Im neuen Roman von Michel Houellebecq spielt ein Schweizer Sterbehilfeverein namens "Dignitas" eine Rolle. Sein realer Namesvetter hat eine einstweilige Verfügung gegen das Werk beantragt.
Dignitas hätte gewarnt sein müssen. In der Tat spielt in Michel Houellebecqs neuem und soeben auf Deutsch erschienenem Roman Karte und Gebiet ein Sterbehilfeverein namens "Dignitas" eine bizarre kleine Nebenrolle. Auch dieser Verein im Roman sitzt, wie sein realer Namensvetter, im Kanton Zürich.
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"Dignitas", der Sterbehilfeverin, hat es noch gut im Vergleich zu einer der Hauptrollen in dem Buch: einer Figur namens Houellebecq. Die Verwechslung mit der realen Figur (hier im Bild) unterläuft nur dem Leser, der ernsthaft erschrickt, weil "Houellebecq" zerstückelt und ermordet wird. (© AFP)
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Aber schon wie Houellebecq ihn einführt, zeigt den französischen Romancier als Meister sarkastischen Irrwitzes: Ein Umweltschutzverein, heißt es im 14. Kapitel, habe gegen "Dignitas" Strafanzeige erstattet. Denn der Verein, mit dessen Sterbehilfe die Aktivisten eigentlich sympathisieren, werfe Asche und menschliche Knochen in den Zürichsee. Das aber begünstige eine "seit kurzem in Europa eingeführte brasilianische Karpfenart - zum Schaden des Seesaiblings und allgemein der einheimischen Fischarten".
Den Irrsinn findet der reale Dignitas-Verein gar nicht witzig. Wegen dieser Stelle und weiterer sechs Romanpassagen hat er gegen den DuMont Buchverlag eine einstweilige Verfügung beantragt, um das Unterlassen der vermeintlichen Verunglimpfung zu erzwingen. Am Freitag hat das Landgericht Köln den Antrag abgewiesen, zu Recht.
Sobald jemand gegen einen Roman mit der Begründung vorgeht, dieser porträtiere ihn (gegen seinen Willen) trotz aller Fiktion als real erkennbare Person, verweist er auf das "Esra"-Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2007. Auch Dignitas tut das. Doch die Analogie verbietet sich hier, abgesehen davon, dass Dignitas schon prozessual die Dringlichkeit der angeblichen Rechtsverletzung dementiert hat.
Seit Dezember wusste man, dass DuMont das Buch herausbringen wird. Die Abmahnung kam aber erst Ende Januar, bis der Antrag auf einstweilige Verfügung kam, war es März; die erste Auflage ist bereits ausgeliefert. Grotesk ist dies vor allem vor dem Hintergrund, dass ja die französische Originalausgabe seit September 2010 auf dem Markt ist, ohne dass Dignitas den französischen Verlag (Flammarion) belangt hätte. Kann man zwischen der ursprünglichen französischen und der abgeleiteten deutschen Rufschädigung eines Schweizer Vereins unterscheiden? Halten insbesondere Sterbehilfeklienten das auseinander?
Zentral aber ist natürlich die Frage, ob der Roman Schutzrechte von Dignitas verletzt, und wenn ja, ob darum die Kunstfreiheit zurückstehen muss. Im Unterschied zu Maxim Billers Esra-Roman, bei dem es um das Persönlichkeitsrecht einer jungen Frau ging, klagt hier eine juristische Person. Das ist nicht der Unterschied ums Ganze, aber beinahe doch.
Manche Rechtslehrer wie auch der Bundesgerichtshof erkennen zwar eine abgeschwächte Form von Persönlichkeitsrecht auch juristischen Personen zu; auch diese hätten einen durchsetzbaren "Achtungsanspruch". Doch keiner setzt dieses Achtungsgebot (das sich in erster Linie auf die Behauptung von Unternehmen in einem lauteren Geschäftsleben bezieht) mit der elementaren Schutzsphäre der Integrität, Privatheit und Intimität gleich, die auf der Menschenwürde und den Freiheitsrechten des Grundgesetzes gründet. Und erst bei schweren Eingriffen in diese Sphäre muss die - eigentlich schrankenfreie - Kunstfreiheit zurücktreten. Darauf kann sich Dignitas beim besten Willen nicht berufen.
Außerdem hat Houellebecq seinen Roman unmissverständlich als Spiel von Fiktion und Authentizität angelegt. Eine Hauptrolle darin kommt einer Figur namens "Houellebecq" zu. Die Verwechslung mit der realen Figur unterläuft nur dem Leser, der ernsthaft erschrickt, weil "Houellebecq", so steht es dort schwarz auf weiß, zerstückelt und ermordet wird. Wie gut geht es im Vergleich dazu "Dignitas"!
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(SZ vom 12.03.2011/kar)
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Der französische Autor Michel Houllebecq wirft in seinem neuen Roman «Karte und Gebiet» dem von ihm völlig wahrheitswidrig geschilderten Schweizer Verein «DIGNITAS» vor, sich mit bis zu hundert begleiteten Suiziden täglich (sic!) eine «goldene Nase» (im französischen Original: «des couilles d’or“) zu verdienen. Offenbar muss das grösste Schweizer Bordell, welches ihm zuerst aufgefallen war, als er sich bei seinen Recherchen im Taxi zu den früher von DIGNITAS gemieteten Räumen im Zürcher Vorort Schwerzenbach fahren liess – und dessen Name «Globe» er freundlicherweise durch «Babylon FKK Relax» ersetzte –, so verwirrt haben, dass er feuchte Träume nicht mehr von Realität zu unterscheiden wusste.
Wer sich nun aber nicht erfundenermassen, sondern tatsächlich auf rechtswidrige und moralisch niederträchtige Art eine goldene Nase verdient, indem er den guten Ruf anständiger Leute und Organisationen literarisch wie ein Bergwerk auf fremdem Boden ausbeutet, sind Michel Houellebecq und sein Verleger im Hause DuMont-Buchverlag zu Köln am Rhein.
Wer real existierende Personen in einem Roman, der grosse Verbreitung findet, in herabwürdigender Weise wahrheitswidrig darstellt, macht von der Kunstfreiheit einen unzulässigen, Menschen verachtenden Gebrauch. Weder Kunst noch Satire dürfen alles.
Die Kulturstufe eines Landes lässt sich sehr einfach feststellen, wenn man danach Ausschau hält, in welcher Weise Individuen und Or-ganisationen, hinter denen immer auch Individuen stehen, von der Rechtsordnung gegenüber skrupellosen fremden Erwerbsinteressen geschützt werden. Da hat Deutschland noch viel Nachholbedarf seit 1945.
Eines ist für mich als Generalsekretär von «Dignitas» klar: Würde mir die Alternative geboten, mich in einem gediegenen Raum zwei Stunden mit dem Autor Houellebecq und seinem Verleger bei kleinen Häppchen und Champagner zu unterhalten, oder dieselbe Zeit mit einer stinkenden Kanalratte im grossen römischen Abwasserkanal des Praetoriums an der Kleinen Budengasse 2 zu Köln zu verbringen, würde ich die Kanalratte wählen: Sie ist ein in der Natur äusserst nützliches Tier, und dass sie stinkt, hat sie nicht sich selbst, sondern der von Menschen gestalteten Umwelt zu verdanken.