Modedroge Nie wieder schlafen

Vorher-Nachher-Bilder von Abhängigen, die die Polizei in Portland Oregon aufnahm.

(Foto: Multnomah County Sheriff's Office)

Obwohl es sehr verbreitet ist, wird selten über Crystal Meth gesprochen. Der synthetische Stoff ist eine Droge der Armen. Er hat aber trotz dieses Rufs eine sehr pittoreske Geschichte.

Von catrin lorch

Nach dem Drogenfund bei dem Grünen-Politiker Volker Beck ist auch Crystal Meth wieder ein Thema. Eine Droge, über die selten gesprochen wird, was im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Verbreitung steht. Als Crystal Meth Ende der Neunzigerjahre in der Technoszene auftauchte, enthielt es alle notwendigen Ingredienzen, um zu einer ganz großen Sache zu werden. Wobei damit nicht chemische Inhaltsstoffe gemeint sind. In dieser Hinsicht ist Crystal Meth, das sich billig aus frei verkäuflichen Medikamenten zusammenkochen lässt, banal. Crystal Meth, ein Abkömmling von Amphetamin, brachte etwas anderes mit: Eine Kulturgeschichte, die Ende des 19. Jahrhunderts in Japan beginnt, wo es erfunden wurde, und die mit dem Erfolg der Fernsehserie "Breaking Bad" noch lange nicht zu Ende ist.

Wissenschaftler und Hausfrauen, Dichter und Piloten verfielen dem Versprechen des Wachseins

Zu dieser Kulturgeschichte gehören glamouröse Momente wie die Dreharbeiten zum "Zauberer von Oz", die so lange dauerten, dass man der jungen Judy Garland Amphetamine verabreichte, damit sie schlank und mädchenhaft blieb bis zum letzten Drehtag. Die Helden der Beatnik-Ära, Allen Ginsberg wie Jack Kerouac, benutzten Amphetamine für ihre Schreibmarathons, und der Mathematiker Norbert Wiener, der Begründer der Kybernetik, hielt sich mit Benzedrin wach. Auch die Wehrmachts-Flieger hielten sich im Zweiten Weltkrieg mit dem verwandten Pervitin fit. Ähnliches schluckten auch amerikanische Bomberpiloten im Golfkrieg. Die Bundeswehr und die Volksarmee sollen bis in die Siebzigerjahre Bestände von Pervitin gehortet haben. Zu den Abhängigen gehörte auch Adolf Hitler, der es wohl ebenso schätzte wie deutsche Hausfrauen, die es sich in Pralinen füllen ließen.

Mediziner wie der Waliser Richard Pates, dem die Droge in Cardiff schon früh begegnete, wurden nach der Jahrtausendwende nicht nur von Kollegen gerne gehört, die sich für dessen Standardwerk "Interventions for Amphetamine Misuse" interessierten. Er wurde zum Fachmann, der bei Tagungen unter Plakaten aus Kriegstagen auftrat, auf denen dem Bomberpiloten in der Textzeile zugerufen wird: "Zu viele Einsätze? Kannst nicht wach bleiben? Nimm Amphetamin!"

Der Brite kann auf seine langjährige Erfahrung mit der "Arme-Leute-Droge" zurückgreifen, von Fernfahrern berichten, die sich auf langen Strecken wachhalten müssen, von Ärzten und Krankenschwestern im Schichtdienst oder Sexarbeiterinnen. "Lange", so Pates, "wurde die Gefährlichkeit der Amphetamine in England schon deswegen nicht erkannt, weil sie sich statt in der Londoner City in Manchester oder Birmingham ausbreiteten."

Die Kulturtheorie, die gelernt hat, nicht nur Kino und Theater, sondern auch Vorabendfernsehen und eben Drogenmissbrauch in Bezug auf den Zustand der Gesellschaft zu interpretieren, war zunächst angetan von dem harten, kalten Kommentar, der hier abzulesen war: Amphetamin und Crystal Meth wirkten anders als LSD mit seinen tief gefärbten Selbsterkundungen und seinem Einfluss auf Musik und Kunst. Anders als Haschisch und Opium für die Literatur. Anders als Cannabis, dessen aufmunternden Rausch nicht nur die Beatles schätzten. Anders als der harte Nihilismus des Heroin oder das teure, glamouröse Kokain.

