Mollino-Ausstellung im Haus der Kunst Überraschend klarer Blick eines Dandys

Carlo Mollino war Rennfahrer, Sportflieger, Frauenheld - und dabei so exzentrisch, dass sein kreatives Lebenswerk in Vergessenheit geriet. Das ändert sich nun: Mit seiner letzten Ausstellung im Münchner Haus der Kunst zeigt der ehemalige Direktor Chris Dercon Architektur, Design und Fotografien des Turiner Lebemanns.

Von Laura Weissmüller

Carlo Mollino hat sogar den Stillstand in Bewegung gebracht. Der Rennwagen, den der Italiener 1955 für das 24-Stunden-Rennen von Le Mans zusammen mit Mario Damonte und Guido Nardi entwarf und der jetzt die große Ausstellung über ihn im Haus der Kunst eröffnet, sieht aus als würde er just in diesem Augenblick mit durchgedrücktem Gaspedal seinen Parkplatz verlassen. Dem Betrachter bleibt nichts mehr als das vermeintlich vorbeizischende Heck zu bestaunen: zwei waghalsig miteinander verbundene feuerrote Riesenraketen, die zu ihren eigenen Rücklichtern mutieren. Von 0 auf 100 im Stillstand gewissermaßen.

Für Mollino war das ganze Leben eine einzige Bewegung, oder vielleicht besser: ein durchchoreographierter Tanz. Von der Spazierfahrt im Auto, die er auf einem Blatt Papier für zwei Limousinen in Form von Grundriss, Aufriss und Querschnitt entwarf, über den perfekten Stemmschwung eines Skifahrers, dessen Anleitung er als Comic Strip in seinem Skihandbuch vorzeichnete, bis zu dem Eisengeländer des Tanzclubs "Lutrario", das so aussieht als hätte sein Schöpfer Duchamps "Akt, eine Treppe herabsteigend" in die wild gebogenen Geländerstreben geschmolzen. Stillstand war nicht vorgesehen bei Carlo Mollino. Die geschwungene Linie durfte auf keinen Fall unterbrochen werden.

Der Turiner ist der große Unbekannte in der Architektur des 20. Jahrhunderts geblieben. Nicht weil er etwa im Verborgenen existierte. 1905 als Sohn eines erfolgreichen Architekten und Ingenieurs geboren, verbrachte er sein Leben im Rampenlicht seiner Exzentrik. Mit seinem gelben Porsche raste er durch die Stadt, er vollführte über ihren Dächern waghalsige Loopings mit Sportflugzeugen. Und obwohl er zeitlebens im Haus des Vaters wohnte, umgab er sich mit schönen Frauen. Nicht zuletzt probte er sein dandyhaftes Rollenspiel an sich selbst: Seine schlanke Gestalt steckte er gerne in Reitstiefel, der Schnauzer war stets perfekt getrimmt, Fliege und Streifensocken aufeinander abgestimmt.

Von Mollinos Arbeit als Architekt, die er 1931 nach seinem Studium an der Polytechnischen Universität begann und bis zu seinem Tod 1973 betrieb, war bisher nur wenig bekannt. Sein Name stand für Dandytum, Verruchtheit und einen Geschmack bis an der Trashgrenze.

Die große Münchner Schau stellt nun erstmals Mollinos Architektur in den Mittelpunkt. Sie ist die letzte Ausstellung des ehemaligen Haus der Kunst-Chefs Chris Dercon, der im vergangenen Frühjahr als Direktor an die Londoner Tate Modern ging, und ist mit den Co-Kuratoren Wilfried Kuehn und Armin Linke entstanden. Durch ihren Fokus ermöglicht sie nun einen überraschend klaren Blick auf den schöpferischen Nukleus des Tausendsassas, aus dem seine gesamte Kunst, allen voran seine wesenhaften Möbelstücke und seine surrealistischen Fotos, hervorgegangen ist.

Schon in seinem ersten großen Bauwerk, dem Reitclub in Turin, den er 1937 bis 1940 gemeinsam mit dem Architekten Vittorio Baudi di Selve schuf, zeigt sich Mollinos Lust am Collagieren. Präsentierte sich die "Società Ippica" äußerlich streng rational als horizontale Schachtel, durften sich im Inneren die Formen umso kräftiger bewegen. In den seltensten Fällen hielten die Wände hier still. Lieber umkurvten sie den Raum. Das gläserne Geländer im inneren Treppenhaus schwangt sich sogar wie eine Boa constrictor nach oben.

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