Michael Jackson wird 50 Der Puppenspieler

So unselig der von der Justiz verfolgte und nach Bahrain emigrierte Superstar wirken mag: Nur wer Michael Jacksons Live-Auftritte betrachtet, versteht ihn.

Von Jonathan Fischer

Natürlich surrten die Fernsehkameras, als das ewige Bühnen-Kind sich zum Weltkulturerbe tanzte. Es war der 16. Mai 1983 und Michael Jackson legte im Rahmen einer "25 Jahre Motown"-Sondersendung das erste Mal den "Moonwalk" aufs Parkett. Scheinbar schwerelos und puppenhaft glitt er da über den Schirm. Eine Körper-Demonstration, die rund 50 Millionen Fernsehzuschauer weltweit nicht nur dank ihrer fließend-erotischen Kinetik hypnotisierte. Sondern für viele auch einer religiösen Initiation gleichkam: "Jacksons Körper", schrieb daraufhin der afroamerikanische Kulturkritiker Michael Eric Dyson, "feierte die Begegnung des Säkularen und Spirituellen". Der Zuschauer habe nicht nur einen pophistorischen Moment erlebt, sondern auch einen Akt "metaphysischer Erlösung".

Erlösung, Befreiung, Heiligsprechung des Körpers: Das sind zugegebenermaßen längst nicht mehr die ersten Assoziationen, die sich mit der Figur Michael Jacksons verbinden. Viel genüsslicher lässt sich schließlich über die Sauerstoffzelte und die Mundschutzmasken des neurotischen Superstars schwadronieren. Über seine Liebe zu Affen, die Affären mit Diana Ross und Lisa Presley. Oder das grotesk operierte Antlitz. Wenn man nicht gleich die Kinderschändungs-Vorwürfe aus der Kiste holt, und über die kranken Affekte einer lebenslang der verlorenen Jugend hinterherrennenden Seele sinniert. Allzu leicht gerinnt Michael Jackson da zur Karikatur. Zum menschlichen Mutanten, mit dem Wanderzirkus noch bis in die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die menschliche Phantasie kitzelten.

Monster hin, Messias her: Der Superstar und seine Kunst wirken tatsächlich auf erschreckende Art jenseitig. In seinen Videos - Jacksons ureigenster Ausdrucksform - begegnen wir Peter-Pan-Figuren, Zauberern, Werwölfen, und nicht zuletzt guten Rittern, die die Welt erretten. Andererseits: Stecken in solchen Märchenwelten nicht seit je her die tiefsten Wahrheiten? Hätte Jackson etwas Besseres tun können als seine Leidensgeschichte in Fabelwesen auszudrücken? Und predigen seine Werke nicht immer auch die Möglichkeit einer spirituellen Durchdringung der Wirklichkeit?

Der afroamerikanischen Tradition verdankt Jackson viel: James Brown und Jackie Wilson waren seine Lehrmeister als Showmänner, er bediente sich aus dem Repertoire des Breakdance und knüpfte an die Kunst schwarzer Tänzer wie Bojangles und Sammy Davis an. Keinem afroamerikanischen Künstler war es jedoch je gelungen ein so breites Publikum anzusprechen: Über 40 Millionen Mal verkaufte sich sein Album "Thriller" - und brach damit 1982 alle Verkaufsrekorde. Bis heute ist es die meistverkaufte Platte der Popgeschichte: 108 Millionen.

Der ehemalige Leadsänger der Jackson 5 riss im Alleingang alle Barrieren der Popwelt nieder, desegregierte den Musiksender MTV und landete als Afroamerikaner auf den Altar der weltweiten Pop-Verehrung. Quincy Jones ausgetüftelte Produktion zwischen Disco, Rock und Soul mag dazu beigetragen haben. Was aber wäre sie ohne Jacksons märchenhafte Videos gewesen?

Mit der üblichen Sex-And-Crime-Kost hatten sie nichts zu tun. Michael-Jackson-Videos warfen existentielle Fragen auf: nach der Natur von Gut und Böse; den Möglichkeiten persönlicher und kollektiver Verwandlung; der Bedeutung von Hautfarbe und Geschlechterrollen; und nicht zuletzt nach der Liebe als alles verändernder Kraft. Im Video zur Single "Thriller" liefert ein Horrorfilm-Setting den unwahrscheinlichen Rahmen für eine Untersuchung der Natur des Menschen. Mehrere Verwandlungen belegen die einführende Behauptung von Jacksons Charakter, anders zu sein "als die anderen Typen".