Diese Droge, die, statt aus Südamerika eingeschmuggelt zu werden, in armseligen Küchen in der Provinz angerührt wird, blieb kulturell unsichtbar. Sie brachte keine eigene Subkultur hervor, keinen ästhetischen oder musikalischen Stil. Die Nutzer sind kaum zu erkennen, sie tun, was sie ohnehin tun: Manche gehen tanzen, manche haben Sex. Sie gehen zur Arbeit oder zum Sport, bewältigen langweilige Hausarbeiten oder den monotonen Familienalltag in Orten, die biedere Namen haben wie Bayreuth oder Rosenheim. Crystal Meth, das kein halluzinogenes Rauschmittel ist, trug zur Kultur nichts bei.

Als sich Fergie, die Sängerin der Black Eyed Peas bei Oprah Winfrey als Crystal-Abhängige outete ("Sieht man das meinem kaputten Gesicht nicht an?"), hatte das Bekenntnis nichts Befreiendes. Und die amerikanische Film- und Serienindustrie liefert nur Werke, in denen Crystal zur Kulisse gehört - wie den hervorragenden Film "Winter's Bone" von Debra Granik, in dem die Crystal-Szene wirkt wie ein Haufen Schwarzbrenner von billigem Fusel, oder die Serie "Breaking Bad", die ein einsames, kriminelles Wüsten-Amerika romantisiert.

In Deutschland blieb die Droge vor allem eine statistische Erscheinung: Mit ungeheuren Zuwachsraten, die nahelegen, dass die Kristalle aus Methamphetamin bereits ganze Bundesländer im Griff hätten und sich von dort weiter ausbreiteten. Doch wie in England schien sich auch hierzulande niemand für eine Droge zu interessieren, die wenig herzuzeigen hat.

Die Räume, die Crystal Meth öffnet, sehen so aus wie das Hotelzimmer, von dem Mara berichtet, eine Abhängige, deren Fall Roland Härtel-Petri schildert in seinem Buch "Crystal Meth. Wie eine Droge unser Land überschwemmt". Ein Zimmer, das Mara im Crystal-Rausch acht Stunden lang putzt. Immer weiter rumwischt, energisch, gründlich, planlos. Danach war der Job weg. Mara, die im Grenzgebiet zu Tschechien wohnt, versorgt sich beim "Crystal Shopping" auf dem "Vietnamesenmarkt" jenseits der Grenze.

In so einem Hotelzimmer und so einer Existenz wie der von Mara bildet sich aber durchaus Zeitgeschichte ab. Und auch die Dias, die ein Ermittler seinen Kollegen bei einer Fachtagung der Polizei wie dem "Crystal-Kongress" in Bayreuth vorführt, hätten das Zeug zum Historienbild. Die Crystal-Küche ist im ehemaligen Eislaufstadion des tschechischen Karlovy Vary eingerichtet. Die ehemalige Umkleidekabine der Eishockey-Spieler dient jetzt als Lager.

Der Experte weist auf die großen Glasflaschen hin - man kann Crystal Meth zwar auch im Badezimmer zusammenkochen, "aber das lohnt sich nicht". Die nächste Aufnahme zeigt 30 verdreckte Herdplatten, daneben ein halbes Dutzend Bohrmaschinen mit Rühraufsätzen. Zehn Kilo Crystal Meth am Tag könne man hier produzieren, abgepackt wird es in Kartons, in denen man sonst exotisches Dosenobst transportiert.

