"Mitternachtskinder" im Kino Intensivierung intimer Augenblicke

Magierin Parvati (Shriya Saran, links) bringt Saleem Sinai (Satya Bhabha) in "Mitternachtskinder" in ihrem Zauber-Korb heimlich zurück nach Indien.

(Foto: dpa)

Es galt als unverfilmbar, doch nun kommt Salman Rushdies lustvoll erzähltes Epos "Mitternachtskinder" mit dessen Hilfe doch in die Kinos. Zwar fehlt dem von Regisseurin Deepa Mehta in Szene gesetzten Werk das fabulatorische Feuer der Vorlage, dennoch wird ihre Handschrift der poetischen Verdichtungen erkennbar.

Von Rainer Gansera

Saleem besitzt die größte Gabe von allen. "Er kann uns zusammenbringen", ruft das Mädchen bei der Konferenz der Mitternachtskinder. Am 15. April 1947 um Mitternacht erlangte Indien seine Unabhängigkeit, und alle indischen Kinder, die zu dieser Stunde "in die Welt purzelten", 531 an der Zahl, verfügen über besondere magische Begabungen.

Die einen können fliegen, andere durchschreiten mühelos spiegelnde Flächen, Saleem aber besitzt die kostbarste Gabe, die ihm zur Lebensaufgabe wird: Er ist ein Vermittler. Die gesellschaftliche Welt besteht aus Gegensätzen, die unversöhnlich erscheinen. "Mitternachtskinder" fragt inständig, ob das unabänderlich so sein muss.

Schon erhält Saleem seinen Antagonisten und Widersacher: Shiva, auch er ein Mitternachtskind - ein gewalttätiger, unerbittlicher Spalter. Gleich bei ihrer Geburt wurden die beiden von der Hebamme vorsätzlich vertauscht.

Ein Spalter und ein Vermittler: Shiva (Siddharth, rechts) und Saleem Sinai (Satya Bhabha) sind in dem Film "Mitternachtskinder" Antagonisten.

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Sie folgte der Parole ihres kommunistischen Freundes: "Lass die Armen reich und die Reichen arm werden!", sie spielte Schicksal in revolutionärer Absicht. Also legte sie das Armeleutekind Saleem in die Wiege einer wohlhabenden Muslimfamilie, und übergibt Shiva dem Schicksal, bei notleidenden Hindueltern aufzuwachsen.

Der Saleem-Shiva-Gegensatz wird zum Zentrum einer weit ausschweifenden, epochenüberspannenden Geschichte, die den indischen Subkontinent durchquert und dessen leidvolle Historie begleitet.

Schwierige postkoloniale Identitätsfindung

Nach dem Rückzug der britischen Kolonialherren spaltete sich das Land in das muslimische Pakistan und die mehrheitlich hinduistisch geprägte Indische Union. Der Streit um Kaschmir führte zum ersten Krieg zwischen beiden Staaten, 1965 und 1971 folgten weitere. Das Coming-of-age der beiden Jungs wird mit der schwierigen postkolonialen Identitätsfindung des Landes verknüpft. Der religiöse Fanatismus bricht aus, und die beiden finden sich an unterschiedlichen Fronten wieder.

Eine "Liebeserklärung an Indien" nannte Salman Rushdie seinen zweiten, 1980 publizierten Roman "Mitternachtskinder", der ihn weltberühmt machte. Geboren am 19. Juni 1947 in Bombay, wuchs Rushdie in einer liberalen Muslimfamilie auf.

Es war für ihn selbstverständlich, an den Festen der Hindu-Nachbarn teilzunehmen, und während seines Cambridge-Studiums engagierte er sich bei antirassistischen Aktionen. Den Hass der islamischen Welt zog er 1988 auf sich, mit der Veröffentlichung seines vierten Romans "Die satanischen Verse". Er musste ein Jahrzehnt untertauchen, um dem Mordaufruf des Ayatollah Chomeini zu entkommen.

Sein grandioses, 647 Seiten umfassendes, lustvoll erzähltes "Mitternachtskinder"-Epos galt lange Zeit als unverfilmbar. Nun hat Rushdie als Verfasser des Drehbuchs und Koproduzent an der Adaption mitgewirkt, die den Liebhabern des Romans auf den ersten Blick enttäuschend erscheinen muss. Dem von Regisseurin Deepa Mehta - auch sie indischstämmig und seit Längerem im Westen lebend - in Szene gesetzten Werk fehlen das fabulatorische Feuer der Vorlage, die Tiefenschärfe der Figuren, die ganzen historisch-kulturellen Anspielungen, die dem unkundigen westlichen Zuschauer rätselhaft bleiben müssen.

Das Panorama von Hochzeiten, Schlangenbeschwörern und Hexen, von Militärputschen und blutigen Schlachten, erscheint erzählerisch überladen und folkloristisch verdünnt. Vom Phantasiezauber des Romans bleibt manchmal nur blasse Phantasmagorie.

Dennoch kann Deepa Mehta ein gefälliges Epos entfalten, denn ihr gelingen andere Aspekte prächtig: der anekdotische Witz der Familienszenen, die Zeichnung starker Frauencharaktere, vor allem die Intensivierung intimer Augenblicke, besonders schön bei der Wiederbegegnung von Saleems Mutter mit dem Geliebten ihrer Jugendjahre, wenn die beiden mit einem Glas Milch einen "indirekten Kuss" zelebrieren. Hier wird Mehtas Handschrift der poetischen Verdichtungen erkennbar, die sie in ihrer "Feuer"-"Erde"-"Wasser"-Trilogie meisterlich demonstrierte.

Pathos, Liebe, Tragik

Dass sie ihrer Mise-en-scène bisweilen Bollywoodtouch verleiht, darf man ihr nicht zum Vorwurf machen, entsprechende Hinweise gibt es auch im Roman: "Melodram folgt auf Melodram, das Leben nimmt die Färbung eines Bombayer Schmachtfetzens an."

Pathos, Liebe, Tragik und die nie versiegende Hoffnung Saleems, dass das Zusammenbringen, also die Versöhnung der gesellschaftlichen Gegensätze erreichbar sein könnte. Er beschwört die Mitternachtskinder: "Seht ihr denn nicht, wie alles auseinanderbricht? Wir können den Menschen ein anderes Leben zeigen!"

Midnight's Children, Kanada/Großbritannien 2012 - Regie: Deepa Mehta. Buch: Salman Rushdie, nach seinem gleichnamigen Roman. Kamera: Giles Nuttgens. Musik: Nintin Sawhney. Mit: Satya Bhabha, Siddarth, Shahana Goswami, Rajat Kapoor, Seema Biswas, Ronit Roy, Shriya Saran. Concorde, 148 Minuten.