Vor dem Fernsehapparat kann die Freiheit auch grenzenlos sein: Mit der Fernbedienung um die Welt in sieben Tagen, locker flockig gezappt aus dem Handgelenk.
Erster Tag: Heimatland
Im Sommer, im Winter schön: Bayern, natürlich auch Deutschland. (© Foto:dpa)
Anzeige
Die Reise beginnt um sieben Uhr früh. Wir schweben übers Alpenland und sehen, dass es noch ziemlich grau und neblig ist heute morgen, in Lech und leider auch in Zürs. Und der erste Gedanke ist: Da müssen wir nicht hin!
Doch schon wenige Sekunden später hat sich die Szenerie verändert. Eine rosige Morgenröte erleuchtet die Schneegipfel im Raum Hochgurgl-Obergurgl, die Welt sieht nun nicht mehr trist und verschlafen aus, sondern verzaubert, und ein zweiter Gedanke vertreibt den ersten: Da wären wir jetzt gern!
Der Sender 3sat zeigt Panorama-Livebilder aus den spätwinterlichen Alpen, und eine leise dudelnde Volksmusik ist die einzige Störung der Fernseh-Morgenandacht. Noch sind die Berge und Gipfel allein, noch ist kein Skiläufer zu sehen, die Touristen sind jetzt noch drunten im Tale, im Bett, im Bad oder beim Raubzug am Frühstücksbuffet.
Doch weil die Volksmusik nicht aufhört, nehmen wir vom Projekt einer Alpenfahrt nun erst einmal Abstand. Reisen lieber mit dem Bayerischen Fernsehen talwärts, in den Klosterwinkel zwischen Donau, Rott und Inn. Dort ist erfreulicherweise schon Sommer, was dem Autor des Films die schöne Gelegenheit gibt, seinen Reisebericht zur Hälfte im Gotteshaus, zur Hälfte im Gasthaus und zwar im Biergarten zu drehen - und dortselbst im sonoren Wallfahrerbariton von der eben nur im Bayernland möglichen Lebensfreude zu schwärmen: "Diese Ruhe hier! Wir haben es nicht mehr eilig!"
Ein tiefer Seelenfrieden hat nun auch den Zuschauer daheim im Fernsehsessel ergriffen. Und mit einer gewissen hämischen Genugtuung stellt er sich jetzt den Pistenbetrieb, das hektische Menschengewimmel im Raum Hoch- und Obergurgl vor. Und bemerkt dankbar, dass dem ersten und dem zweiten Gedanken kein dritter Gedanke mehr folgt.
Zweiter Tag: Kopfreisen
Gerade haben wir Frau Künast von den Grünen im Fernsehen gesehen, auch sie hat frischweg vom Reisen geredet. Man solle doch lieber in die nahe als in die ferne Welt fahren, den klimavernichtenden Jet nur noch im Notfall besteigen.
Das ist ein Statement, durch welches sich der Wohnzimmerweltreisende sehr bestätigt fühlt. Ist er doch nun plötzlich, weil er seine Fernreisen am liebsten vor dem Fernseher macht, kein fauler Stubenhocker mehr, sondern womöglich ein stiller, aber zäher Kämpfer gegen die Klimakatastrophe. Und wenn er an seine Nachkriegskindheit denkt, fällt ihm sofort wieder ein, dass man seinerzeit für das erhabene Gefühl namens Fernweh weder einen Fernseher noch eine Fernreise brauchte.
Alle Reisen damals, außer der jährlichen Sommerreise in den bayerischen Pfaffenwinkel, waren Sitz- und Kopfreisen. Man studierte unersättlich Dierckes Weltatlas, man erforschte mit Walt Disney die Wüste und mit Bernhard Grzimek Afrika, man reiste mit Jules Verne in achtzig Tagen um die Welt, zum Mond und sogar zum Mittelpunkt der Erde. Und man hatte in jenen längst vergangenen Tagen mindestens zwei beglückende Gewissheiten im Kopf. "Einmal Löwe, immer Löwe!" hieß die eine. Und die andere: "Serengeti darf nicht sterben!"
Dritter Tag: Weltraumnacht
Das Reisen ist ein Abenteuer: Man hortet Erlebnisse, an die man sich später erinnern kann. Das Reisen ist aber auch eine Auslöschung: Beim Weg auf die Berge, beim Blick aufs Meer verscheucht man die Plagen der Wirklichkeit.
Reisen regt auf, und Reisen bringt Ruhe. Und die tiefste Ruhe findet man tief in der Nacht, wenn man sich stundenlang mit dem fleißigen Fernsehkasten durch die Space-Night treiben lässt. Man sieht die Erde endlich einmal von ferne, aufgenommen aus dem Weltraum, und aus der Ferne ist sie wahrhaftig eine makellose Schönheit. Tiefblauer Ozean, rostrote Wüste, schneeweiße Gipfel. Es ist die schnellste aller Reisen, mit dem rasenden Raumschiff, doch seltsamerweise produziert sie die langsamsten Bilder.
Gemächlich, fast schläfrig ziehen die Kontinente vor dem Auge vorbei. Und immer sieht man, das ist die größte Freude, dass die Erde tatsächlich eine Kugel ist. Man weiß dies natürlich auch, wenn man morgens daheim auf die Straße tritt. Man weiß es, doch man sieht es nicht. Denn im wirklichen Erdenleben sieht unser Planet doch eher flach, scheibenförmig, also ernüchternd aus - und an diesem Eindruck von Plattheit können leider auch die runden Köpfe der lieben Mitmenschen nichts ändern.
Vierter Tag: Citydreams
Achtzig Tage brauchte der noble, unerschütterlich gleichmütige, märchenhaft furchtlose Mr. Phileas Fogg für seine Reise um die Erde. Mit Hilfe des Fernsehers kann man diese Jules-Verne-Zeit beliebig verkürzen. Auf acht Tage, acht Stunden, acht Minuten. Ja, ein Virtuose der Fernbedienung kann womöglich die Weltreise in acht Sekunden schaffen.
Unsere heutige nächtliche Ausfahrt ist nicht ganz so wild, aber doch beachtlich. Mit den Citydreams des ZDF besuchen wir in einer knappen halben Stunde zuerst Dubai, dann Potsdam, dann Istanbul, zuletzt Heidelberg.
Sendungen wie die Citydreams sollen mit Macht unser Fernweh wecken, sind aber in Wahrheit Fernwehvernichtungsmaschinen. Weil sie, in hektischen Schnitten und Rhythmen, ausschließlich schöne Bilder zeigen, schöne Menschen in schöner Natur, bei immerzu schönem Wetter natürlich, verwandeln sie die Welt, die sie doch preisen wollen, in eine lächerliche Fälschung.
Es ist, als würden die Citydreams unsere alte Welt ins Fitnessstudio, in den Beautysalon schicken, und wenn sie da wieder rauskommt, die Welt, gleicht sie aufs Haar jenen Damen, die gerade vom Coiffeur kommen: Sie sieht sonderbar künstlich, frisiert und toupiert aus. Eine Schönheit ist sie schon, diese Welt, aber kennenlernen möchte man sie lieber nicht.
Im 2. Teil: Frauenpower, Heldenlied und...
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Venizelos kritisiert IWF-Chefin