Mega-Ausstellungen Weniger ist mehr

Immer mehr Menschen, immer mehr Bilder: Documenta-Besucher im Jahr 2012 vor einer Arbeit von Yan Lei.

(Foto: Uwe Zucchi/dpa)

Veranstaltungen der Gegenwartskunst sind zu groß. Sie sollten sich lieber auf das Hier und Jetzt besinnen und der Wachstumsideologie trotzen.

Von Georg Imdahl

Als vor drei Monaten das Interesse von Adam Szymczyk publik wurde, bei der kommenden Documenta den Nachlass von Hildebrand Gurlitt auszubreiten, fragte man sich unweigerlich: Wie bitte? Das riesige Konvolut der klassischen Moderne war einst durch den NS-Kunsthändler und Sonderbeauftragten des "Führermuseums" in Linz zusammengetragen worden - und soll 2017 in einer, ja immer noch der Ausstellung zeitgenössischer Kunst die Gegenwart erschließen? Ja, argumentiert Szymczyk, denn eine Documenta verhandele nicht mehr allein zeitgenössische Kunst, sondern zeitgenössische Themen. Dem Leiter der vierzehnten Documenta schwebt eine neutrale, chronologische Präsentation der rund 1500 Werke in der Kasseler Neuen Galerie vor (SZ vom 15. April). Das ist interessant, könnte aber auch von Museen geleistet werden, wie der Staatsgalerie Stuttgart, wo der "Schwabinger Kunstfund" - zumindest laufen darüber Gespräche - erstmals in Deutschland ausgebreitet werden soll.

Verortet man Szymczyks Idee im Kontext der großen Überblicksausstellungen in den vergangenen zehn Jahren, verfliegt ihre exotische Anmutung. Die Umarmung des 20. Jahrhunderts mit all seinen Ressourcen und Problemen ist selbstverständlich geworden in den Biennalen und symptomatisch für die zeitgenössische Kunst.

Nicht jede Biennale könne "hundert neue Künstler entdecken", gab der italienische Kurator Massimiliano Gioni 2013 zu Protokoll und installierte in den Arsenale in Venedig denn auch eine Schau nach dem Modell "Theater der Erinnerung" - mit Werken von Autodidakten und Amateuren aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Die Venedig-Biennale von 2011 verfrachtete kapitale Ölschinken von Jacopo Tintoretto aus San Giorgio Maggiore und der Gallerie dell'Accademia in die Giardini. Und die europäische Wanderbiennale Manifesta, eigentlich bekannt für eine kritische Auseinandersetzung mit lokalen Verhältnissen, musealisierte sich selbst in der Eremitage in Sankt Petersburg, wo sie sich die hauseigenen Henri-Matisse-Bestände einverleibte. Zuvor hatte die Documenta 12 von 2007 die "Moderne als unsere Antike" durchforstet. Den Gurlitt-Fundus und seine bizarre Geschichte auf der Documenta vorzuführen, passt sehr wohl in dieses Panorama, auch als Geste eines Ausstellungsmachers, der ein älteres Kunstkonvolut als eine Art Ready-made ins Feld der zeitgenössischen Kunst schickt.

Tatsächlich haben sich Anspruch und Idee der großen zeitgenössischen Publikumsausstellung verändert, wie es in der Einladung der Documenta zu einem Symposium anlässlich ihres 60. Geburtstags in der kommenden Woche heißt: Sie wolle nicht mehr nur Kunst zeigen, sondern verstärkt "Theorien und Denkmodelle vermitteln". Nur: Vieles richtet sich, wie die historistischen Anflüge der vergangenen Jahre offenbaren, verdächtig retrospektiv aus.

Zeitgenössische Kunst ist heute gerade durch solche erfolgreichen Großveranstaltungen maximal in der Öffentlichkeit angekommen. Offenkundig kann sie jedoch die vielen Ausstellungen der globalen Agenda aus ihrer laufenden Produktion allein nicht mehr zufriedenstellend füllen.

Mit dem Ausstellungsbetrieb Schritt zu halten, sei eine Attitüde geworden und verdanke sich nicht mehr unbedingt echtem Interesse an ästhetischer Befassung: Diesen ernüchternden Befund hat der mexikanische Kritiker und Kurator Cuauhtémoc Medina erhoben. Tatsächlich gelingt es auch seriösen Ausstellungen nur noch selten, ihre Dringlichkeit in der Inflation des Angebots unter Beweis zu stellen. Ironischerweise gelang dies ausgerechnet der fahrig eingerichteten und viel geschmähten siebten Berlin-Biennale von Artur Żmijewski. Der polnische Kurator versuchte wenigstens, die Krise des Kunstbetriebs selbst zum Thema zu machen, indem er sie mit der ökonomischen und politischen Krise der Gegenwart kurzschloss. Mochte da auch einiges unausgegoren präsentiert worden sein, so bleibt von dieser Biennale doch ein Nachhall. Das gilt auch für die elfte Istanbul-Biennale 2009 unter der Leitung des Zagreber Kuratorenteams What, How & for Whom (WHW). Deren sozialistische Ausrichtung fiel zwar ebenfalls reichlich einseitig aus, doch die Schau brachte ohne die üblichen Abschweifungen aktuelle Diskussionen um Ökonomie und Geschlechtergerechtigkeit auf den Punkt.

