Der Feldzug, den Kardinal Meisner derzeit in Kunstdingen führt, hat eine klare Stoßrichtung: gegen abstrakte und für figürliche Kunst. Doch der "Verlust der Mitte", den die Moderne brachte, ist auch im Gefühlskern christlicher Kunst angelegt.
Der Kölner Kardinal Meisner hat gar nicht unrecht, wenn er sagt, die schönsten Menschenbilder Europas seien Bilder von Christus, Maria und den Heiligen. Man muss nur fragen, welche Bilder er meint. Meint er die blutüberströmten, asthenischen Schmerzensmänner der spätmittelalterlichen Skulptur oder den athletischen, mit gebietender Hand richtenden, als neuer Apollo aus blauem Himmel hervortretenden Christus in Michelangelos Jüngstem Gericht?
Führt einen Feldzug gegen abstrakte Kunst: Der Kölner Kardinal Meisner. (© Foto: dpa)
Anzeige
Meint er die suggestiv gequälten, von Pfeilen durchbohrten nackten Sebastiansfiguren der barocken Malerei? Meint er weibliche Heilige, denen man ihre abgeschnittenen Brüste auf Silbertabletts zum Zeichen ihres Martyriums vor die nach oben gedrehten Augen hält?
Oder doch eher die grotesken Monstren und grausig geöffneten Höllenschlünde der hochmittelalterlichen Kirchenplastik oder das leibhaftig brutzelnde Inferno, das uns nicht nur Dantes Göttliche Komödie, sondern auch so manches Goldgrundbild von Rhein und Maas ausmalt?
Vielleicht zieht Meisner zarte Madonnen vor, die mit spitzen Fingerchen an einer Rose riechen, während unten im Gras der kleine Jesus und der kleine Johannes mit einem Lämmchen spielen. Wenn er ein Mann von Geschmack ist, dann wird er vielleicht würdige Apostelfiguren besonders schätzen, die mit gebauschten Togen wie antike Rhetoren in die Kirchenschiffe grüßen.
Der Feldzug, den der Kardinal derzeit in Kunstdingen führt, und den er mit seiner Kritik an Gerhard Richters Kölner Domfenster begann, hat eine klare Stoßrichtung: gegen abstrakte und für figürliche Kunst; für eine Kunst, die - durch das "Menschenbild" - im übergeordneten Zusammenhang einer christlichen "Kultur" eingeordnet ist und kein Selbstzweck sein darf, sondern der "Gottesverehrung" dienen soll; für eine Kunst also, die den modernen "Verlust der Mitte" nicht für sich gelten lässt. So äußerte sich Meisner jetzt zur Eröffnung des Museums "Kolumba", des neuen Kölner Diözesanmuseums.
Man darf, wenn man diese Position erörtert, die Vokabel "entartet", die der Kirchenfürst gebrauchte, zunächst auf sich beruhen lassen. Sie bedeutet entweder eine Eselei oder eine Provokation (mutmaßlich beides), die bestenfalls Anlass zu einem leichten Sieg gäbe. Man sollte ihn den Politikern und der innerkirchlichen Kritik überlassen.
Wer aber, angeregt von Meisner, Hans Sedlmayrs Klassiker "Verlust der Mitte" noch einmal liest, der wird eine beeindruckende Analyse der neuzeitlichen Kunstentwicklung seit 1800 entdecken und zugleich die Zwangsläufigkeit der von Sedlmayr apokalyptisch verdammten Tendenzen erkennen. Ja, die Bauaufgaben haben sich wegentwickelt von Kirche und Palast - aber sollten wir deshalb keine Theater, Bahnhöfe oder Bürohäuser mehr bauen?
Ja, die Architektur ist "geometrisch" geworden, sie verleugnet vielfach die Schwerkraft - aber soll man deshalb auf Glas und Stahl verzichten? Die Stile sind beliebig wählbar geworden - sollen wir im Gegenzug aufs historische Gedächtnis verzichten? Jede der deskriptiv brillanten Diagnosen Sedlmayrs führt in eine ausweglose Frage, wenn man sie normativ wendet.
Martyrium und Mitleid
Man muss gar nicht die Abstraktion von Hegels Ästhetik erklimmen, die den aufgeklärten Gottesbegriff der christlichen Theologie für nicht mehr kunstfähig erklärte, es genügt vollkommen, auf die materiellen Bedingungen der modernen Welt hinzuweisen, um zu erkennen, warum es mit der alten christlichen Kunst vorbei ist. Nicht nur die Kunstaufgaben haben sich fast grenzenlos diversifiziert, die Kunst selbst hat eine Dynamik angenommen, die sie von "Aufgaben" im traditionellen Sinn weitgehend entbunden hat.
Diese Erkenntnis aber verändert auch den Blick zurück. Wer von der Moderne aus auf die christliche Vergangenheit der Kunst vor dem angeblichen Verlust der Mitte blickt, der wird dessen Ursprünge nicht zuletzt im Christentum selbst entdecken. Was sie von der antiken Kunst unterscheidet, ist die Hochspannung der Gefühle.
