Metallica: Album "Death Magnetic" Der Tod steht ihnen gut

Kompromissloses Gedresche und sonisches Trommelfeuer: Auf ihrem neuen Album "Death Magnetic" spielen Metallica wieder die knochenharte Musik ihrer frühen Tage.

Von Paul-Philipp Hanske

Popkulturell betrachtet leben wir in seltsamen Zeiten. Einerseits kann man sich mit gutem Recht darüber beklagen, dass das, was als "Mainstream" gilt, also das, was die Major-Labels mit sehr viel Geld und einer ungeheuren PR-Maschinerie auf den Markt und in unser Bewusstsein drücken, zum Großteil eine musikalische Schwundstufe von Pop ist.

Sie machen Musik nur, wenn sie laut ist: James Hetfield an der Gitarre und Metallica-Schlagzeuger Lars Ulrich bei einem Konzert in Los Angeles.

(Foto: Foto: AP)

Man kann empirisch die Diktatur gewisser Produktionsstandards nachweisen, welche die unterschiedlichsten Pop-Erzeugnisse allesamt zugleich glatt und wuchtig (in der Sprache des Feldes: "fett") klingen lassen. Dann aber gibt es, andererseits, diese seltsamen Ausreißer. Etwa "Death Magnetic"(Mercury/Universal, 2008), das neue Album der kalifornischen Heavy-Metal-Band Metallica.

Zweifelsohne ist dessen Veröffentlichung - neben Madonnas Album "Hard Candy" und Coldplays neuer Platte "Viva La Vida" - eines der großen Ereignisse der kommerziell bedeutsamen Popmusik in diesem Jahr. Es müsste mit dem Teufel zugehen, würde "Death Magnetic" nicht auf dem ersten Platz der Album-Charts landen. Seit 1991 gelang das der Band schließlich noch mit jedem neuen Album. Auch "Death Magnetic" wird millionenfach seine Käufer finden.

Die Frage ist freilich, was diese Millionen mit der Platte dann eigentlich machen. Denn bis auf wenige Ausnahmen ist die Musik darauf ein absolut kompromissloses Gedresche, ein sonisches Trommelfeuer. Entsprechend euphorisch reagierten im Vorfeld bereits alle Fachzeitschriften der Heavy-Metal-Gemeinde. Endlich, so war zu lesen, sei Metallica wieder Metallica. Die Jahre der Anbiederung an den Mainstream seien vorbei. Das Problem ist nur: Was der Mainstream sich einmal einverleibt hat, das lässt er nicht so einfach wieder ziehen.

Metallica ist fraglos die wichtigste aller Heavy-Metal-Bands. Es ist die Gruppe, die dem Genre seine Identität verlieh. Angefangen hat sie als Punk-Band im Genre Metal. Das war insofern erstaunlich, als Metal zu Beginn der achtziger Jahre eine Abgrenzung zum Protestmodell Punk war. Die Autoaggressivität von Punk - die auch die gesellschaftspolitische Relevanz dieser Musik verbürgte - wurde von Metal in unreflektierte, maskuline Aggression übersetzt.

Dazu gesellte sich oft - in Abgrenzung zur ausgesprochenen Diesseitigkeit von Punk - eine Sehnsucht nach dem Übernatürlichen, die sich teils in märchenhaften Fantasmen, teils in düsterem Okkultismus austobte. Metallica hingegen bezog sich von Anfang an auf Punk, indem die Gruppe etwa Songs der Punkband The Misfits nachspielte. Fantasy und Okkultismus - die Gründe dafür, wieso Metal so oft als eskapistisches "Kasperltheater" erscheint - war für die Band auch nie ein Thema. Sänger James Hetfield sang stattdessen auf existenzialistische Weise über Themen wie Krieg, Tod und tyrannische Väter. Auf der einen Seite war Metallica also immer so etwas wie "die gute" Band im Feld Metal.

Maskuline Aggression

Zugleich aber erfand Metallica den sogenannten Thrash-Metal, jene brutale Spielart, die durch maschinengewehrschnelle, zugleich aber wie mit dem Skalpell geschnittene Gitarren-Riffs gekennzeichnet ist. Kein Metal-Fan konnte an der Legitimität dieser Band zweifeln.

Das änderte sich radikal mit dem 1991 erschienen Album "Metallica". Erstmals verpflichtete die Band einen prominenten Produzenten, Bob Rock, der auch Chart-Hard-Rockern wie Bon Jovi ihren glattgebürsteten Sound verpasste. Balladen wie "The Unforgiven" rotierten auf MTV und Metallica tummelte sich zunehmend auf bedeutungslosen Tribute -Konzerten. Alle folgenden Alben verkauften sich millionenfach - und überschritten stilistisch Metal bei weitem.

