Melodie-Mathematikerin Sia Alle sieben Sekunden ein Höhepunkt

"Das Problem mit Songs aus den 80ern ist, dass sie viel zu lange brauchen, um zum Refrain zu kommen." - Sia in Concert.

(Foto: Kris Krüg / cc-by-sa-2.0)

Das neue Album "This Is Acting" der australischen Popsängerin Sia müsste eigentlich sofort sämtliche Charts stürmen. Denn es ist pures Hitmaschinen-Songwriting.

Von Jan Kedves

Nein, die hundertprozentige Hitgarantie gibt es immer noch nicht. Aber es wird konsequenter denn je daran gearbeitet. Das ist ja immer der große Traum der Musikindustrie: die Produktion von Popsingles so zu perfektionieren, dass sie verlässlich weltweit an der Spitze der Charts landen.

Und weil sich solche Unternehmungen schnell generalstabsmäßig auswachsen, sind an der Entstehung einer Popsingle heute viel mehr Menschen beteiligt als bloß ein Sänger oder eine Sängerin, ein Songwriter, ein Produzent für die technischen Feinheiten, und vielleicht noch ein strenger Manager, der lobt oder sich Änderungen wünscht.

Hits entstehen heute in einem viel arbeitsteiligeren Prozess, unter Beteiligung von bis zu fünfmal so vielen hoch spezialisierten Zulieferern.

Da ist zum Beispiel der Beat-Produzent, der nichts anderes macht, als an dem einen perfekten Hi-Hat-Sound zu feilen, während ein anderer Beat-Fachmann die ideal pumpende Bassdrum programmiert.

Da ist der Komponist, der nur darauf spezialisiert ist, raffinierte Bridges auszutüfteln, also jenen Teil eines Songs, der meist im hinteren Drittel - nach den Strophe-Refrain-Wechseln - noch mal für Abwechslung sorgt. Oder: Heerscharen von Songwritern probieren verschiedene Kombinationen von Melodiefragmenten und Silben aus. Letztere Menschen heißen heute übrigens nicht mehr Songwriter, sondern "Topliner". Aber dazu gleich mehr.

Oft arg banale Texte

Zunächst einmal ist vor Kurzem ein Buch erschienen, das auf sehr anschauliche und informierte Weise erklärt, wie heute Highscore-Pop entsteht: "The Song Machine".

Der Autor John Seabrook eröffnet seine Untersuchung (erschienen im Verlag W. W. Norton) mit der Anekdote, dass er irgendwann die Musik, die sein Sohn als Teenager hörte, nicht mehr verstand. Ein unter Eltern bekanntes Phänomen. Doch statt zu rufen: "Dreh den Mist leiser!", hörte Seabrook, selbst zu Zeiten der Beatles groß geworden und Pink Floyd-Fan, genauer hin: Flo Rida, Katy Perry, Taylor Swift. Die Musik, die in den letzten Jahren die Charts dominiert, verbindet die Rhythmik von schwarzem Funk und R'n'B mit der Melodik europäischer Pop- und Schlagermusik.

Es ist Musik mit oft arg banalen Texten, was dem Erfolg nicht schadet. Und es ist Musik, die meist schon nach wenigen Sekunden zum ersten Höhepunkt kommt, wenn sie nicht ohnehin mit dem Refrain ins Haus fällt. Wie konnte es so weit kommen, fragte sich Seabrook und ging auf Recherche. Fündig wurde er in Schweden.

Wahnwitzig eingängiger Pop aus Schweden

In Stockholm, so Seabrook, sei um 1990 herum jenes Prinzip entwickelt worden, nach dem bis heute große Hits entstehen. Genauer: iIn den Cheiron-Studios des DJs und Musikproduzenten Dag Krister Volle alias Denniz Pop.

In den frühen Neunzigerjahren hatte Volle maßgeblichen Anteil am wahnwitzig eingängigen Pop der Göteborger Band Ace of Base ("All That She Wants" dürfte ihr berühmtester Song sein). Denniz Pop starb 1998 an Krebs, seitdem führt sein talentiertester Schüler Max Martin sein Erbe weiter.

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Martin war ursprünglich Sänger einer schwedischen Metalband, inzwischen gehen 20 Nummer-1-Hits in den USA auf sein Konto. Damit rangiert er auf Platz drei der Liste der erfolgreichsten Songwriter aller Zeiten (vor ihm stehen nur noch Paul McCartney und John Lennon) und auf Platz zwei der Liste der erfolgreichsten Pop-Produzenten (hinter George Martin).

Eine von Max Martins Spezialitäten, die er unter anderem in Britney Spears' "(Hit Me Baby) One More Time" (1999) und Taylor Swifts "Bad Blood" (2015) anwandte, nennt er "Melodic Math": Melodiemathematik. Womit gemeint ist, dass ein Song textlich nicht unbedingt Sinn ergeben muss, solange die Silben und Worte nur perfekt und ruckelfrei über die Melodiebögen gleiten.