Angst und Hoffnung liegen in ihr eng beieinander, ebenso wie Grausamkeit und Erbarmen. Sie kennt die Hölle und die Erlösung, das Martyrium und das Mitleid. Die Antike feiert das Dasein im Pathos edel genormter Formen, doch die Gefühlsamplitude bleibt meistens gering, gestimmt auf einen gleichmäßigen hohen Ton, den nur seltene humoristische Akzente unterbrechen.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
Seibt schreibt:
"Der moderne Impressionismus mit seiner Liebe zum zufälligen Bildausschnitt und zur Poesie des alltäglichen Lebens wäre nicht denkbar ohne den christlichen Vorlauf. Und sind nicht die Bauernschuhe van Goghs in ihrer Schlichtheit "evangelisch"? "
Natuerlich steht die europaeische Malerei des 19. Jhdt. auch in der Tradition christlicher Kunst. Aber ausgerechnet beim Impressionismus denke ich nicht vor allem ans
Christentum. Die unmittelbare Befassung mit dem Zauber des "profanen" menschlichen
Lebens empfinde ich doch eher als gottesfern, gottesvergessen, wenn nicht gottlos.
Ausserdem: Sind nicht ganz andere ausserchristliche kuenstlerische EInfluesse massgeblich fuer die Impressionisten, etwa die Japaner A. Hiroshige und K. Hokusai?
Für Aufklärung im Voraus
Dankende Grüße
Antidadaisten und Antisurrealisten sind leidig unerwünscht.
Mein Kommentar liegt seit gestern in der Warteecke. Warum?? Weil Surrealismus oder Dada von mir mit der sinnlosen Idee von Anarchentum gesetzt wurde?
Freie Meinungsäußerung, liebe Redaktion, wer einen strengeren Masstab für "Kunst " ansetzt ist "unten durch", siehe Meisner. Gedankenfreiheit ist doch wohl ein Muss oder wie sehen Sie das?
....dass der delphische Wagenlenker oder Picassos Porträts zu wenig(!) vom "Wesen des Menschen" zeigen, so Meisner, das ist der springende Punkt, der klassische, universelle Anspruch im Katholizismus... das Menschenbild, das zu verteidigen Meisner, gottlob!, fit genug ist, während der Zentralrat immer peinlicher wird. Ein Kunstwerk ist nicht Deko, sondern regt den Geist an, das ist guter Katholizismus. Die eigentlich irrelevante Trennung figürlich/abstrakt wird von Seibt und anderen genommen,weil sonstige, tiefere Einsichten fehlen wollen.
Wie an der Kritik aus den e i g e n e n Reihen Meisners zu sehen ist, gibt es natürlich DIE Katholiken, oder DIE Protestanten, DIE Griechen, (wie bei @derblauebarbar zu lesen war), nicht. Es gibt Ansprüche, die manche auf einer allgemeinen (universellen) Ebene einlösen wollen und andere, eher Selbstgefällige, die das nicht tun... Was Meisner sagt hat, ebendieser Universalität nach, eine politische Dimension, ist berechtigte Gesellschaftskritik. Was die Richterschen Fenster angeht, Raumgestaltung ist ein Handwerk.
Protestanten könnten sich und anderen Ehre machen, indem sie Meisner unterstützen um damit der Welt etwas Banalität zu stehlen...
Wichtig aber ist: FIGRLICHES ist den oberen Ausführungen nach, Herr Seibt, genausowenig Kunst wie Leerabstrahiertes. Versuchen Sie, einmal nur, den Standpunkt zu verstehen.... ???
Leider hat Herr Seibt den Satz über die "schönsten Menschenbilder Europas" völlig falsch verstanden. Er hat einfach die Abfolge von Subjekt und Prädikatsnomen in dem Satz missachtet. Alter Satz aus der Logik: "Alle Kreter sind Lügner." Man drehe den Satz einmal um: "Alle Lügner sind Kreter." Ist ein Unterschied, nicht wahr?
Das Gleiche gilt für den Meisner-Satz. Seibt glaubt Meisner sehe nur in der "Mater dolorosa" oder im "Hl. Florian" Höhepunkte europäischer Kunst. Pech gehabt! Meisner sagt etwas ganz anderes: I n den schönsten Menschenbildern Europas erkennen wir gewissermaßen als Archetypen Christus, Maria, Heilige. Der Wagenlenker von Delphi ist also in gewissem Sinne ein griechischer Heiliger, Picassos Marie Thérèse, wenn man so will, eine moderne Maria oder Maria Magdalena, der olle Sokrates - auch von dem gibt es hübsche Skulpturen - kann als Christus durchgehen. Eine andere Interpretation widerspricht dem Gedankengang der Rede und Meisners eindeutig dokumentierter Wertschätzung der profanen Kunst. Man lese nur die Sätze vor dem "Entartungs-Satz" oder seine Rede vom 30. August - alles im Internet.
Paging