Mensch und Wille Gott zu spielen macht müde

Tägliche Balance zwischen weltberühmt und arbeitslos: Die unendlichen Sex-, Drogen- und Erfolgsmöglichkeiten machen den freien Menschen unfrei.

Von Sven Hillenkamp

Es existieren nicht mehr die zwei Welten: hier die taghellen Räume der Arbeits- und Familienwelt, dort die finsteren Gewölbe des Exzesses. Die Drogen- und Sexmöglichkeiten, die Verschlafens- und Nichtstu-Möglichkeiten, die Flucht- und Selbstzerstörungsmöglichkeiten liegen auf derselben Ebene wie die Diät- und Arbeitsmöglichkeiten, Erfolgs- und Berühmtheitsmöglichkeiten, die unendlichen Möglichkeiten der Selbstbeherrschung und Selbstverbesserung.

Was einst in moralisch getrennten Sphären existierte, ist jetzt tatsächlich ein unendliches Anziehungsfeld. Man kann zuerst, in der Jugend, das eine tun, später das andere. Man kann beides gleichzeitig tun - work hard, party hard. Und man kann mit verteilten Rollen spielen, es literarisch lösen.

Was die Figur sich antut, die Selbstzerstörung, und was der Autor eventuell erreicht, die Berühmtheit, ist gleichermaßen Teil der unbegrenzten Möglichkeiten. Inklusive des Zusammenhangs: dass die Figur sich zerstören muss, damit der Autor berühmt wird. Das mag nicht Kalkül sein - die Beschreibung des Unglücks ist Aufgabe der Literatur -, nur Logik des Systems.

Einst war alles Prestige ans Sein geknüpft: den Adel, die edle Herkunft. Dann ans Haben, den Besitz. Jetzt ist es ans Tun gebunden: die außerordentliche Leistung, das künstlerische Werk sowie - die jüngste Entwicklung - ans Leiden.

Je furchtbarer die Krankheit, je schwerer das Trauma, je schmerzbeladener der eigene Lebensweg, desto mehr Prestige gewinnt, wer dies öffentlich zum Ausdruck bringen kann. So gehen das Leiden, also die totale Passivität des Opferseins, und die Leistung, also die hemmungslose Aktivität des Schaffenden, des Künstlers, eine eigentümliche Verbindung ein.

Es existiert eine doppelte Lust: zum einen an der Subjektwerdung des Menschen, der endlich über sein Schicksal triumphiert, indem er es mittels einer Erzählung in seine Persönlichkeit integriert und es annimmt. Das ist es, was Nietzsche unter dem Willen zur Macht verstand. Zweitens, indem er sich erfreut an der Beschreibung des (überwundenen) Objektstatus: des Depressivseins, Krankseins, Süchtigseins, Ohnmächtigseins.

Vielleicht haben die freien Menschen, die ihr Leben in jedem Augenblick in der Hand haben sollen, auf seltsame Weise Sehnsucht nach diesem Objektstatus. Sie wollen Geschichten über Taumelnde und Heimgesuchte hören, weil sie müde sind ihrer Gottesrolle, müde, der permanente Schöpfer des eigenen Schicksals zu sein in Liebe und Arbeit, Karriere und Therapie, Glücks- und Gesundheitsstreben. Gott möchte also Hiob sein: Spielball, nicht Akteur. So ist noch der Sturz in die Selbstzerstörung paradoxe Rückkehr in die große Geborgenheit - denn wir sind in Deiner Hand.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum plötzlich ein jeder Künstler sein will.

Schöner scheitern

mehr...