In Gegenwart seiner schockierten Freundin verzerren sich seine Gesichtszüge ins Animalische, als Werwolf jagt er der fliehenden Geliebten hinterher. In diesem Moment wird die Szene als Teil eines Films, der von den beiden angeschaut wird, aufgelöst. Unaufhörlich verwischt das Video so die Wirklichkeitsebenen. Jacksons Charakter wachsen Fangzähne und Raubtieraugen, dann schlüpft er wieder in menschliche Gestalt und fragt die verängstigte Freundin: "Was ist bloß los mit dir?" Seine Transformation vom großzügigen Beschützer zum bösartigen Verfolger verdeutlicht: Gut und Böse wohnen im selben Körper, machen den Menschen zu einem gefährlich unvollständigen, psychisch und spirituell zerrissenen Wesen.

Man kann dieses Video als Steilvorlage nehmen, um Jackson selbst zu erklären: seinen Drang nach übermenschlicher Perfektion, den Wunsch, die Zumutungen des Diesseits zu verdrängen und das Eingeständnis, letztlich doch nur gegen sich selbst zu kämpfen. Denn was verkörperte Michael Jackson anderes als ein großes Kind, das dafür geliebt werden wollte, dass es sich der Welt der Erwachsenen verweigerte?

Wider den fußlahmen Machismo

Das bewiesen schon seine androgynen Posen, das "Cross-Dressing" seiner Bühnen-Person: "Sein Gesicht sah so aus", schreibt die Schriftstellerin Margo Jefferson in ihrem soeben auf Deutsch erschienenen Essay "Über Michael Jackson" (Berliner Taschenbuch Verlag, 2008), "als hätte es sich definitiv von einem männlichen in ein weibliches verwandelt. Michael Jackson, der Künstler, hat nie Bilder schwarzer oder weißer Männlichkeit geprägt, die irgendwie realistisch gewesen wären." Nur Neverland ist sein Zuhause: dieser Vergnügungspark und Zoo, in dem Jackson "das fehlende Glied zwischen Mensch und Tier, Erwachsenem und Kind, echtem Leben und Märchen" gibt.

Jackson ließ nicht nur seine Nase zig-mal operieren, er veränderte auch sonst ständig seine äußere Form. Inszeniert sich in einer von ihm geschaffenen Zwischenwelt. Und evoziert dabei, wie in "Thriller", Fragen nach Differenz und Anderssein: Warum musste der süße Sängerknabe und fotogene Teenager sich dermaßen "verunstalten"? Konnte der einstige Leadsänger der von Motown als antiseptische Kinder-Combo verkauften Jackson 5 nicht aus dem Musterknaben-Zwang ausbrechen, die vom tyrannischen Vater forcierte Selbst-Kasteiung einfach über den Haufen werfen? Offensichtlich saßen da die Selbstzweifel schon so tief, dass er sich nur noch in Gegenwart von Kindern wohlfühlte, seine Wut, Trauer und Einsamkeit vor der Erwachsenenwelt verbarg und der zerrissenen Seele, der sexuellen Gewalt in ihm, bestenfalls tanzend Gestalt verlieh.

So sind es bezeichnenderweise weniger die Texte seiner Songs, die etwas über Michael Jackson verraten, als seine Choreographien. Hier nimmt der Superstar - allen Vorwürfen der Selbstverleugnung zum Trotz - die große Geschichte afroamerikanischer Spiritualität auf, hier gibt er dem schwarzen Körper als dem so gefürchteten wie verachteten "Anderen" seine Würde zurück und setzt dem fußlahmen Machismo des Hip-Hop-Mainstreams eine umfassendere Vision entgegen. Wie etwa im Video zu "Bad": Jackson bekennt sich da zu seiner Rasse, persifliert aber gleichzeitig das vorherrschende schwarze Männerbild. Von seiner Gang wegen einer misslungenen Mutprobe - er sollte einen weißen Passanten überfallen - verspottet, greift er den Anführer an. Und dreht das Machtgefüge tanzend um.

So unselig der zuletzt von der US-Justiz verfolgte und nach Bahrain emigrierte Superstar auch wirken mag, so blutleer seine letzten Alben auch klangen: Nur wer Jacksons Live-Auftritte betrachtet, versteht, was Theoretiker wie Michael Eric Dyson so fasziniert an diesem Puppenspieler: "Er verwandelt die Bühne in ein weltumspannendes Heiligtum, auf dem er Rituale religiöser Ekstase vorführt." Nur Gott kann wohl endgültig von Hautfarbe, Alter, Geschlecht und Schwerkraft erlösen. Aber Michael Jackson ist ihm zumindest tanzend dicht auf den Fersen.

Die Verwandlung

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