Aber ganz gleich ob sich die Band dem Bluesrock öffnete, ob sie ihre größten Hits mit einem Sinfonie-Orchester einspielte (was im Pop immer einer Bankrotteerklärung gleichkommt) oder - auf ihrem letzten Album "St. Anger" - bewusst roh und kaputt klang: immer hatte man das Gefühl, Metallica suche und finde sich nicht. Die Band tat sich nicht mehr durch ihre extreme Musik hervor - sondern sorgte vor allem für Aufsehen, weil sie den Don Quichotte im Kampf gegen die Musikpiraterie im Internet gab.

Völlig offenbar wurde die Sackgasse, in der die Band steckte, durch den Film "Some Kind of Monster" von Joe Berlinger und Bruce Sinofsky aus dem Jahr 2004. Er zeigt Metallica kurz vor der Auflösung. Sänger James Hetfield ist auf Dauer-Alkoholentzug, der Rest der Truppe klagt über Burnout und kommuniziert nur noch über den Gruppentherapeuten.

Für "Death Magnetic" wurde jetzt die Notbremse gezogen. Die Band verpflichtete Rick Rubin, der heute Co-Chef von Columbia ist, vor allem aber als der wichtigste Popmusik-Produzent der letzten 20 Jahre bekannt ist. Rubin, der sich gerne als vollbärtiger Sound-Guru inszeniert, war unter anderem verantwortlich für das fulminante Comeback des alten Johnny Cash - als Produzent der satanistischen Fleischhauer von Slayer wird er aber auch als Urvater des Heavy Metal angesehen.

Was Rubin nun auf "Death Magnetic" mit Metallica gemacht hat - eine Zeitreise in die musikalische Vergangenheit - ist ein beliebtes Mittel des Pop, wenn er nicht mehr sieht, wie es nach vorne weitergehen könnte. Die enthusiastischen Reaktionen auf "Death Magnetic" - die Feier der wiedererlangten Authentizität von Metallica - zeigen aber auch die Überzeugungskraft dieser Strategie.

Zwei Zugeständnisse an den Massengeschmack und das Format-Radio finden sich auf "Death Magnetic": die Balladen "A Day that never comes" und "The Unforgiven III". Hier darf dann auch schon einmal ein Klavier unter James Hetfields Heldenbariton klagen. Aber die beiden Lieder wirken seltsam deplaziert. Der Rest der zehn Songs nämlich ist knochenharter, hochkomplexer Metal: Auf Intros folgen diverse Ramps, polyrhythmische Intermezzi, Strophen, Refrains und kreischende Outros. Und untendrunter wummert das Doublebass-Bombardement des Schlagzeugers Lars Ulrich.

Metallica erweist sich wieder einmal als perfekt tickende Rhythmus-Maschine: Wie Nähmaschinen rattern die Gitarren Zweiunddreißigstel-Noten herunter und jaulen synchron in den Soli auf. Messerscharfe Breaks unterstreichen nur die Brutalität dieses Sounds. Mathe-Metal ist ein böser Ausdruck für diese Art exakt berechneter Musik. Das Erstaunliche aber ist, dass Metallica es trotzdem schaffen, diesen präzisen Höllenmaschinen von Songs Leben einzuhauchen.

Die Band klingt also wie zu ihren besten Thrash-Metal-Zeiten in den späten achtziger Jahren, "Death Magnetic" könnte das Anschlussalbum an "...and Justice For All" aus dem Jahr 1988 sein. Was in der Zwischenzeit geschah? Schwamm drüber. Aber der entscheidende Punkt ist: Metallica klingt wie eine Thrash-Metal-Band, ist aber der Mainstream-Top-Act Metallica.

Das zeigt sich schon in der kleinlichen Publikationspolitik. Warner ging mit dem unveröffentlichten Album um wie ein Arzneimittelkonzern mit einem neu erfunden Wundermittel gegen Krebs. Obwohl es schließlich wie erwartet doch deutlich vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin illegale Downloads im Netz gab, bekamen Journalisten vorab keine Rezensionsexemplare. Aber auch wenn man diese Paranoia beiseite lässt: Die wilde Dresch-Combo ist Metallica eben doch nicht mehr.

Wüste Heftigkeit

Wollen Teenager heute ihre Aggressionen musikalisch ausleben, dann sind sie Fans von Gangster-Rap oder der Splatter-Metal-Band Slipknot. Hört man Metallica, dann bedeutet das - eben weil die Band dem Genre entfremdet ist - nichts mehr, dann kommuniziert man damit keinen Protest, keine heroische Wut mehr. Man hört nur eine perfekt musizierende Band.

So kann der wüsteste Thrash-Metal Mainstream-Rock werden - und der Hörer sich einfach an der konsequenten Heftigkeit der Musik erfreuen. Es spricht ja auch nichts dagegen, dass etwa überarbeitete Manager Metallica als perfekten Workout-Sound im Fitness-Studio hören. Wenn in die Massenware des Pop auf diese Weise hoch komplexe und doch lebendige Song-Ungetüme eingeschleust werden, dann ist das sogar ein erfreuliches Ereignis.