Von Philipp Mattheis

"Zirkus" heißt das neue Album der Berliner Band MIA. Diesmal geht es nicht um Ökostrom oder um Deutschland, sondern um Gefühle. Nicht mal deutsche.

Die gute Nachricht vorab: keine Patriotismusdiskussion und Flaggengedöns. Diesmal geht es nicht um Deutschland. Nein, viel besser: Es geht um Liebe. MIA hat ein neues Album veröffentlicht. MIA, die Band mit der Deutschlandflagge, die die ganze Patriotismusdebatte schon Jahre zuvor vorweggenommen hatte, weil sich Sängerin Mieze auf Konzerten gerne in Deutschlandfahnen kuschelte. Rückblickend könnte man der Band schon prophetische Fähigkeiten zuschreiben. Avantgarde im wahrsten Sinne des Wortes. Vorhut der deutschen Popmusik, ach was der ganzen Nation überhaupt.

"Zirkus" erschien am 21. Juli. (© Foto: Cover)

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Denn ist nicht genau das eingetreten, was MIA vor zwei Jahren angestoßen hatten? Lockerer Umgang mit der Fahne und der eigenen Nationalität? Endlich wieder mal stolz sein können, etwa auf den Prenzlauer Berg in Berlin? Was hat die Band nicht für Debatten entfacht - es ging sogar so weit, dass sich andere deutsche Musiker zusammenschlossen, um gegen den neuen Nationalismus in der Popmusik zu protestieren ("I'cant relax in Deutschland").

Kurzum, MIA lässt Feuilletonisten aufhorchen. Dazu muss man die Musik gar nicht gut finden. "Wer Mia kennt, hat eine Meinung. Eine gute, eine schlechte, wie es jedem beliebt. Angefeindet, vergöttert, auf den Olymp gehoben und die Hölle geschickt" heißt es deswegen auch treffend auf der Pressemeldung des Major-Labels Sony BMG.

Man kann das nicht ganz unberechtigt als "Sensationsgeilheit" auslegen. Weil sich der Feuilletonist denkt: Vielleicht findet sich auf der neuen Platte eine Textzeile, die zum Bürgerkrieg unter Deutschlands Musikern führt.

Vielleicht sagt die Sängerin irgendwo verschlüsselt, dass sie es toll findet, wenn deutsche Soldaten in den Kongo geschickt werden. Oder sie fordert in süßlichem Popgemauze deutsche Mädels auf, sich wieder hinter den Herd zu stellen. Vielleicht heißt ein Song ja auch "Schwarz-rot-geil"?

Viel "Uhlala"

Fehlanzeige. Nichts davon auf dem neuen Album "Zirkus". Darauf ist nur Liebe und Pop. Die Songs heißen "Uhlala", "Engel" oder "Was Besonderes". Tolle Musik für einsame Stunden junger Studentinnnen. Wenn man wieder mal verzweifelt an den gewaltigen Emotionen der ersten, zweiten oder zehnten Liebe im Altbauzimmer der WG sitzt und sich essenzielle Fragen stellt wie "Wer bin ich?", "Was ist eigentlich Liebe?" oder "Warum bin ich nur so verliebt?"

Musikalisch bleiben MIA Pop und klingen sogar noch ein bisschen glatter als auf den Alben zuvor. Mal wird wie in "S.O.S" ein bisschen Punk zitiert, mal Electro. Zitiert, nicht gespielt. MIA ist vor allem gut und sauber produzierter Pop: avantgardistische Strömungen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebrochen und radiotauglich gemacht. Perfekt für die Mainstream-Radiosender, die den Hörer nicht erschrecken möchten.

Die Single-Auskopplung "Tanz der Moleküle" hat Ohrwurmpotenzial und klingt für Weghörmusik erstaunlich interessant. Doch insgesamt wagt sich die Band nur selten wie in den Songs "Zirkus" oder "Floss" (das aus unerfindlichen Gründen mit Doppel-s und nich mir "ß" geschrieben wird) auf radiountaugliches Terrain. Dann kann man erahnen, dass die Band tatsächlich ganz wunderbar interessante Musik machen könnte, wollte man nicht so dudelig nach Mainstream klingen.

Ab und zu bleibt eine Textzeile im Kopf hängen, in die sich alles und nichts interpretieren lässt:"Ich bin kein O-O-O-Orakel, Nein ich habe keinen Plan. Vielleicht habe ich was versprochen, das ich nicht halten kann." Ja, das kann sein. Und wer behauptet mit: "Halt mich fest. Es ist so schön, wenn Du lachst" wäre irgendwie Deutschland und nicht irgendein Gegenüber gemeint, hat MIA nicht begriffen. Es geht wirklich nur um Liebe.

MIA: "Zirkus" (Sony BMG) 1. Uhlala 2. Tanz der Moleküle 3. Zirkus 4. Floss 5. Oder nicht oder doch 6. Je dis aime/Ich sag Liebe 7. Engel 8. Dann war das wohl Liebe 9. S.O.S. 10. 2 Pieces 11. Was Besonderes

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