Modelle Gegen den Strich

Schwache Frauen, starke Männer - diese Klischees löst Lindbergh auf. Seine Methode: Tina Turner, der Eiffelturm und ein traurig schauender Oscar-Gewinner.

Von Sandra Danicke

Das Gesicht ist eine Landschaft. Neugierig schweift der Blick über Sommersprossen, Fältchen und Poren, als gelte es, ein unbekanntes Territorium zu ergründen. Die sanft geschwungenen Lippen und Wangenknochen suggerieren im ersten Moment, dass es sich um das Gesicht einer Frau handelt - bis man die feinen, blonden Barthärchen erkennt, die um den Mund herum seidig schimmern. Das Bild, das Peter Lindbergh 2013 von dem britischen Schauspieler und Model Eddie Redmayne gemacht hat, wirkt auf bemerkenswerte Weise intim. Es zeigt den Darsteller, der für seine Rolle als Stephen Hawking in "Die Entdeckung der Unendlichkeit" den Oscar erhalten hat, wie er noch nie gezeigt wurde: sinnlich, feminin, melancholisch und verletzlich.

So ein Foto kann man nicht planen. Es entsteht aus einer vertrauten Situation heraus. Lindbergh kalkuliert seine Fotos nicht im Detail vorab. Er wartet ab, was geschieht, wie sich das Aufeinandertreffen von Fotograf und Modell entwickelt. "Ich fange einfach an und versuche, interessante Momente während der Vorbereitung zu finden, die spontan entstehen und nicht reproduzierbar sind", erzählte er einmal in einem Interview mit dem Spiegel.

Tina Turner hängt lässig und unverwundbar am Eiffelturm

Während er bei Redmayne so dicht heranging, dass man fast meint, man könne die Wimpern zählen, wählte er bei Tina Turner einen ganz anderen Blickwinkel, und wäre sie nicht für ihren speziellen Look mit Minikleid, High Heels und dem voluminösen Haar bekannt, würde man sie auf Anhieb vielleicht gar nicht erkennen. Wie Redmayne hält sie die Augen geschlossen, doch das Bild, das Lindbergh 1989 auf dem Höhepunkt ihrer Karriere in Paris gemacht hat, wirkt nicht intim, es wirkt vor allem stark. Wie die Sängerin da so lässig und angstfrei an der Eisenkonstruktion hängt, weit über der Stadt, erscheint sie nicht nur energiegeladen, sondern auch unverwundbar.

Starke Frauen sind ein Markenzeichen von Lindbergh, der mit seinen Aufnahmen von Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Cindy Crawford und Kate Moss den Begriff des Supermodels geprägt hat. Seit den Achtzigerjahren inszeniert er Frauen, die zwar für Kleidung und Accessoires werben, dabei jedoch als starke, mächtige Individuen wahrgenommen werden. Damals war das eine völlig neue Sichtweise. Lindbergh zeigt diese Frauen als charismatische Persönlichkeiten, bildschön, aber nicht aalglatt. Er steckt sie in Männerhemden oder Latzhosen - Kleidung, die ihre Körper nicht betont, aber dafür cool und aufregend wirkt. Vor allem die US-Amerikanerin Milla Jovovich wurde von Lindbergh immer wieder in Männerposen abgelichtet: in Herrenanzügen, mit aufgemaltem Menjou-Bärtchen oder auch schon mal im Blaumann. Und der Betrachter versteht: Diese Frau braucht keinen Beschützer. Sie ist tough, selbstbewusst und couragiert.

Männer hingegen zeigt Lindbergh immer wieder als nahbare, sensible Wesen, etwa das britische Männermodel Harvey Newton-Haydon, das der Fotograf für eine Hugo-Boss-Werbung verführerisch und sinnlich in Szene gesetzt hat. Oder - ganz anders - der portugiesische Schauspieler Carloto Cotta, den Lindbergh für die Vogue Hommes in weißer Kleidung zusammengekauert auf einer kahlen Matratze fotografiert hat. Die weißen Kacheln im Hintergrund verstärken den Eindruck, dass Cotta sich als Patient in einer Klinik befindet. Cottas Kollege Brad Pitt wurde von Lindbergh in einem Augenblick abgelichtet, in dem der Schauspieler zweifelnd und fast ein wenig unsicher in die Kamera blickt - ein Moment, in dem hinter der Pose ein Funken Authentizität aufblitzt. Den Dänen Mads Mikkelsen hielt Lindbergh ebenfalls in einem Augenblick fest, in dem der Schauspieler sehr unspektakulär, nachdenklich und sogar ein wenig traurig wirkt. Sein Blick wirkt so offen, dass es einem vorkommt, als blicke man direkt in sein Herz. Stets meint man in diesen Aufnahmen etwas vom Wesen, vom Charakter der Dargestellten zu spüren, einen unverstellten Moment, in dem die Porträtierten ganz bei sich sind.

Besonders raffiniert ging Lindbergh vor, als er 2015 eine Serie von Angelina Jolie und Brad Pitt für die italienische Vanity Fair fotografierte, in der er Jolie als zarte, zerbrechliche Person zeigt, die sich an die starke Schulter ihres Mannes schmiegt. Damit bürstete er die Klischeevorstellung, die man von diesem Paar hatte - er der Sanfte, sie die Durchsetzungsfähige - auf elegante Weise gegen den Strich.

Die gelackten, hoch manipulierten Fotos, die Stars und Models in geschlechtertypischen Posen zeigen, sind Lindbergh seit je ein Graus. Darum hat er den aktuellen Pirelli-Kalender auch mit nicht mehr ganz jungen Damen geschmückt, die nur ein dezentes Make-up tragen und durchaus Spuren des Alters erkennen lassen, ohne dadurch im Mindesten an Attraktivität zu verlieren. Helen Mirren, die sich in eine graue Decke gewickelt hat und fast schon ein wenig unwirsch an der Kamera vorbeischaut. Julianne Moore, die mit zerzaustem Haar unleidlich wirkt. Penélope Cruz, die traurig, aber dennoch sehr sinnlich aussieht. "Nichts ist so sexy wie Persönlichkeit" hat Peter Lindbergh mal gesagt. Das gilt für Frauen genauso wie für Männer.