Infantile Fantasien sind das, rosarote Eskapismen, aber immerhin unterhaltsam. Die spirituellen Weltordnungsversuche werden nämlich nicht vertrauenserweckender, wenn sie den Pendel-Kreis verlassen. In Amerika finden Primatenforscher inzwischen noch nur mit Mühe Geld, und eine junge Wissenschaftlerin, die Affen in Costa Rica beobachtet, berichtet selbst ihren Eltern nur vage über ihre Arbeit, weil diese mit Darwin mehr zu tun hat als mit dem lieben Gott: Die Evolution ist so unanständig geworden wie Sex mit Tieren.
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Eine junge Disziplin, "Neuro-Theologie" genannt, betreibt die scheinbare Aussöhnung der alten Erzfeinde Wissenschaft und Religion. Gott, so etwa die These des Molekularbiologen Dean Hamer, sei biologisch nachweisbar, Glaube evolutionär festgelegt auf dem "Gottes-Gen" VMAT2. Andere Forscher vermuten, dass sich zumindest der Sitz der Religiosität lokalisieren lasse und zwar im Scheitellapen: Da wird Atheismus zur biologischen Anomalie.Andere Studien belegen, dass fromme Menschen gesünder und glücklicher leben und besser wirtschaften, womit Gottlosigkeit nicht nur zum Gesundheitsrisiko, sondern auch zum Armutsfaktor wird. Bis zur halbierten Wespe ist es da nicht mehr weit.
Noch gibt es bockige Empiriker wie den Neurologen Richard Dawkins, der die Existenz Gottes mit einer "Teekanne in der Umlaufbahn des Mars" vergleicht: Nicht zu beweisen, aber auch schwer zu widerlegen. Einen der schönsten Zweifler schenkte Daniel Kehlmann unlängst der Literatur, den Mathematiker Carl Friedrich Gaus in "Die Vermessung der Welt". Gaus nämlich hält die Idee eines jüngsten Gerichts schon rein logisch für völlig abwegig: "Angeklagte konnten sich verteidigen, manche Gegenfragen würden Gott nicht angenehm sein. Insekten, Dreck, Schmerz. Das Unzureichende in allem. Selbst bei Raum und Zeit war geschlampt worden. Falls man ihn vor Gericht stellte, gedachte er ein paar Dinge zur Sprache zu bringen."
Vorerst aber steht die Wissenschaft selbst unter Rechtfertigungsdruck. Gerade sie muss sich vorwerfen lassen, dass sie den spirituellen Übereifer erst provoziert hat: durch Klone, gotteslästerliche Reproduktionsverfahren und Hightech-Medizin, die die Grenzen des Menschseins auflöst. Außerdem hat sie zwar viele Rätsel gelöst, aber der Rest sei eben so komplex, dass sich die Frage nach einem metaphysischen Superhirn erst recht stelle.
Religion ist ein Beweis für die Schwäche des Menschen, kein Argument für die Existenz Gottes. Und dass die Renaissance des Glaubens die Welt zu einem schöneren Ort gemacht hat, wird ihm Ernst niemand behaupten. Religion rechtfertigt den islamistischen Terror, den militärischen Messianismus im Weißen Haus und ein paar andere unschöne Entwicklungen, und dass es oft gar nicht um den einen oder anderen Gott geht, sondern um politische Zwecke, ändert nichts daran, dass der Glauben vielen Konflikten gute Argumente liefert. Religionen sind Erfindungen des Menschen. Sie spiegeln wider, wie wir gerne wären, nicht, wie wir sind. Die meisten Religionen enthalten Appelle für ein friedliches Miteinander, die wenigsten wirken dabei friedensstiftend. Wie jedes andere soziale Distinktionsmerkmal, wie Klassen oder Ethnien, ist auch der Glaube nur so integrativ wie jene, die ihn tragen.
Paradoxerweise hat aber nicht mal der militante Islamismus die Neo-Spiritualität erschüttert, im Gegenteil. Wenn man den Islamismus besiegen wolle, ja, überhaupt nur auf Augenhöhe kommunizieren, müsse man erst einmal den eigenen Glauben neu entdecken, heißt es. Flugs nutzten hiesige Falken den Streit um die Mohammed-Karikaturen für eine Attacke auf die MTV-Serie "Popetown" - als wäre das Klima in Kempten inzwischen so gereizt wie in Karatschi. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber möchte das Strafrecht verschärfen, um die Verletzung "religiöser Überzeugungen" schärfer zu ahnden. Der Kampf der Kulturen wogt längst nicht mehr zwischen Islam und Christenheit, sondern zwischen Frommen und Ungläubigen. Die Fundamentalisten beider Seiten verstehen sich nämlich blind.
Selbst wenn die Kirche - nicht der Papst! - sich plötzlich weichgespült und modern gibt, mit Podcasts und durchsichtigen Versuchen, in jedem kollektiven Glücksmoment ein paar Anfällige abzugreifen wie zuletzt in der WM ("Kirche am Ball"), dann wird diese esoterische Bespaßung doch nicht zu einem tieferen Verständnis des Menschen oder zum schmerzfreieren Miteinander führen, sondern bestenfalls zu einem weihrauchbedingten Kater. Bis dahin muss das versprengte Häuflein Gottloser einfach durchhalten.
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(SZaW v. 22./23.07.2006)