Buch von Julian Nida-Rümelin "Es ist legitim, Grenzen zu ziehen"

Schiffbrüchigen Flüchtlingen wie diesen nicht zu helfen sei eine zynische Abschreckungsstrategie, sagt Nida-Rümelin. (Archivbild von 2015)

(Foto: AFP)

In seinem neuen Buch philosophiert Julian Nida-Rümelin über die Ethik der Migration und fragt: Ist Integration wirklich sinnvoll oder gar ungerecht?

Von Bernd Kastner

Plötzlich ist meine Welt eine andere. Ich komme morgens ins Wohnzimmer, und dort sitzt ein Fremder. Er bittet, hierbleiben zu dürfen, in meiner Wohnung. Seinen Wunsch verstehe ich, der Fremde ist mir auch sympathisch, und dennoch schicke ich ihn weg. Das ist meine Wohnung! Ist das moralisch zu vertreten?

Julian Nida-Rümelin beschreibt diese fiktive Szene in Ich-Form in seinem Buch, in dem er über Grenzen nachdenkt. Er hat so eine Grenze gezogen, in seinem Zuhause, und davon ausgehend fragt er, welche Grenzen eine Gesellschaft, ein Staat ziehen darf. Eine sehr relevante Frage in diesen Zeiten. Der Philosoph und ehemalige Kulturstaatsminister im Kabinett Schröder entwirft darum herum eine "Ethik der Migration": "Es ist legitim, Grenzen zu ziehen." Das gelte für den einzelnen Menschen in seiner Privatsphäre wie auch für Bürgerschaften, die sich in einem Staat organisieren. Staaten dürfen nicht nur Grenzen ziehen, sie müssen es, der globalen Gerechtigkeit wegen, postuliert der Autor. Das Menschenrecht auf kollektive Selbstbestimmung lasse sich nur im Rahmen staatlicher Institutionen realisieren.

Koalition der Menschlichkeit

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Grenzen zu öffnen für Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, ist für Nida-Rümelin eine moralische Pflicht. Die zynische Abschreckungsstrategie, in Not Geratenen auf dem Mittelmeer nicht zu helfen, verletze "Grundprinzipien humaner Praxis". Die Provokation zum aktuellen Integrationsdiskurs aber folgt auf dem Fuß: Kriegsflüchtlinge sollten wieder zurückkehren in ihr Land, um beim Wiederaufbau zu helfen. Deshalb sei es "nicht sinnvoll", in deren Integration im Zufluchtsland zu investieren, es wäre sogar ungerecht: Die Zurückgebliebenen, die den Krieg erduldet und überstanden haben, würde man damit ein zweites Mal alleinlassen. Auf die konkrete Gegenwart übertragen heißt das: Die Syrer sollten zurückkehren, sobald Frieden ist in ihrem Land.

Man muss Nida-Rümelin nicht überall zustimmen, muss sich auch nicht unbedingt durch seine philosophischen Herleitungen kämpfen: Einige seiner Thesen sollten aber gerade jene zum Nachdenken bringen, die die uneingeschränkte Willkommenskultur predigen, egal, warum ein Mensch von A nach B wandert. "Ethisches Unrecht" nennt es der Autor, würde man sich nur um die Aufnahme der Geflohenen, aber nicht um eine Reform der Weltwirtschaft kümmern. Dort liege ein Schlüssel, um Ungerechtigkeiten und damit Fluchtursachen zu bekämpfen.