Von Hans Leyendecker

Lauter Enthüllungen: "Bild" und "Focus" gegen Verheugen

Im Sommer 1919 zeigte die Berliner Illustrirte den Reichspräsidenten Friedrich Ebert in Badehose am Ostseestrand. Neben ihm im Wasser Reichswehrminister Gustav Noske. Beide lachten in die Kamera. Der Schnappschuss, der Volksnähe zeigen sollte, ging nach hinten los: Die Konservativen klagten über die Verletzung der Amtswürde.

EU-Kommissar Günter Verheugen (© Foto: AFP)

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87 Jahre später droht Unglaublicheres: "Jetzt auch noch Nackt-Fotos" titelte Bild. Es gebe Schnappschüsse, die den deutschen EU-Kommissar Günter Verheugen, 62, und dessen Kabinettschefin Petra Erler, 48, "beim FKK-Baden an der Küste Litauens!" zeigten. Die Enthüllungsbilder lägen dem Wochenblatt Focus vor, das "zur Zeit eine Veröffentlichung" prüfe.

Einer prüft, und der andere weiß schon was! Hier wird wohl der Boden für weitere Veröffentlichungen bereitet. Nackte auf einem Nudisten-Gelände nackt zu zeigen, ist eigentlich eine Hund-beißt-Mann-Geschichte. Die bessere Story wäre es, wenn der Kommissar und die Dame bekleidet gewesen wären. Das wäre richtig anstößig.

Aber seit einer Weile läuft, jedenfalls nach Verheugens Beobachtung, eine "Kampagne von Bild und Focus gegen mich, deren Hintergrund mir nicht klar ist, die aber offensichtlich dem Zweck der Auflagensteigerung dient".

Die nackte Wahrheit ist banal. Mitte Oktober zeigte Focus ("Kommissar im Turtelurlaub") Verheugen und Frau Erler Hand in Hand beim Bummel durchs litauische Klaipeda. Bild berichtete groß.

Frau Verheugen, die daheim geblieben war, sagte der Bunten: "Ich wusste, dass mein Mann diesen Urlaub macht." Er und seine Stabschefin erklärten erneut: Beide verbinde nur Freundschaft. Verheugen wollte Focus den nochmaligen Abdruck des Urlaubsfotos untersagen lassen, doch als das Blatt mit einer möglichen Feststellungsklage drohte, verzichtete er.

Ende November tauchten in Brüssel die FKK-Fotos auf. Frau Erler stammt aus Ostdeutschland und trotz des Anti-FKK-Kampfs der Abteilung "Erlaubniswesen" des früheren DDR-Innenministeriums wird in ihrer Heimat das Tragen von Bikinis und Boxershorts an manchen Stränden allenfalls nur toleriert.

Frau Erler badet gern nackt. Herr Verheugen normalerweise eher nicht. Sind solche Ganzkörper-Fotos im öffentlichen Interesse? Beweisen sie etwas? Und: Was haben EU-Beamten damit zu? Verheugen hat sich in Brüssel viele Feinde gemacht, als er öffentlich über zu viel EU-Bürokratie klagte.

Der Mann, der einst mal Volontär beim Regionalblatt NRZ war, müht sich seit einer Woche, mit Gerichtshilfe die Publizierung der Nackt-Bilder definitiv zu untersagen; bislang wird nur gedroht. In der Rechtsprechung gehört der nackte Körper zur Intimzone. Als vor einem Jahrzehnt heimlich geschossene Fotos einer Schauspielerin erschienen, sah das Hamburger Oberlandesgericht "eine schwerwiegende Verletzung es Persönlichkeitsrechts".

Focus-Korrespondent Ottmar Berbalk hat in Brüssel die Bilder herumgezeigt und erinnert an die Verhaltensregeln, nach denen sich "Kommissionsmitglieder in der Öffentlichkeit und im Privatleben der Würde ihres Amtes gemäß verhalten".

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(SZ vom 8.12.2006)