Nach Abrechnungen mit Waffenwahn und Bush-Regierung nimmt sich Michael Moore in seinem neuen Film "Sicko" das amerikanische Gesundheitswesen vor. Diagnose: Lebensgefährlich.
Spätestens im letzten Viertel von "Sicko" hat einen Michael Moore gepackt. Da hat man schon ausführlich erfahren, wie die amerikanische Medizin- und Pharmaindustrie in den Jahrzehnten seit der Nixonregierung gemeinsam mit den Mächtigen in Washington das Gesundheitswesen zu einer menschenverachtenden Profitmaschine reduzierte. Man hat reuige Mitarbeiter großer Krankenversicherungen angehört, die erzählen, wie sie die Versicherten im Dienste der Profitmaximierung um Gesundheit, Geld und Leben brachten.
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Auch in "Sicko" bleibt Regisseur Michael Moore seiner bewährten Methode treu: Manipulation der großen Gefühle. (© Foto: Reuters)
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Man hat Moore nach England und Frankreich begleitet, wo im Gesundheitswesen offensichtlich paradiesische Zustände für alle herrschen. Und dann stellt er einem die freiwilligen Katastrophenhelfer vor, die sich nach den Anschlägen auf das World Trade Center schwere Lungen- und Atemwegsleiden zugezogen haben, für die nun keiner bezahlen will. Die Regierung nicht, die Versicherungen nicht, und weil sie an ihren Krankheiten pleite gingen, können sie sich weder Behandlungen noch Medikamente leisten. So bleibt ihnen nichts anderes übrig als zu leiden.
Es gibt dann noch einen jener szenischen Kalauer, für die Moore berühmt ist. Er fährt die Kranken mit Booten vor das Gefangenenlager von Guantanamo Bay und fordert per Megaphon, den Helden von Ground Zero doch die gleiche Gratispflege zu gewähren wie den Terrorverdächtigen. Dann aber führt er seine Schützlinge in eine kubanische Apotheke. Da kosten die Medikamente einen Bruchteil dessen, was man in den USA dafür bezahlen muss. Da gibt es die ersten Tränen.
In einem kubanischen Krankenhaus kümmern sich die Ärzte fürsorglich um die Kranken. Und siehe da - es braucht nur wenig Aufwand, um ihre Leiden zu lindern. Als sie dann eine kubanische Feuerwache besuchen und von den karibischen Feuerwehrlern endlich als Helden des Zivilschutzes gefeiert werden, fließen nicht nur auf der Leinwand Tränen der Rührung und des Zorns.
Man kann nun darüber streiten, ob es Sinn eines Dokumentarfilmes sein darf, das Publikum so plump zu Tränen zu rühren. Aber dann ist man schon in die Falle der Michael-Moore-Debatte getappt. Denn das einzig wirkliche Problem mit Michael Moore ist, dass es Leute gibt, die ihn ernst nehmen. Das sind nicht wenige. Dabei ist Moore vor allem ein brillanter Satiriker und ein furioser Propagandist.
Recherche, Sarkasmus, Kalauerei
Es sind zumeist rechte Amerikaner und linke Europäer, die ihm auf den Leim gehen. In seiner Heimat ergießt sich unbarmherzig rechter Spott über ihn, denn noch viel größer als sein mächtiger Leib ist sein Ego. Wenn er dann seine Arbeiten verteidigt, egal ob seine Filme, Bücher oder Fernsehprojekte, kann er einem mit seiner Besserwisserei so richtig auf die Nerven gehen.
Wer all seine Vorurteile über Michael Moore bestätigt sehen will, der sollte auf der Videoclipseite die Suchbegriffe Michael, Moore und CNN eingeben. Da kann man dann sehen, wie Moore dem nicht minder selbstverliebten Starmoderator Wolf Blitzer mit einem missionarischen Eifer über den Mund fährt, wie man es seit Tom Cruises letztjährigen Talkshowauftritten nicht mehr gesehen hat.
