Von WILLI WINKLER

Sandra Maischberger, erstmals aufwühlend für die ARD tätig, schenkte ihrem neuen Sender auch gleich Quote - und dem Publikum den Anblick einer teichgroßen Holzplatte.

In ferneren Jahrzehnten, wenn die Historiker die Spreu vom Weizen getrennt und den Richtspruch über unsere Gegenwart gefällt haben werden, wird sich die von Jürgen Habermas beschriebene "kommunikative Kompetenz" als die größte Tendenz unseres Zeitalters herausstellen. Und weil jedes neue Bildungserlebnis einer passenden Bühne bedarf, schreinerten Habermas-Leser seit Anfang der 70er Jahre mehr oder weniger massive Holztische zusammen, an denen man sitzen und sich einmal in Ruhe über alles unterhalten konnte. Wie das so war mit den Fallstricken der Liebe, der Korruption im weiten Land und dem Schuldenelend der Dritten Welt, das einen, wenn man nur lange genug schwadronierte und nach Verzehr von etlichen Tassen heißen Früchtetees, unweigerlich zu den Defiziten in der eigenen Schlafkammer zurückführte. Am Tisch in der Wohnküche fand der Deutsche erst die Sprache, dann sich und schließlich die Welt. Hauptsache, der Tee blieb schön warm.

Folgt Alfred Biolek und hat ihn auch dank werbe- und programmflächendeckender PR in der ersten Folge der "Menschen bei Maischberger" übertroffen: 2,35 Millionen oder 20,4 Prozent der vormitternächtlichen Zuschauer wollten ins Leben anderer schauen. (© Foto: WDR)

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Der Mensch wird älter, verlässt die Wohngemeinschaft, aber auf den Holztisch in der Wohnküche muss er doch nicht verzichten. Da nicht jede Wohnung groß genug für diesen Marktplatz der Ideen und Utopien ist, kann man den Tisch immer häufiger auch im Fernsehen betrachten. Sitzt nicht Kerner an einem recht ungefügten Schwatzmöbel, wenn er es triefen lässt? Und Beckmann - was wäre Beckmann ohne diesen Tisch, über den er sich voller Verständnis beugen kann? Am Wohnküchentisch darf der Mensch noch naturbelassen sein, nämlich ganz Mensch.

In Deutschland leben schätzungsweise 82 057 683 Menschen. Es ist zu befürchten, dass jeder einzelne über ein eigenes Schicksal und damit das Recht verfügt, sein Leben in seiner ganzen Schicksalhaftigkeit publik zu machen. Es fehlt nicht an Foren, auf denen sich der Busen von Naddel, der Hintern von Jürgen Drews und sogar der Hund von Dieter Thomas Heck ausweinen und auf seiner je besonderen Individualität bestehen kann. Doch trotz seiner bekannten Menschenfreundlichkeit kann das Fernsehen nicht alle deutschen Menschen, ja, nicht einmal alle Mühseligen und Beladenen, und erstaunlicherweise nicht einmal alle Politiker bei sich empfangen. Aber versuchen sollte man es unbedingt.

Seit Dienstagabend fischt Sandra Maischberger an einer teichgroßen Holzplatte unter diesen 82 057 683 Menschen nach den ganz besonderen. Sie folgt dabei Alfred Biolek und hat ihn auch dank werbe- und programmflächendeckender PR in der ersten Folge der Menschen bei Maischberger übertroffen: 2,35 Millionen oder 20,4 Prozent der vormitternächtlichen Zuschauer wollten ins Leben anderer schauen. Sie sahen eine konzentriert fragende, maskenhaft desinteressierte Frau Maischberger. Geisterhaft war ein ganzer Berliner Tränenpalast voll als Publikum dabei, der auf dem Bildschirm nur als akustische Klatschkulisse mitmachen durfte. Nichts sollte die Intimität der im großen Saal nachgestellten n-tv-Gespräche stören. Justizsenator Roger Kusch konnte sich als schwul bekennen und jede Vetternwirtschaft im Hamburger Senat bestreiten. Peter Graf, in der Einblendung mit "Zwei Jahre Haft" signalisiert, kam unglaublich soigniert aus der Versenkung, sprach so leise, dass er unangreifbar wurde, saß seltsam verrenkt auf seinem Stuhl, stellte richtig, zeigte sich musterhaft menschlich und erzählte eine rührende Feuerzangenbowliade aus dem Knast.

Bei soviel Menschlichkeit musste es Frau Maischberger natürlich entgehen, dass Peter Graf eine mittlere Sensation ausplauderte: Gerhard Mayer-Vorfelder, in Baden-Württemberg früher als Finanzminister für die Steuerfahndung zuständig und heute nur noch Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), hatte Graf Amnestie angeboten, wenn er und seine Tochter Stefanie, so jedenfalls Vater Graf, sich doch nicht aus Deutschland davonmachen und im bereits bestellten Nest Monaco niederlassen würden. Was wusste Maischberger eigentlich vorher über Peter Graf?

Kaum weniger menschlich ging es bei Vesna Milenkovic zu, die Deutschland verklagt, weil ihre Tochter 1999 bei den Bombenangriffen auf Belgrad sterben musste. Zwar dampfte kein Tee auf dem Tisch, aber es entbehrte doch nicht der Menschlichkeit, als sich Frau Maischberger schließlich über Satellit mit Rolf John in Florida unterhielt, dem die Bundesregierung gerade eine Gesetzesänderung gewidmet hat. Als Gespräch allerdings war das TV-Telefonat unergiebig.

Anne Will und Jörg Kachelmann hatten in den Tagesthemen davor heftig für Kollegin Maischberger geworben. Die übertraf das Getöse mit Leichtigkeit, als sie für ihre Menschen ein "zehn bis zwanzig Prozent höheres Gefühl von Intensität" versprach. Vom Feeling her war das ein echt gutes Gefühl und menschlich sehr in Ordnung.

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(SZ v. 04.09.2003)