"mother!" im Kino Eine Zumutung, die sich lohnt

Der berühmte Dichter (Javier Bardem, links) hat Probleme mit seiner Kunst und seiner Libido. Beide Blockaden soll seine Frau (Jennifer Lawrence, Mitte) beheben.

(Foto: Paramount Pictures)

Jennifer Lawrence und Javier Bardem müssen in "mother!" auf einen ziemlich kontroversen Horrortrip: ein Film, der geliebt oder gehasst werden will.

Von Tobias Kniebe

Irgendwann tritt der Film in sein letztes Drittel ein, alle Terrorwarnsysteme stehen auf Dunkelrot, und man hat trotzdem nicht den Hauch einer Ahnung, worauf das Ganze hinauslaufen soll. Gäbe es eine Pausentaste, die im Kino ja zum Glück vergessen wurde, würde man kurz innehalten und den Moment genießen.

Denn wann erlebt man das schon im gegenwärtigen Hollywood, dass der Weg zur Auflösung wirklich ins Unbekannte führt, dass Genres und Klischees so wild durcheinandergewirbelt werden, dass man nicht mehr weiß, wo vorne und hinten ist, und keine Vorstellung davon hat, was als Nächstes passieren könnte? Eben.

Schon deshalb sollte man Darren Aronofskys "Mother!", der von den Kritikern vor ein paar Tagen in Venedig heftig ausgebuht wurde, aber auch leidenschaftliche Verteidiger fand, unbedingt ernst nehmen. Dies ist ein Film, der geliebt oder gehasst werden will. Gleichgültig wird er seine Zuschauer eher nicht entlassen.

Vor allem aber sollte man den wertvollen Moment des Rätselns nicht dadurch ruinieren, dass man vorab zu viel verrät. So kann es hier eigentlich nur darum gehen, was für ein Film "Mother!" vielleicht hätte sein können, dann aber doch nicht wurde. Auch das ergibt Stoff genug.

Da ist zum Beispiel das erste Bild. Es zeigt eine Flammenwand, in der das Gesicht einer Frau erscheint, die gerade vom Feuer verzehrt wird, aber die Augen nicht schließt. Es ist Jennifer Lawrence. Aus dem Inferno heraus starrt sie uns an, und im nächsten Schnitt ist die Welt schon erkaltet und zu Asche erstarrt. Inmitten der Asche aber steht Javier Bardem, unversehrt, er hat einen durchsichtigen Kristall in den Händen, der von glühenden Fäden durchzogen ist, und in einer Art schamanischem Akt hebt er damit alle Verbrennungen und Verkohlungen wieder auf, bringt Farbe, Frische und Leben in die schwarze Ruine seines großen alten Hauses zurück. Und oben im Schlafzimmer erwacht die junge Frau, die gerade noch lichterloh brannte.

Eine Geschichte also, die vom Aufwachen handelt, die vielleicht aber doch ganz in der Logik des Traums gefangen bleibt. Eine Geschichte der Eskalation, in der alles brennen muss, was aber nicht nur ein Ende zu sein scheint, sondern auch ein Beginn. Ein Film über Magie, übersinnliche Kräfte und esoterische Steine? Nein, das wäre dann doch die falsche Fährte.

Jennifer Lawrence ist derzeit die mächtigste Frau in Hollywood, sie hat diesen Film ermöglicht

Denn da ist ja jetzt dieses Paar, das doch eher irdische Paarprobleme hat. Er ist ein offenbar recht berühmter Dichter, der von einer Blockade gelähmt wird, nicht nur, was sein Schreiben betrifft, sondern auch seine Libido. Sie ist seine deutlich jüngere Frau, die gern barfuß in durchsichtigen Hemdchen durchs Haus läuft, um beides wieder in Schwung zu bringen. Mit ihrem besänftigenden Nestbauinstinkt macht sie alles aber vielleicht nur noch schlimmer.

Wären die Dinge so einfach, wie sie in diesem Moment aussehen, könnte man Jennifer Lawrence den Stempel "lachhafte Frauenfigur" auf die Stirn drücken und sie zur Sofortverbrennung freigeben. Man darf aber nicht vergessen, dass sie derzeit die mächtigste und bestbezahlte Schauspielerin Hollywoods ist. Es gibt diesen Film überhaupt nur, weil sie in Liebe zu diesem Drehbuch entflammt ist. Diese Liebe hat sich dann sogar auf dessen Schöpfer übertragen - Aronofsky und Lawrence sind inzwischen ein Paar.