Michael Fassbender spielt Steve Jobs Ich, Cäsar

Der Visionär Steve Jobs in einer neuen Kinobiografie: Ein irrwitziger Dreiakter, in dem der große Guru eine irre Show abzieht, professionell wie auf privater Ebene.

Von David Steinitz

Warum ein Spielfilm über Steve Jobs eine wirklich saudumme Idee sein kann, dazu gab es in Hollywood vor zwei Jahren ein abschreckendes Fallbeispiel. Damals porträtierte Ashton Kutcher, der ein besonders tragisches Exemplar der Gattung "Schauspieler, die nicht schauspielen können" ist, den Apple-Guru in "Jobs". Ein Film, der gerne ein Drama sein wollte, aber leider eine Klamotte wurde, weil er den Ex-Hippie als eine Art Uschi Obermaier des Silicon Valley zeigte: Sex, Drogen, Indien, iPod.

Dass der Mann aber nicht nur der friedliche Heilsbringer eines neuen Technikzeitalters war, sondern streckenweise auch ein soziopathischer Despot, und dass gerade aus dieser Persönlichkeitsdialektik heraus das gigantische Apple-Imperium entstand - davon erzählt nun ganz meisterlich "Steve Jobs", ein Film zwischen Tragikomödie und Thriller. Geschrieben hat ihn Aaron Sorkin, der für sein Drehbuch zu "The Social Network" über den Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg 2011 einen Oscar bekommen hat. Trotz dieser Auszeichnung ist ihm das Jobs-Projekt zunächst aber gleich mehrfach um die Ohren geflogen - vielleicht nicht zuletzt wegen des vorausgegangenen Kutcher-Desasters. Leonardo DiCaprio wollte die Hauptrolle spielen und sprang in letzter Minute ab. Auf ihn folgte Christian Bale, der ebenfalls ausstieg. Auch der Regisseur David Fincher, mit dem Sorkin "The Social Network" gestemmt hatte, sagte irgendwann Goodbye. Als das Besetzungschaos publik gemacht wurde - durch Hacker, die sich auf den Servern des Sony-Studios herumgetrieben hatten - stand der Film ganz vor dem Aus.

Jobs ist das Gegenteil eines klassischen Filmhelden - und gerade deshalb großer Kinostoff

Sorkin aber, der Jobs' Aufstieg stets mit einer Mischung aus Faszination und Skepsis beobachtet hat, und der weiß, dass in Hollywood das größte Talent ohne Penetranz nichts wert ist, ließ nicht locker. Er packte sein dickes Skript in eine Supermarkttüte, marschierte zum Sony-Konkurrenten Universal, knallte es dort auf den Tisch - und hatte einen Deal.

Sein künstlerischer Ansatz: So viel Authentizität wie möglich und so viel Fiktion wie nötig. "Steve Jobs" ist keine Filmbiografie, die mit melodramatischem Pathos die wichtigsten Lebensstationen ihres Protagonisten abklappert. Vielmehr konzentriert der Film sich in drei Akten auf drei Stationen in dessen Leben - und zwar lange vor der iPhone-Hysterie. Wir sehen Jobs jeweils kurz vor einer seiner legendären Produktpräsentationen, hauptsächlich in den Katakomben hinter der Bühne: 1984, zur Präsentation des Macintosh; 1988 als er Apple hatte verlassen müssen und die Firma NeXT gegründet hatte; und schließlich 1998, als er mit dem iMac fulminant zurückkehrte.

Steve Jobs (hier gespielt von Michael Fassbender) war kein Designer, kein Programmierer und kein Ingenieur - er sah sich selbst als hauptberuflichen Visionär.

(Foto: Francois Duhamel)

Vor jedem dieser "product launches" diskutiert er mit Menschen aus seinem beruflichen und privaten Umfeld über sein Leben und seine Arbeit. Zum Beispiel mit seiner resoluten Marketingchefin Joanna (Kate Winslet), eine der wenigen Personen, die sich traut, dem Meister zu widersprechen, und sich auch in seine Privatangelegenheiten einmischt. Oder mit seinem langjährigen Kompagnon und Apple-Mitbegründer Steve Wozniak (Seth Rogen), der in diesem an Pop-Vergleichen reichen Film fordert, dass er nicht immer nur Ringo sein will, sondern auch mal John.

