Mühlheimer Theatertage 2012 Peter Handke ist "Dramatiker des Jahres"

"Ein Stück, das unbedingt geschrieben werden musste": Der politisch umstrittene österreichische Schriftsteller Peter Handke ist "Dramatiker des Jahres 2012". Bei den Mülheimer Theatertagen überzeugte er die Jury mit seinem Werk "Immer noch Sturm".

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke erhält den mit 15.000 Euro dotierten Mülheimer Dramatikerpreis 2012. Vier der fünf Juroren des Theaterwettbewerbs "Stücke 2012" stimmten in Mülheims Theater an der Ruhr für den 69-jährigen Handke und sein Schauspiel "Immer noch Sturm". Die fünfte Stimme ging an Claudia Grehn und Darja Stocker für "Reicht es nicht zu sagen ich will leben". Der Dramatikerpreis gilt als einer der wichtigen Theaterpreise Deutschlands.

Vier Stimmen für Handke: Mit "Immer noch Sturm" in der Inszenierung des Thalia Theaters Hamburg holte sich der Schriftsteller den mit 15.000 Euro dotierten Mülheimer Dramatikerpreis 2012.

(Foto: dapd)

"Es ist ein Stück, das unbedingt geschrieben werden musste", sagte Jurorin Rita Thiele während der abendlichen Debatte im Theatersaal über "Immer noch Sturm". "Damit setzt Handke allen ethnischen Minderheiten ein Denkmal. Es ist ein universelles Stück", lobte sie.

Handke gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Politisch ist er stark umstritten, seitdem er vor einigen Jahren öffentlich den jugoslawischen Ex-Diktator Slobodan Milosevic verteidigte. Die Koproduktion des Thalia Theaters Hamburg und der Salzburger Festspiele war im August 2011 in Salzburg uraufgeführt worden. In dem Stück blickt ein dramatisches "Ich", das Züge Handkes trägt, zurück auf die Zeit des Nationalsozialismus.

Juror Gerhard Preußer nannte "Immer noch Sturm" ein "sehr persönliches Stück, aber dennoch eines von exemplarischer Subjektivität." Es sei nirgendwo eine private Erzählung, sondern eine Geschichtserzählung. Es gebe einen großen Reichtum an Motiven - "gewürzt mit allen Mitteln der Ironie und des Selbstwiderspruchs". Juror Till Briegleb sprach von einem "wirklich großen Stück". Der Preis soll bereits am 24. Juni oder 1. Juli verliehen werden.

4800 Menschen verfolgen Diskussion im Internet

Der Publikumspreis ging an den Autor Philipp Löhle für "Das Ding", eine kritische Globalisierungskomödie. Inszeniert wurde sie vom Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Die Diskussion um die Preisverleihung wurde als Live-Stream im Internet übertragen und von etwa 4800 Zuschauern verfolgt. Im Rahmen des Wettbewerbs waren in den vergangenen drei Wochen sechs Inszenierungen auf die Bühne gekommen. Die elf Vorstellungen wurden von etwa 2500 Menschen besucht und aren damit nahezu ausverkauft.

Im Wettbewerb waren neben Handke, Grehn und Stocker noch die Theater-Newcomerin Anne Lepper mit "Käthe Hermann", Martin Heckmanns mit "Vater Mutter Geisterbahn" und Roland Schimmelpfennig mit "Das fliegende Kind". Das ebenfalls eingeladene Stück "Kill your Darlings! Streets of Berladelphia" von René Pollesch wurde nicht aufgeführt, weil der Hauptdarsteller erkrankt war. Es nahm daher nicht am Wettbewerb teil.

Bereits vor zwei Wochen war bei dem Wettbewerb das beste Kinderstück ausgewählt worden. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis ging an Jens Raschke für "Schlafen Fische?". Der vom Theater im Werftpark Kiel inszenierte Monolog handelt vom Tod eines Kindes.