So wie der Mann auf den Resten seines ausgebrannten Mercedes sitzt, will er einem mitteilen, dass das alles nur ein kurzes Missgeschick war. Er wird wieder reich sein. Zu seinen Füßen sucht eine Ratte ihr Loch. Vor ihm, auf der Straße, verschmutzen tote Ratten, die aus den Häusern herausgeworfen worden, die Straße wie welkes Laub im Herbst.

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Auf Victoria Island gibt es Häuser, wie sie sich nicht mal die reichsten Amerikaner vorstellen können. Auf Ikoyi ist das Geld etwas leiser: Hier geht es nicht so sehr um das Haus, sondern um das Land, den satten Rasen und das sachte Geräusch, das die Wellen machen, wenn sie an das Boot platschen, das am Steg angeleint ist, ganz am Ende des Gartens.

Unter der Reklametafel der Regierung, auf der steht: "Haltet Lagos sauber!" wächst eine Stadt aus Müll, die wie das Werk eines verrückten Künstlers wirkt, sie wächst und wächst - unaufhörlich.

Sogar wenn es mal wieder keine Briefmarken bei der Post gibt und die Festnetzverbindungen zusammengebrochen sind, arbeiten die Mobiltelefone und Blackberrys unaufhörlich weiter. So läuft das hier: Mit oder ohne Regierung, das Leben geht weiter, geht gut weiter. Vielleicht sogar trotz der Regierung.

Eines ist sicher: Lagos ist kein Ort, um arm zu sein.

Obwohl es die Reichen nicht wissen oder von ihren Helikoptern oder Limousinen aus nicht sehen können, sind für die Armen die Kanus das Hauptfortbewegungsmittel. Die Kanus und die klapprigen Kleinbusse.

Das Schild über dem Eingang des Freiluft-Marktes verkündet: Computer Mega City. Das ist kein Witz. Es gibt hier alles, von einem Matrix-Drucker und einem haushohen Wang Prozessor aus den achtziger Jahren bis zum neuesten, superkleinen Sony Vaio. In Lagos geht es nicht darum, was erhältlich ist, sondern darum, was man sich leisten kann.

Das Intercontinental sieht aus wie aus einem Sci-Fi-Comic. Es würde besser nach Las Vegas passen. In dem Hotel könnte man in jeder Stadt der Welt sein.

Gebete im Verkehr

In Idumota muss der Muezzin der Zentralmoschee gegen das unaufhörliche Hupen der Autos und Busse anschreien, gegen die Rufe der fliegenden Händler, das Kreischen von Stahl auf Stahl und das Summen von Millionen Menschen, die versuchen, sich durch eine Stadt zu quetschen, die viel zu klein für sie alle ist.

Und dennoch, inmitten der bebenden Hitze aus Menschen und Lärm, er wird gehört, der Aufruf zum Gebet. Und so sinken, mitten im Gewühl, als ob unsichtbare Heckenschützen sie treffen, die Gläubigen zu Boden und beginnen zu beten. Als wäre das das Normalste der Welt, weichen ihnen Menschen, Busse und Autos aus.

Die Lagos Marina sieht aus wie die Skyline von New York. Sie müssen mir das nicht glauben. Sehen Sie einfach auf Google Images nach.

Irgendwo weit draußen kann man immer noch die "Sklavenmole" und den "Sklavenmarkt" finden. Machen Sie sich nichts vor. Viele Bürger von Lagos wurden dadurch reich, dass sie Sklaven verkauften. Es war ein blühender Handel, haben Sie das schon wieder vergessen?

Heute hörte ich in Los Angeles im Radio eine Sendung über die Weltklasse-Gourmet-Restaurants in Lagos. Jetzt zieht die Dämmerung über der Stadt auf, ich höre Fela Kuti auf meinem iPod, trinke eine tröstende Latte und lausche Lagos mit geschlossenen Augen.

Ich lausche Lagos mit geschlossenen Augen.

Deutsch von Felix Denk und Alex Rühle

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(SZ vom 29. Dezember 2006)