Mediaplayer Zaubertrank für Abenteurer

Eine ungewöhnliche Mutter-Sohn-Beziehung in „Die beste aller Welten“.

(Foto: Filmperlen)

Das österreichische Drama "Die beste aller Welten" sprüht vor Lust am Erzählen und an allem, warum Menschen Filme schauen.

Von Philipp Bovermann

Es war eine der wohligen Überraschungen, in die man letztes Jahr als Kino-Blindgänger hineintaumeln konnte (gemeint ist jemand, der das Filmplakat nicht nach bekannten Namen scannt, sondern "einfach mal schaut"). Die Überraschung beginnt mit einem Feuerwerk - wörtlich gemeint. Eine Rakete steigt in den Himmel, wir befinden uns an einem Fluss. Muntere Stimmung, eine Mutter und ihr etwa zehnjähriger Sohn sind da. Sie reden im Salzburger Dialekt und der Blindgänger denkt, er sei in einem Heimatfilm gelandet.

Ist er in gewisser Weise auch. Mit dem Filmtitel "Die beste aller Welten" ist nämlich die Kindheit gemeint. Diese Lichtung außerhalb der Zeit, umstellt von Dunkelheit, in der die Dämonen wohnen. Die gesellen sich, als die Sonne untergegangen ist, ans Lagerfeuer am Fluss. Ein hagerer Typ, müde Augen, zottliges Haar, abgekämpftes Lächeln. Sie nennen ihn den "Griechen", warum auch immer, er ist kein Grieche. Als er kommt, muss der kleine Adrian allein weiterspielen. Die Erwachsenen kochen sich was Feines auf einem Löffel auf.

Der Kinogänger sieht bei solchen Szenen gleich den ganzen Film vor sich ablaufen. Er denkt an die penetrant klagenden Geigen aus "Requiem for a Dream" oder verhungernde Babys, weil Mama zu breit war, um das Plärren zu hören. Aber "Die beste aller Welten" ist erstaunlicherweise so ganz und gar nicht in sein Verhängnis vernarrt oder sozialdramatisch wertvoll.

Mehr als von der falschen Liebe zur Droge erzählt der Film von der wahren Liebe, sozusagen der Mutter aller Liebesbeziehungen - der Liebe zur Mutter. Helga, so heißt sie, bietet alle Kraft auf, die ihr die Sucht lässt, um ihrem kleinen Adrian ein paar Lektionen mit auf den Weg zu geben. Der Kleine möchte später mal Abenteurer werden. Das sei doch kein Beruf, meint der besorgte Herr vom Jugendamt, der zur Kontrolle vorbeikommt. Also fragt Adrian bei seiner Mutter nach. Ob er denn etwa kein Abenteurer werden könne? Helga geht in die Hocke. "Wenn du a Abenteurer werden wüüst", sagt sie und legt alle Eindringlichkeit in dieses Salzburger "ü" - "dann wüürst du a Abenteurer".

Es gebe zwei Arten von Leuten, erklärt sie: Untote und Abenteurer. Untote tun, was man ihnen sagt. In den Adern der Abenteurer hingegen fließt ein Zaubertrank. Den kochen die beiden in der heimischen Küche. Der für die Kinder enthält als Hauptwirkstoff Mutterliebe, Helga murmelt ein paar Beschwörungen. In ihrem Topf hingegen schwimmen opiathaltige Mohnkapseln. Sie umwickelt die Flasche, in die sie den Saft füllt, mit schwarzem Klebeband, damit der Kleine sie bloß nicht verwechselt. Der Streifen ist dünn, der Adrians Welt von der Dunkelheit und den Dämonen trennt.

Der junge Regisseur Adrian Goiginger hat mit "Die beste aller Welten" bei Festivals Preise gesammelt, unter anderem den deutschen "First Steps"-Nachwuchspreis gewonnen. Recht so, denn wie diese bisher kaum bekannten Schauspieler vor der Kamera interagieren - mit Verena Altenberger und Jeremy Miliker als Mutter und Sohn -, das zeugt von hervorragender Regiearbeit. Auch die Nebendarsteller wirken so authentisch, dass Goiginger gefragt wurde, ob er echte Süchtige gecastet habe.

Echt sind an diesem Film aber nur die Erinnerungen des Regisseurs, die ihm zugrunde liegen - der kleine Adrian, das ist er selbst. Insofern ist der Film selbst sein eigenes Happy End, denn aus dem Jungen ist ein Abenteurer geworden, ein Regisseur mit wilder und zärtlicher Fantasie.

Nach dem ersten abendfüllenden Spielfilm kann man das natürlich eigentlich noch gar nicht sagen, aber "Die beste aller Welten" jedenfalls sprüht vor Lust am Erzählen, am Lachen, am Weinen, an allem also, warum Menschen Filme schauen, um sich zu berauschen am Zaubertrank. In einer wunderbar beiläufigen Szenen stehen die zerlotterten Kerle, die regelmäßig bei Helga herumhängen, wieder am Flussufer beisammen. Einer hebt die Bierdose, ein komischer Kauz mit Vollbart und starken Armen, der in einer anderen Szene über die "Kraft der Bäume" schwadroniert hat. "Auf's Leben, in all seiner Kraft und Herrlichkeit!", ruft er. Dann trinken sie, die Süchtigen.

Die beste aller Welten ist auf DVD und als Video on Demand erhältlich.