetten Patron, der nachts, wenn das Fleisch ausgeht, hin und wieder einen Mieter schlachtet.

Eine Selbstmörderin im Dachstübchen, deren Versuche, sich das Leben zu nehmen, ständig scheitern. Eine Bande Waisenkinder, die sich in der Kanalisation versteckt, und einen verrückten Wissenschaftler im Kellerlabor, der in riesigen Glasröhren die Ergebnisse seiner misslungenen Menschenversuche konserviert.

So oder ähnlich hat man die Bilder aus Jeunets bisherigen Filmen in Erinnerung, die oft in Zusammenarbeit mit dem Art Director Marc Caro entstanden - aus dem kannibalischen "Delicatessen", aus der "Stadt der verlorenen Kinder" und "Alien 4": Jean-Pierre Jeunet, der kranke Visionär? "Meine Lehrjahre, das waren die Kurzfilme", sagt der Mann, der mit 17 die Schule abbrach, dann als Monteur arbeitete und nie die geringste Filmausbildung genossen hat.

In diesen Kurzfilmen ist alles schon da: die Kontrolle über das Bild, die Tendenz zum Comic, die dunklen Obsessionen, aber auch eine Leidenschaft für Anekdoten und schöne Beobachtungen, die "Amélie Poulain" schon vorwegnimmt und in den großen Filmen längst nicht so präsent ist.

Alles begann Mitte der Siebzigerjahre, als Jeunet auf dem Filmfestival von Annecy den Comiczeichner Marc Caro kennen lernte. Gemeinsam beschlossen sie, Animationsfilme zu machen - Caro entwarf die Figuren, Jeunet dachte sich die Geschichten dazu aus und führte Regie.

"Le Manège / Das Karussell" (1980) ist ein Beispiel dafür: Es steht auf dem Jahrmarkt und sieht erst einmal unverdächtig aus, aber es wird von Kindersklaven angetrieben, die tief drunten in der Mechanik gefangen gehalten werden. Diese Faszination für Jahrmärkte und Geisterbahnen wird auch später wieder auftauchen, genau wie das Thema von der Ausbeutung der Kinder für die Träume der Erwachsenen. "Pas de repos pour Billy Brakko / Keine Pause für Billy Brakko" (1984) beruht auf einem Comic von Marc Caro und erzählt vom kurzen Leben eines Helden, der nach seinem Tod als Animationsfigur weiterleben darf - der Film ist deutlich inspiriert: Die Hauptfigur ist erkennbar an Lynchs "Eraserhead" angelehnt, weitere Einflüsse sind die frühe sowjetische Propaganda-Ästhetik und die klassischen Figuren von Tex Avery.

Etwas Comichaftes bleibt bei Jeunet bis heute bestehen, auch wenn er sich selbst immer wieder gemahnt hat, seine Figuren komplexer zu gestalten. "Le Bunker de la dernière rafale / Der Bunker der letzten Feuerstöße" folgt ein Jahr später, nun zwar ganz mit realen Darstellern, dafür ohne Dialog und im fahlen Schwarz-Weiß eines Stummfilms. Eine Gruppe glatzköpfiger Männer (auch dies ein stetig wiederkehrendes Motiv) erwartet das letzte Gefecht in unterirdischen Stellungen, gekleidet in SS-artigen Uniformen.

Aber weil die Lage offenbar sehr verworren ist, foltern sie lieber Kakerlaken, machen bizarre Menschenversuche oder bringen sich gegenseitig um. Jean-Pierre Jeunet, der Menschenfreund, blitzt hingegen in im letzten Kurzfilm "Foutaises / Was ich mag, was ich nicht mag" (1989) schon auf, der bezeichnenderweise ohne Marc Caro entstand. Da sieht man das wunderbare Knautschgesicht von Dominique Pinon, der seither in keinen Film mehr fehlen darf. Er erzählt einfach von den Dingen, die er mag und die er nicht mag, und dies sind natürlich exakt die Marotten seines Regisseurs. Die schönen Dinge des Lebens? Wenn nach dem Urlaub Sand aus den Seiten eines Buches rieselt, wenn man von einem Keks alle Ecken abbeißt, wenn zwei Züge nebeneinander herfahren, das Lachen von Richard Widmark und die Worte "Trans-Europa-Express" ... Die nicht so schönen Dinge? Nasenhaare, sich vorstellen, was im Inneren einer Frau los ist, wenn man mit ihr Liebe macht, die Kadaver von Weihnachtsbäumen auf dem Gehsteig im Januar, der Programmschluss im Fernsehen.

Im Schnelldurchlauf

In "Amélie Poulain" greift Jeunet dieses Mittel auf, um Figuren rasch zu charakterisieren, ein Schicksal quasi im Schnelldurchlauf zu zeigen: Amélies Vater mag es nicht, wenn jemand verächtlich auf seine Sandalen starrt, oder wenn die Badehose im Schwimmbad an den Beinen festklebt, oder wenn jemand neben ihm am Pissoir steht. Aber er liebt es, seinen Werkzeugkasten zu leeren, gründlich zu reinigen und wieder einzuräumen. Amélie selbst mag es, die Gesichter der Leute im Kino zu beobachten, oder winzige Details auf der Leinwand zu bemerken, die niemand beachtet hat. Sie mag es nicht, wenn die Leute in alten Filmen Autofahren und dabei ewig nicht auf die Straße sehen.

Er hat, sagt Jeunet, eine noch viel längere Liste von solchen Dingen, die er eines Tages verwenden kann. Er war also, muss man abschließend sagen, schon immer ein Menschenfreund mit kranken Visionen, oder ein kranker Visionär mit einem romantischen Herz. "Amélie Poulain" lässt ihn erstmals vollständig erscheinen - einer der interessanteren Filmemacher zurzeit, dem reinen Kino schon sehr nah. Als Teenager habe er Leones "Spiel mir das Lied von Tod" gesehen und noch drei Tage danach nicht sprechen können, erzählt Jeunet, und diese Wucht und Sinnlichkeit, die möchte er natürlich selbst irgendwann erreichen. Drei Tage nicht sprechen nach einem Film, das klingt aber auch nach jugendlicher Einsamkeit, nach dem Leben eines Träumers. "Die Zeiten sind hart für Träumer", heißt es einmal bei "Amélie" - aber dies stimmt überhaupt nicht. Die Welt träumt gern mit Jean-Pierre Jeunet, und vielleicht waren die Zeiten dafür nie besser als heute.

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