Und weil seine Botschaft meist platt daherkommt, ist ihm der Applaus von links garantiert. Gerade in Deutschland beruhten seine enormen Erfolge darauf, dass er die gängigen Vorurteile von Amerika als Hort von Geldgier und Gewalt mit vermeintlichen Fakten unterfütterte. Die Schlampereien bei der Recherche zu seinem ersten Kinohit "Bowling for Columbine" hat er zwar beim Nachfolger "Fahrenheit 9/11" vermieden, indem er die legendär strenge Dokumentationsabteilung der Zeitschrift New Yorker anheuerte. Doch er bleibt auch in "Sicko" bei seiner Methode, die Dogmatik der politischen Dokumentation mit Sarkasmus und Kalauerei für ein breites Publikum aufzubereiten.
Das mag journalistisch ebenso unlauter sein wie seine Angewohnheit, Fakten zugunsten der Rhetorik zu beugen. Was er damit aber geschafft hat - er hat den Dokumentarfilm aus den Nischen der Kunstfilmkinos und des Spätprogramms im Fernsehen befreit.
Verdient haben das die Dokus schon länger. Auch wenn Ken Burns Amerika den Amerikanern immer noch im Seminarstil erklärt und Robert Greenwald die Graswurzelbewegungen mit Fakten erstickt - in den USA müssen Dokumentarfilme seit Jahren mehr leisten als bloße Aufklärung. Sie müssen epische Erzählbögen aufbauen. Oder zumindest mit brachialem Humor unterhalten, auch wenn sich Michael Moore damit in die Nähe der "Jackass"-Filme begibt.
Massen aus der Lethargie reißen
Doch es gehört ja auch Mut dazu, sich als vollfetter Quatschkopf zum Furzwitz der politischen Debatte zu degradieren. Nur so kann er genau jene Menschen auf seine Seite ziehen, die normalerweise zu einem komplexen Thema wie der Aushöhlung des Gesundheitswesens durch Deregulierung und Renditedruck nicht einmal einen Fernsehbeitrag ansehen würden.So gerät auch "Sicko" zum Kinovergnügen mit pädagogischem Mehrwert.
Letztlich bedient sich Moore ja der gleichen Mittel, mit denen sich auch Hollywoodgrößen wie Steven Spielberg, Ron Howard oder Nora Ephron den Weg in die Kinocharts ebnen. Er manipuliert große Gefühle im bewährten Takt des Dreiakters. Nun sind es eher die niederen Instinkte des politischen Bewusstseins, die er so aktiviert - die Wut, die Häme, die Betroffenheit und die Besserwisserei. So aber reißt er unpolitische Massen aus der Lethargie.
Nun gibt es bei uns keine amerikanischen Verhältnisse. Doch Moore hat sich mit "Sicko" eines globalen Problems angenommen. Es geht ihm ja nicht um die Millionen Unversicherten in Amerika, sondern um die Bürger mit Krankenversicherung. Und weil die Konzerne auch in den erodierenden sozialen Marktwirtschaften Europas nach Lücken forschen, wird Michael Moore mit "Sicko" erstmals nicht nur Vorurteile bestätigen, sondern als Kassandra auftreten.
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(SZ vom 10.10.2007)
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Der Autor Herr Kreye scheint das Thema US-Gesundheitssystem für so komplex oder uns für so doof zu halten (linke Europäer?), dass er uns wohl nicht zumuten will, den Film schlicht auf Fakten zu prüfen. Und wenn Moore noch dicker wäre, selbst die schlechteste Satire würde hier richtig zielen, denn das amerikanische Gesundheitssystem ist ungerecht und wesentlich schlechter als unseres. Stattdessen wird Moore mit abfälligen Worten bedacht. Ich fühle mich leider einmal mehr von der Süddeutschen or den Kopf gestoßen. Es ist nicht das erste Mal. Noch ein Wort zu Herrn Kreyes Durscheinander bei den "niederen Instinkten des politischen Bewusstseins": Wut ist eine gesunde und sogar notwendige Reaktion auf erlittenes Unrecht; Betroffenheit das äquivalent bei einem Zeugen von Unrecht. Durchaus Affekte zur Gesunderhaltung, besonders, wenn daraus auch Handlungen zum Selbstschutz und zu Verbesserungen folgen. Häme anstelle von Mitgefühl und Besserwisserei ohne Argumente dagegen wollen verletzen, stehen also auf der anderen Seite; beide erkenne ich in Ihrem Artikel.
