Mexiko: Musik und Drogenmafia Sing oder stirb, Hombre!

Musik des Gemetzels: Im Auftrag von Killern müssen mexikanische Musiker Mord und Totschlag glorifizieren - und leben gefährlich. Am 26. Juni starb Sergio Vega einen Tod, den er schon gedichtet hatte.

Von Camilo Jiménez

Sechs Schüsse töteten Sergio Vega. Am Abend seines Todes fuhr er mit einem roten Cadillac durch ein Kriegsgebiet im Norden Mexikos, durch Los Mochis in Sinaloa. Es ist die Hochburg des Drogenkartells vom Kapo Joaquín Guzmán. Ein Mann, der im Auto neben Vega saß, sprach später von einer plötzlichen Verfolgungsjagd und von ohrenbetäubendem Krach von Pistolen. Nach dem Attentat fand die Polizei einen Wagen mit dreißig Löchern sowie eine Leiche mit fünf Schusswunden am Körper und einem Kopfschuss, ein "typischer Akt der Mafia". Die Ermittler stellten fest, dass Sergio Vega in seinem Pyjama starb. In dieser Kleidung fuhr Vega seinen feuerroten Cadillac am liebsten. Der Spleen eines Künstlers. Der Ermordete war einer der populärsten Künstler Mexikos.

Vega wurde vierzig Jahre alt. Er war Sänger und Dichter von Volksliedern, die vom Drogenhandel, von Verrat und Tod erzählen. Viel zu lange hatte er die Geschichten des Verbrechens seines Landes geschildert, in den Monaten vor seinem Tod wollte er nur noch über die Liebe singen. Sein Geschäft - das des Liedermachers der Kartelle - war zu gefährlich geworden. Am 26. Juni starb Sergio Vega einen Tod, den er schon gedichtet hatte.

Fünfzehn Sänger und Autoren von narcocorridos sind in den letzten drei Jahren in Mexiko umgebracht worden. Narcocorrido, dieser Begriff steht für das Genre dieser Künstler - zusammengesetzt ist er aus dem Wort corrido, welches die mexikanische Volksmusik bezeichnet, und aus narco. Narco ist der Drogenkrieg, der in Mexiko tobt. Die Musik hat europäische Wurzeln - die Instrumente, die Rhythmen. Polka und Walzer verschmolzen mit dem Temperament und den Sorgen der Menschen dort. Die Musik wurde lauter und lebhafter.

Corridos erzählten zu Beginn des 20. Jahrhunderts Geschichten über die Blut- und Heldentaten der mexikanischen Revolution. Es waren schon immer Lieder für die Aufständischen. Im Norden Mexikos, wo das Spiel mit der Illegalität vielen zur Lebensgrundlage wurde, wurden Narcocorridos zur Identifikationsmusik der vom Verbrechen abhängigen Gesellschaft. Einer der populärsten Songs heißt "Schmuggel und Verrat".

Die Ermordung von Sergio Vega brachte die Narcocorridos wieder einmal in die Schlagzeilen.

Das Leben des Mannes mit dem Cowboy-Hut, dem stilisierten Schnurrbart, dem Ledermantel und den Stiefeln könnte nun Vorlage für neue Lieder werden. Vega war tief in das Netz der Kartelle verwickelt. Mexikanischen Lokalzeitungen zufolge gab es auch eine Frauengeschichte. Liebe? Eifersucht? Dem Mord könnten bislang ungeahnte Motive zugrunde liegen. Was wiederum viel erklären könnte: Denn es sind die Autoren und Interpreten der Narcocorridos selbst, die in Mexiko und in anderen Ländern Lateinamerikas höchsten Ruhm erreichen. Beliebt bei den Leuten und geliebt von Frauen, erzielen diese Künstler oft jene Triumphe, die die Chefs der Kartelle aller Macht zum Trotz vermissen.

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