Die dauernde Nähe zwischen Erzieher und Zögling, die ein Zusammenleben unter Internatsbedingungen voraussetzt, schürt ein Klima, das die Möglichkeit der Grenzverletzung, des "Übergriffs" begünstigt. Deswegen treffen die Vorwürfe gegen die Kirche wohl nicht den wirklichen Schuldzusammenhang.

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Dass die inkriminierten Vorfälle in katholischen Internaten besonders häufig auftraten und auftreten(?), hat wohl hauptsächlich historische Gründe: Die Klöster spielten nun einmal eine dominierende Rolle bei der Jugenderziehung; daran hat die Säkularisation viel, aber nicht alles geändert.

Pseudoerotisches Getue

Eine gewisse Einordnung der jüngsten Schreckensnachrichten, die freilich keine Entschuldigung für eindeutigen Missbrauch der jugendlichen Opfer sein darf und kann, bieten frühere Beispiele. Der homosexueller Neigungen unverdächtige Philosoph Friedrich Theodor Vischer ("Auch Einer") erinnert sich dankbar an seine in den zwanziger Jahren des 19.Jahrhunderts in der evangelischen Klosterschule von Blaubeuren verbrachte Alumnenzeit. "Das enggemeinschaftliche Heranwachsen jugendlicher Naturen bildet Freundschaften für das Leben... Ich möchte diesen fürs Leben gewonnenen Schatz des Geistes um keinen Preis hergeben."

So weit, so harmlos. Aber dieses Gemeinschaftsleben war von Erotik durchtränkt: "Es wurden völlige Romane abgespielt, man herzte, küsste sich, schrieb sich Billets, trennte und versöhnte sich." Diese "Knabenliebe" sei zum System ausgebildet gewesen, "so dass in dem Kreise von Verehrern, der sich um die Schönheiten des Seminars gesammelt, Ober- und Unterfreunde mit streng logischer Distinktion unterschieden wurden". Bis zu welchem Grad die Erzieher in dieses "System" einbezogen waren, bleibt ungesagt; ihr pädagogischer Eros muss es aber mindestens geduldet haben.

Strenge kastalische Ordenswelt

Aus Hermann Hesses frühem Schüler-Roman Unterm Rad wissen wir, dass die Verhältnisse in Maulbronn ganz ähnlich waren; die dort gemachten Erfahrungen haben noch in der strengen kastalischen Ordenswelt des "Glasperlenspiels" einen verhaltenen Nachklang gefunden: "Der ergreiste Held stirbt schließlich, indem er einem Knaben in zu kaltem Wasser nachschwimmt. Dacht' ich's doch." (So der etwas süffisante Kommentar Thomas Manns in einem Brief an seinen Sohn Klaus.) Hier wird also der pädagogische Eros mit dem Leben bezahlt.

Gustav Wyneken, Gründer der Freien Schulgemeinde Wickersdorf (1906) und Lehrer Walter Benjamins, musste sich 1921, weil zwei Knaben nackt von ihm umarmt worden waren, in einem Prozess verantworten. Ein Jahr später veröffentlichte er ein glühendes Plädoyer für seine die "Renaissance unseres Körpergefühls" und die "Wiedereroberung der Nacktheit" betonende Auffassung des pädagogischen Eros: "Wir meinen keine Gernhaberei und Nettigkeit, Onkelväterlichkeit, Wohlwollen und sogenannte Freundschaft und Kameradschaft mit den jungen Menschen, im Gegenteil, es war nötig, aus diesem pseudoerotischen Getue herauszukommen und deutlich den Eros zu bekennen, als den allein erlösenden und zeugenden; nicht durch Formeln und Programme ihn zu proklamieren, sondern ihm sein Reich zu gründen durch die Tat in der wirklichen Jugend." Die Radikalität einer solchen Verkündigung und Praxis musste zum Konflikt mit dem bürgerlichen Gesetzbuch führen; Wynecken sah sich gezwungen, die Leitung der Schule "gegen den Willen der Schulgemeinde", wie er hervorhebt, niederzulegen.

Der Zauber der Formbarkeit

1935 kam es zu einem Prozess gegen mehrere Lehrer der berühmten Evangelischen Erziehungsanstalt Schulpforta, wo Liebesverhältnisse zwischen "Tutoren" (Lehrern) und ihren "Empfohlenen" nicht selten waren. Im sogenannten Zötus, der Lebensgemeinschaft der Schüler, kursierte die in scherzhaftem Ton gestellte Frage: "Bist du auch röhmisch?" Hitler hatte den Führer der SA, den gefährlichen Rivalen Röhm, unter dem Vorwand von dessen Homosexualität ermorden lassen.

Kehren wir noch einmal zu den Griechen zurück. Der platonische Eros ist unterwegs nach dem Schönen, nach dessen Idee. Die Idee verkörperte sich - nicht nur, aber vorwiegend - im Jugendlichen etwa zwischen dem vierzehnten und achtzehnten Lebensjahr. Was war an ihm so reizvoll? Es war die Aura von unverbrauchter Zukunft, der Zauber des Noch-Nicht, die Offenheit, Begeisterungsfähigkeit, Formbarkeit. Diese Verfassung machte ihn freilich in hohem Grade verführbar; auch davon ist bei Platon die Rede.

Wenn pädagogischer Eros unter den gegenwärtigen Umständen noch eine Chance haben soll, ist er einerseits auf solche jugendlichen Eigenschaften angewiesen und muss andererseits Sinn für sie haben. Wer gar nichts übrig hat für Halbwüchsigkeit, keinen Gefallen findet an Jugendlichen, die zu sich selbst unterwegs sind und von denen man viel, nur nicht Dankbarkeit erwarten soll, kommt über solide Pflichtübungen nicht hinaus. Aber auch die brauchen wir.

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(SZ vom 09.03.2010/ber/kar)