Dieses SZ-Pamphlet gegen den pointiert montierten, aufklärerischen Dokumentarfilm von Michael Moore, ein Plädoyer für die Menschlichkeit und gegen die Profitgier im Krankenwesen, ist unwahrhaftig und rein parteiisch-politisch im Sinne der rechts-rechten Bush-Administration. Nicht ein Fakt des Moore-Films wurde in diesem Pamphlet der SZ auch nur erwähnt oder gar widerlegt.
Es stimmt halt, dass in den USA 50 Mio Menschen ohne Krankenversicherung vegetieren müssen und weitere Abermillionen an Menschen bei einer Krankheit abgewimmelt, bis zum Existenzverlust, werden, während die Shareholder der Versicherungen am Elend der Kranken finanziell "phantastisch" abräumen.
Es stimmt, dass (seit Tony Blair auch in England wieder durchfinanziert) in Europa die medizinische Versorgung im Vergleich zu den USA hervorragend ist.
Es stimmt, das US-Mittelstands-Bürger nach Canada und Europa fliehen, um sich Behandlungen leisten zu können und es stimmt, dass die USA ihre Veteranen aller ihrer Kriege (inkl. 9/11) mies behandeln.
Und, auch wenn man kein Castro-Fan ist wie ich - es stimmt, dass in Cuba Bildungs- und Gesundheitspolitik immer viel besser waren als in den USA, dem Land mit einer 3.-Welt Sterblichkeitsrate bei den Kindern, den weniger Reichen und den Alten.
Heute habt Iihr ohne Genierer "Operation: Kingdom" mit Jennifer Garner fast eine halbe Seite gewidmet, diesem rechtsradikalen Rambo-Klon-Film mit allen Klischees aus den grauslichsten Kriegshetzerfilmen. Ein Massenmord-Trash der untersten Lade.
Man bekommt schon eine Ahnung, warum München die "Stadt der Bewegung" war, mit dem ehemaligen "Braunen Haus" als aktuelle Touristenattraktion.
die info´s in seinem film sind ja schon richtig oder???wie er die info´s rüberbringt naja.aber lieber son dicken der präsident ist als georgy boy.glaube der reporter hat mehr ein problem mit dem nicht so eloquenten moore als mit dem gesundheitsystem.bei all der unfähigkeit von medienleuten sollte er doch nicht unbedingt das erste ziel sein oder?!
Liebe SZ, da solche Artikel (und heute im Feuilleton die Haßattacke "man müßte einmarschieren" von Sonja Zekri) euer Blatt bestimmen, habt ihr hiermit einen Abonnenten verloren - ich kündige und zwar heute noch.
Sich nur über Michael Moore herzumachen, ihn zu zerreißen und möglichst lächerlich zu machen und wenn dann noch Frau Zekri wegen Putin, dem sie nichts neues vorwerfen kann, zum Einmarsch in Russland auffordert, dann hockt einer von Uncle Dollar in eurer Redaktion und schreibt euch genau vor, wie ihr tönen dürft und wie nicht. Dann kann ich gleich das Handelsblatt lesen oder CNN hören, weil tendenziöses Blabla als Kultur verkauft kann man sich sparen. Viele Leser, die ich kenne, denken genauso - no fun, good bye.