"Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit" im Kino Stillleben der Einsamkeit

Kümmert sich um die Bestattungen einsam Verstorbener: Eddie Marsan als ein hinreißender Mr. May.

(Foto: dpa)

Zu Beginn sieht Uberto Pasolinis vielfach preisgekrönter Film "Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit" wie das Porträt eines verschrobenen Mannes aus. Doch dann weitet sich der Bilderreigen zu zu einer bewegenden Meditation über Einsamkeit und Tod aus, die ihre ganz eigene faszinierende Sprache findet.

Von Rainer Gansera

Wenn Mr. May einen Apfel schält, dann tut er das so geduldig, dass die Schale als ein einziger, spiralig gewundener Kringel auf dem Tisch zurückbleibt. Wenn er die Straße am Zebrastreifen überqueren will, blickt er gleich zweimal besorgt nach links und rechts. Dieselbe zeremonielle Überkorrektheit legt er an den Tag, wenn er einen seiner "Fälle" bearbeitet. Eddie Marsan konturiert seine Figur in "Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit" mit einer hingebungsvollen Zurückhaltung, obsessiv und penibel.

Seit 22 Jahren ist Mr. May Angestellter der Londoner Stadtverwaltung und kümmert sich um die Bestattungen einsam Verstorbener. Zu Beginn sieht Uberto Pasolinis vielfach preisgekrönter Film, der seinen Helden auf Schritt und Tritt begleitet, wie das Porträt eines verschrobenen Mannes aus, der einer kuriosen Tätigkeit nachgeht. Dann aber weitet sich der streng komponierte, von Melancholie durchwehte Bilderreigen zu einer bewegenden Meditation über Einsamkeit und Tod in einer Gesellschaft, die immer mehr Menschen in die Isolation treibt.

John Mays Arbeitsplatz zwischen Aktenregalen ist weniger Büro als Abstellplatz. Dort rückt er seinen Stuhl zurecht, eröffnet eine neue Akte und beginnt mit der Suche nach Hinterbliebenen einer verstorbenen Dame.

Er führt zumeist erfolglose Telefonate, die eine bittere Lebensgeschichte erahnen lassen. Dann die detektivische Spurensuche in der Wohnung der Verstorbenen. Stillleben der Einsamkeit - auch wenn die Kamera Mr. May in sein eigenes, karges Apartment begleitet.

Dramatisch gerät in sein Leben aus dem Gleichgewicht, als er einen neuen Vorgesetzten bekommt. Einen jungen Karrieristen, der ihm seine frisch ausgeheckte Rationalisierungsphilosophie unterbreitet: "Wenn es keine Hinterbliebenen gibt, muss es keine Beerdigungen geben!"

Ein hermetisches Universum wie bei Kaurismäki

Mr. May erhält seine Kündigung und noch drei Tage, um einen letzten Fall zu bearbeiten. Diese finale Beerdigung wird sein Glanzstück an Recherche: die Rekonstruktion eines Lebens, dem die letzte Ehre erwiesen wird.

Regisseur Uberto Pasolini ist nicht mit Pier Paolo Pasolini verwandt, sondern ein Neffe Luchino Viscontis. Er lebt in London und wurde als Produzent des Komödienerfolgs "The Full Monty" (1997) bekannt.

Stilistisch erinnert sein "Mr. May" weder an die Tragikomik italienischer Komödien noch an schwarzhumorige Brit-Comedys. Pasolini zeichnet, ähnlich wie Aki Kaurismäki in seinen letzten Filmen, ein hermetisches Universum, das sich zur Lebensbuntheit hin öffnet und mit jedem Bild die innigsten Resonanzen unserer Anteilnahme erweckt.

Still Life, GB/Italien 2013 - Buch, Regie: Uberto Pasolini. Kamera: Stefano Falivene. Mit: Eddie Marsan, Joanne Froggatt. Piffl Medien, 92 Minuten.