Doch offensichtlich ist das Elend der hier Arbeitenden, der Abhängigen und der Kleingauner nicht von der Qualität, aus der sich die Mythen der großen Drogenopfer collagieren lassen. Crystal Meth hat nichts mit dem produktiven Rausch zu tun, mit Exzess und - womöglich - dem Preis für Erfolg. Es ist so einfach herzustellen, dass, wie ein Ermittler sagt, den Härtel-Petri zitiert, Menschen, "die nicht einmal die Hauptschule geschafft haben, das Kochen von Crystal hinbekommen". Und es hilft denen, die zwar angestrengt arbeiten und noch härter feiern, die aber von gesellschaftlichem Erfolg weit entfernt sind, zu funktionieren und ihren Alltag zu überstehen. Die amerikanischen Fotoserien, die Abhängige dokumentieren, ihre "Crystal-Akne" und den zahnlosen "Meth-Mund" erzählen nur von Verfall.

Doch bildet sich in der unscheinbar dumpfen, gleichzeitig noch tüchtigen Verweigerung von Mara und ihrem leer geputzten Zimmer einiges ab von der zeitgenössischen Gegenwart. Wer ihre Geschichte liest, bekommt eine Ahnung davon, warum der Mediziner Härtel-Petri die Droge für gefährlicher hält als Speed, Kokain oder Ecstasy. Nicht nur, weil sie härter ist, "schneller abhängig macht, geschnupft oder geraucht direkt ins Hirn geht". Sondern weil die Süchtigen, die an einem Tag mit der Droge gut tausendmal so viel Amphetamin konsumieren wie ein Bomber-Pilot, der als Mythos über ihnen noch seine Kreise dreht, einsam sind in ihrem Zustand und noch nicht einmal den Rausch suchen.

Mara, die im Kinderzimmer erstmals Crystal Meth durch die Nase hochzog, das ein Freund mitgebracht hatte, erinnert sich vor allem daran, dass sich "alles plötzlich so klar anfühlte. Zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, dass die Dinge tatsächlich so waren, wie sie sein sollten. In diesem Moment wusste ich, dass Crystal meine Droge war". Danach? Kreuzworträtsel, immer wieder, tagelang. Schreiben. Kritzeln. Putzen. "Die Klarheit ausnutzen."

Die Babys der Crystal-Mütter sind ordentlich gewickelt, aber Liebe kennen sie nicht

Noch unattraktiver für die meisten Exegeten sind vermutlich die Mittvierziger, die an die Droge kommen, weil sie arbeitslos sind oder Angst haben vor dem Verlust ihrer Potenz. Hans-Christian Dany, Autor des Buchs "Speed. Eine Gesellschaft auf Droge", sagt, dass Crystal Meth "einem entgegenkommt, gerade wenn der Körper nicht mehr so mitmacht. Man kann damit viel substituieren von Körpergefühl und Intensität".

Und so schlägt das Versprechen von der Partydroge, zusammengemixt aus der Kultur der frühen Psychopharmaka-Labore, NS-Kriegsmaschinerie und Kindfrauen Hollywoods, irgendwo in der bayerischen Provinz auf. In einer der Hochburgen der Droge, der "Kristall-Stadt" Bayreuth beispielsweise, die Therapieplätze schaffen muss, in denen man Patienten mit Aufnahmen ihres Hirns konfrontiert, damit sie sehen, dass die Synapsen weg sind. Bei der Kinderärztin, die erkennt, dass es da ein ganz eigenes Muster gibt bei Babys, die zwar sehr ordentlich gewickelt und gefüttert werden. Deren Mütter aber - als Meth-Opfer - nicht mehr in der Lage sind, ihren Kindern mit der geringsten Empathie zu begegnen. Oder bei dieser Hausärztin, die eine zweite Praxis eröffnet, damit die vergesslichen, unzuverlässigen Drogenkranken eine Anlaufstelle haben. "Die können nicht pünktlich kommen", ist ihr Rat an die Kollegen, "reservieren Sie eine Extra-Sprechzeit."

Vielleicht ist jetzt der Moment da, in dem auch die Exegeten und Interpreten der Kultur dieser traurigen Droge noch einmal so etwas einräumen sollten: eine Extra-Sprechzeit.