Michael Fassbender spielt Jobs während dieser wilden Dialoggefechte als unterschätzten Vordenker mitten im Evolutionsprozess zum verehrten Genie: zu Beginn trägt er noch Anzug, streicht sich melodramatisch die langen Haare aus dem Gesicht. Erst langsam nähert er sich dem ikonografischen Rollkragenpullover-Lebensmodell an.

Die Philosophie des Apple-Gurus orientierte sich an seinem Lieblingsmusiker Bob Dylan

Jobs ist charakterlich das Gegenmodell zum klassischen amerikanischen Filmhelden, der stets ein Outlaw war - und genau das macht ihn für die Filmemacher so interessant. Während der klassische Außenseiter im Kino im Zuge seiner Heldenreise zurück in die Gesellschaft eingegliedert wird, wartet Jobs ungeduldig darauf, dass sich seine Mitmenschen endlich an ihn und seine Zukunftsvorstellungen und Produkte anpassen. Dieser Mann ist weder Programmierer noch Ingenieur noch Designer - er ist ein hauptberuflicher Visionär. Und hauptberufliche Visionäre können, ja müssen dann auch Sätze wie diesen sagen: "Ich bin wie Julius Cäsar - umgeben von Feinden!"

Die Treffen zwischen Jobs und seinen Jüngern beziehungsweise Widersachern haben in Wahrheit natürlich nicht genau vor diesen drei Produktpräsentationen stattgefunden. Drehbuchautor Sorkin nimmt sich die künstlerische Freiheit heraus, wahre Details dramaturgisch auf diese drei Akte zuzuspitzen - sehr lose inspiriert von der dicken Jobs-Biografie des Schriftstellers Walter Isaacson. Den hatte der Apple-Chef sich persönlich als Biografen erwählt, weil dieser bereits Bücher über Albert Einstein und Benjamin Franklin verfasst hatte - um gleich mal die eigene Bedeutung zu unterstreichen.

Das Buch ist eher devot geschrieben und stilistisch auch recht esoterisch verfasst ("Die Welt war damals noch ein völlig anderer Ort"). Umso eindrucksvoller ist es, was Sorkin und Regisseur Danny Boyle jetzt daraus gemacht haben. Während das komplette Leben dieses exzentrischen Menschen in der dokumentarischen Form viel besser aufgehoben ist - zum Beispiel in der ausgezeichneten Doku "The Man in the Machine", die soeben auf DVD erschienen ist - bleiben Sorkin und Boyle bei dem, was sie am besten können - also überwältigendem Kino.

Das ist mal sehr lustig, wenn Jobs, der seine Produktpalette als geschlossenes System entworfen hat, für das kein Konkurrenzprodukt kompatibel sein sollte, diesen Wunsch mit seinem großen Helden Bob Dylan erklärt. Der habe sich schließlich auch von niemandem Songtexte zuliefern lassen. Mal ist es auch einfach nur bizarr, zum Beispiel wenn er die Vaterschaft seiner Tochter Lisa, die hier in drei verschiedenen Altersstufen zu sehen ist, abstreitet - und zwar so rigoros und brutal, dass einem der Mund offen stehen bleibt.

Theoretisch würden all diese geschliffenen Dialogstreitereien über ein sehr gelungenes Boulevardtheaterniveau nicht herauskommen, wenn Regisseur Boyle und sein Cutter Elliot Graham sie nicht so raffiniert in ein irres filmisches Erzähltempo übersetzt hätten. "Steve Jobs" wird von einem eleganten Schnitt-Stakkato getragen, das Suspense erzeugt, ohne in jenes enervierende Schnitt-Tohuwabohu zu verfallen, das so viele Filme zur Qual macht.

Was bleibt, ist die Essenz eines manischen Lebenswerks, das die Frage nach dem Kern von Steve Jobs' Genie auf sein Publikum zurückwirft. Im ersten Akt, bei der Präsentation seines Macintosh, antwortet er auf die Frage, warum irgendjemand diesen Computer kaufen sollte: "Die Menschen werden nicht wissen, was sie da sehen oder was das ist - aber sie werden es haben wollen."

Steve Jobs, USA 2015 - Regie: Danny Boyle. Buch: Aaron Sorkin. Kamera: Alwin H. Küchler. Schnitt: Elliot Graham Mit: Michael Fassbender, Kate Winslet, Seth Rogen, Jeff Daniels, Perla Haney-Jardine, Michael Stuhlbarg. Universal, 122 Minuten.