Von Andrian Kreye

Reiseziel Zukunft: Die Mondlandung war der einzige Schlüsselmoment der Moderne, den die Menschen auch selbst erleben konnten.

Als Neil Armstrong am 21. Juli 1969 seinen legendären "großen Schritt für die Menschheit" tat, markierte er mit seinem Mondstiefelabdruck Größe 43 vor allem den Zenit der Moderne. Die Mondlandung krönte ein Zeitalter, das mit der Ära eines bisher in der Geschichte der Menschheit einzigartigen Optimismus zu Ende ging. An diesem Sommertag traf sich auf dem Mond dieser unwiderstehliche Cocktail aus Aufklärung, Entdeckergeist und Ingenieurskunst, der mit diesem Schlüsselmoment ein Urvertrauen in die Fähigkeit der Menschen bestätigte, über sich selbst hinauszuwachsen.

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Gute Reise: US-Präsident Lyndon Johnson (Mitte, ohne Brille) beobachtet den Start von Apollo 11. (© Foto: rtr)

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Schon Tage zuvor hatten sich die Erwartungen ins Unermessliche gesteigert. Der Fotograf Dave Burnett hatte sich kurz vor dem Start der Apollo 11-Rakete an die Küste in der Nähe von Titusville begeben, wo sich die Schaulustigen auf der anderen Seite der Bucht von Cape Canaveral versammelten. Auf seinen Fotos bekommt man eine Ahnung davon, welch euphorische Stimmung da an der Küste von Florida herrschte. "Die Leute waren nicht nur gekommen, um irgendeinen Raketenstart zu sehen", erinnert er sich. Geschichte wurde hier gemacht. Was dann um 9.32 Uhr Ortszeit geschah, lässt sich heute weder in Worten noch Bildern wiedergeben.

Sicher kann man auch heute noch an der Küste bei Cape Canaveral einen Aufbruch ins All erleben. Am 29. September 1988 gab es auch noch einmal so einen erwartungsvollen Augenblick. Es war der erste Space-Shuttle-Start nach der Katastrophe der Raumfähre Challenger. Und wieder konnte man spüren, an was sich Dave Burnett mit seinen Fotos erinnert - dieses tiefe Donnern und Beben, die mächtigen Quellwolken am Heck des Raumschiffs, der Feuerstrahl, der es unaufhaltbar in den Himmel schiebt, wo es als Lichtpunkt im Blau verschwindet. Doch dieser Start war nur die Überwindung eines Traumas, das historisch doch nur ein Schönheitsfehler in der glorreichen Geschichte der Raumfahrt war. Die Zeit ist längst eine ganz andere.

1969 ging eine Ära zu Ende, in der sich die Menschheit nicht nur technisch, sondern auch gesellschaftlich enorm entwickelt hatte. Als Neil Armstrong den Mond betrat, tat er jedoch nicht nur den symbolischen großen Schritt, er erlöste die Menschheit auch von einem Fluch. Der Tag, an den sich bis dahin jeder Mensch erinnern konnte, war das Attentat auf John F. Kennedy gewesen, jenen Präsidenten, der die Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit zumindest für den Westen in seiner Person vereinte, und der das Programm für die Mondfahrt ja letztlich ins Leben gerufen hatte.

Von nun an konnten sich die Menschen nicht nur daran erinnern, was sie taten, als sie vom Tode Kennedys erfuhren, sondern auch, wie sie die erfolgreiche Mondlandung erlebten. Solche universalen Gemeinschaftsereignisse sind selten. Und meist wecken sie unangenehme Erinnerungen. Welche Momente der Weltgeschichte haben sich sonst so fest im Gedächtnis so vieler verankert? Seit jenem 20. Juli 1969 waren das Nixons Abtritt, die Ermordung John Lennons, der Atomunfall in Tschernobyl, die Anschläge des 11. September 2001, die Tode von Lady Diana und Michael Jackson.

Kein Wunder also, dass sich die Menschheit seit der Mondlandung nach einem weiteren solchen Zenit kollektiver Ekstase sehnt. Nur eine solche gemeinsame Leistung der Menschheit könnte einen solchen Moment erzeugen. Die großen Versprechen der digitalen Welt und der Biotechnologien taugen nicht für ein Erlebnis, das die Utopie von einer besseren Welt und Menschheit erfahrbar macht. Wer erinnert sich schon lebhaft an seine erste E-mail, oder wo er war, als das Genom entschlüsselt wurde? So bleibt die Mondlandung bis heute der einzige Schlüsselmoment der Moderne, den die Menschen auch selbst erleben konnten.

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(SZ vom 18.07.2009/korc)