Rechtsextremismus und Frauenrechte Feminismus von rechts außen?

Mehrere Hundert Menschen nahmen im Juni vergangenen Jahres an einer Demonstration der rechtsextremen "Identitären Bewegung" in Berlin-Wedding teil.

(Foto: imago/Christian Mang)

Rechte Gruppen wollen in der "Me Too"-Debatte den Kampf für Frauenrechte kapern. Das kann niemals Feminismus sein, knüpft aber an Vorurteile aus der Mitte der Gesellschaft an.

Von Julian Dörr

Der Trick ist ganz alt. Aber er verfängt sofort. Dramatische Musik, junge Frauen sprechen in die Kamera, aus den intimen Räumen ihrer Wohnungen heraus. "Mein Name ist Mia. Mein Name ist Maria. Mein Name ist Ebba." Namen, die zu Opfern von Gewalttaten gehören. Sätze, die sagen: Das nächste Opfer könnte ich sein. Oder du.

Das Video, das vor Kurzem bei Youtube hochgeladen wurde, stammt aus dem Umfeld der völkischen und rechtsextremen Subkultur der "Identitären Bewegung". Rechte schwingen sich darin also zu vermeintlichen Frauenschützern auf. Vordergründig. Die politische Agenda kommt danach und geht so: Mia, Maria und Ebba aus Deutschland, Schweden und Großbritannien sind Opfer von Migranten, Ausländern, Flüchtlingen.

"Wir wollen die nicht. Schreiben Sie das"

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Wörtlich sagen das die Frauen in dem Video nicht. Was sie aber sagen: "Ich wurde in Kandel erstochen. Ich wurde in Malmö vergewaltigt. Ich wurde in Rotherham missbraucht." Von wem, bleibt offen. Während über einige dieser Vorfälle auch in deutschen Medien berichtet wurde, finden sich zu anderen nur Hinweise auf fragwürdigen Seiten im Internet, deren Glaubwürdigkeit zweifelhaft ist. Was die Berichte aber gemein haben: Die mutmaßlichen Täter waren Menschen mit Migrationshintergrund.

Rassisten inszenieren sich als Frauenverteidiger

Wer Menschen eine Botschaft vermitteln will, muss Menschen die Botschaft spüren lassen. Am eigenen Leib, im eigenen Leben. "Mein Name ist Mia. Ich wurde in Kandel erstochen." Personalisierung. Emotionalisierung. Lehrbuch für Aktivismus, Lektion eins, Seite eins.

Auf die Emotionalisierung folgen also umgehend die vermeintlichen Ursachen für diese Taten: "Weil ihr euch weigert, unsere Grenzen zu sichern. Weil ihr euch weigert, zu kontrollieren, wer hier reinkommt. Weil ihr euch weigert, Straftäter abzuschieben." Es wird nie ausgesprochen, aber es ist sofort klar, worum es hier eigentlich geht: Die europäische Frau, bedroht vom belästigenden, vergewaltigenden, mordenden Muslim.

An der Oberfläche bedient dieses Video feministische Narrative. Gewalt sichtbar machen, Schweigen brechen. Doch diese werden dazu missbraucht, den Rassismus der "Identitären Bewegung" zu verbreiten. "Frauen wehrt euch!" steht in der Zeile unter dem Video. Und daneben: #120db. 120 Dezibel. Die Lautstärke eines Taschenalarms für bedrohte Frauen. #120db soll ein Aufruf sein. Die rechte Antwort auf #MeToo. Endlich soll ausgesprochen werden, was verschwiegen wird in Deutschland. Und so behaupten diese Frauen, dass die Täter überall lauern. Im Park beim Joggen, auf dem Nachhauseweg von der Arbeit, an der Bushaltestelle. Sie nennen sich: die Töchter Europas. Sie sagen: "Ihr habt uns vergessen." Mehr noch: "Ihr habt uns verraten. Ihr habt uns geopfert."

Ihr, das ist die liberale Gesellschaft, die - auch das sagen die Protagonistinnen dieses Videos - ihre Frauen nicht mehr schützen kann. "#120db ist der wahre Aufschrei, gegen die wahre Bedrohung für Frauen in Europa", sagt eine. Eine andere: "Ihr predigt Feminismus und Frauenrechte - dabei seid ihr die wahren Frauenfeinde."