Wenn die anstehende Documenta-Tagung Mitte Juli klären will, was eine große, zeitgenössische Kunstausstellung heute leisten soll, sollte auch das Format zur Diskussion stehen - im Moment ist ein Übertrumpfungswettbewerb der Riesenausstellungen zu erleben, die sich immer stärker aufblähen. Sie machen sich zunehmend ein fragwürdiges ökonomisches Ideal des ungebremsten Wachstums zu eigen, das in der Kunst eigentlich gebrochen werden müsste.

In allzu vielen Jumbo-Ausstellungen findet sich keine Antwort auf die Frage, warum man sich auf 300 bis 400 Kunstwerke einlassen soll, wenn es genauso gut auch 200 oder 500 sein könnten - und die schiere Menge nicht bereichert, sondern schlicht ermüdet. Sollte der Job des Kurators tatsächlich darin bestehen, sein Publikum auf "perverse" Weise "zu erschöpfen", wozu sich Okwui Enwezor, Leiter der laufenden Venedig-Biennale und der Documenta von 2002, jüngst bekannt hat?

Die seit 1977 im Zehn-Jahres-Rhythmus ausgerichteten "Skulptur Projekte" in Münster waren klug beraten, als sie sich 2007 im Umfang massiv reduzierten. Zudem haben sie sich dagegen gewehrt, künftig alle fünf Jahre im Documenta-Rhythmus stattfinden zu sollen, und beharren auf der Selbstdefinition der "Langzeitanalyse". Doch dies machte keine Schule.

Warum nur wird die Documenta immer fresssüchtiger? Was wir brauchen, ist Konzentration

Eine Documenta ohne Wachstumsraten an Werken und Besuchern erscheint den Machern offenbar per se als Flop. Drastische Folgen zeitigte besonders die letzte Ausgabe von 2012. Die gigantomanische Documenta 13 von Carolyn Christov-Bakargiev in Gänze zu erleben, war praktisch unmöglich. Insofern können zwei Besucher dieser Documenta zwei völlig unterschiedliche Ausstellungen gesehen haben. In vielen Aspekten relativierte sie sich somit selbst. Der beinahe leere Saal im Parterre des Fridericianums hätte eine großartige generöse Geste sein können - diese musste aber zur kuratorischen Floskel verkommen, als die Riesenschau andernorts bis in den hintersten Winkel der Stadt vordrang - und für jeden Geschmack ein passendes Denkmodell im weiten Feld zwischen dem Generalthema "Zusammenbruch und Wiederaufbau" anbot.

Schon wird die Unübersichtlichkeit als Phänomen der Gegenwart selbst bemüht, die doch auch so unüberschaubar geworden sei. Dabeisein ist alles? Doch der Sinn einer Kunstschau kann nicht in einer Gemengelage bestehen, in der die Besucher sich selbst überlassen bleiben und die Künstler im Kampf um Aufmerksamkeit gegeneinander ausgespielt werden.

Sinnvoller erscheint es dagegen, sich zu konzentrieren und aus den festgetretenen Wegen auszuscheren. Auch das versuchen Großkuratoren immer einmal wieder. Zum Ärger des Kasseler Einzelhandels, der Umsatzeinbußen fürchtet, will Adam Szymczyk seine nächste Documenta nach Athen verlagern. Er kann sich damit auf eine Documenta-Tradition berufen - schon 2002, unter der Leitung von Okwui Enwezor, hatte sie Tagungen in Delhi, Wien, Saint Lucia oder Lagos abgehalten. Oder sie hatte - 2012 unter Carolyn Christov-Bakargiev - eine Dependance in Kabul eingerichtet. Nun aber soll die griechische Hauptstadt zum gleichberechtigten Schauplatz erhoben werden, was den Stammsitz der Documenta tatsächlich relativieren wird. Das ist vielversprechend. Niemand weiß, wie es Griechenland in zwei Jahren ergehen mag. Doch sind die Probleme des Landes jetzt schon auch unsere, in ihnen zeigt sich ein Stück Gegenwart. Zum Zusammenhang von Ökonomie, Politik und Ethik, der die gesamte Debatte um die griechische Zwangslage beherrscht, hat die zeitgenössische Kunst etwas zu sagen.

Statt sich immer weiter zu vermehren und in die Vergangenheit zu flüchten, muss sich die aktuelle Kunst auf sich selbst besinnen und auf ihre eigene Zeit: Ihre Zukunft liegt im Hier und Jetzt.