Mediaplayer Suche nach der verlorenen Zeit

"Spuren auf dem Mond": Florinda Bolkan blickt in ihre unbekannte Vergangenheit. Oder in die Zukunft?

(Foto: Koch Media)

Jetzt gibt es das schmerzlich schöne Werk des Regisseurs Luigi Bazzoni auf DVD: die geheimnisvollen Thriller "Die Frau vom See" und "Spuren auf dem Mond", dazu den Nouvelle-Vague-Western "Mit Django kam der Tod".

Von Fritz Göttler

Wo bist du, fragt die Frau, lass mich dich noch einmal sehen, bevor du abreist. Der Mann steht in einer Telefonzelle, die Straße draußen spiegelt sich im Glas. Er macht Schluss mit der Frau. Komm, fleht sie, ich bitte dich. Er ringt nach Worten, die Stirn gerunzelt, die Augenlider zittern. Ich möchte dich lieben . . . aber ich kann nicht. Eine Straßenbahn fährt vorüber. Ich fühle mich leer, am Ende. Sie legt auf. Hallo, ruft er ihr nach, hallo? Bernard ist Schriftsteller, er fährt nun in die kleine Stadt, wo er das Jahr zuvor bereits war.

Ein absoluter Abschied, das sind die ersten Minuten von "La donna del lago/ Die Frau vom See" - der erste Spielfilm von Luigi Bazzoni, 1965, den man nun in einem prächtigen kleinen Doppelpack entdecken kann, zusammen mit seinem letzten, "Spuren auf dem Mond/ le orme", zehn Jahre später. Danach hat er, Mitte der Neunziger, nur noch eine große, mehrteilige Dokumentation über die Stadt Rom gemacht.

Bernard (der Brite Peter Baldwin) nimmt seine Leere mit sich, als er in die kleine Stadt fährt. Er sucht eine Frau, die im Hotel arbeitete, aber sie ist jetzt verschwunden. Am Ende hat er Blut an den Händen, ist in diverse Morde verwickelt, emotional. Bazzoni bewegt sich traumwandlerisch zwischen den Genres, sein Film ist ein beklemmendes Spiel der Déjà-vus, ein "Marienbad", verlegt in die tiefste italienische Provinz. Mitregisseur ist Franco Rossellini, er ist ein Neffe von Roberto, und sein Vater Renzo hat die Musik gemacht. Die Frauen des Films sind Virna Lisi, Valentina Cortese und Pia Lindström, eine Tochter Ingrid Bergmans. Bazzonis Filme dokumentieren den Übergang - und den Zwiespalt - zwischen dem Neorealismus und dem Giallo, dem legendären Genre des Serienmörder-Slasher-Kinos, das dann Dario Argento, Mario Bava, Jess Franco bis zum Delirium durchdeklinierten.

Auch in "Spuren auf dem Mond/ Le orme" geht es um eine verschwundene Frau.

Die Heldin ist eine erfolgreiche Simultanübersetzerin bei Kongressen und heißt tatsächlich Alice (die großartige Florinda Bolkan), und eines Tages wacht sie auf und es fehlen ihr drei Tage, an die sie sich nicht mehr erinnern kann. Nur Spuren gibt es, eine zerrissene Ansichtskarte von einem Hotel, ein blutiges Kleid, die Erinnerung an ein buntes Glasbild mit einem Pfau, der Name einer Stadt: Garma. Und Momente eines Films suchen sie heim, mit einem Astronauten, der auf dem Mond zurückgelassen wird. Alice zieht los in die Stadt Garma, die magisch zwischen Okzident und Orient angesiedelt ist, sucht die drei Tage und die Frau, die in ihnen verloren ging. Am Ende des Films gibt's wieder eine Frau am Strand, verfolgt von zwei Männern in Schutzanzügen.

Es ist ein Film, der unmittelbar physisch berührt, nicht durch die Geschichte, ihre Windungen und Reflexionen, sondern durch die Farben, die Bewegungen, die Klänge. Der große Vittorio Storaro führte die Kamera, er hatte zu der Zeit mit Bertolucci bereits "Il Conformista" und "Der letzte Tango in Paris" gedreht, bald darauf sollte er mit Coppola zu "Apocalypse Now" aufbrechen. "Licht ist Energie", sagt Storaro, "jede einzelne Farbe ändert unseren Blutdruck, unseren Metabolismus."

Eine Licht-Oper ist auch Bazzonis "L'uomo, l'orgoglio, la vendetta", der im vorigen Jahr auf DVD herauskam, ein Western, der bei uns als "Mit Django kam der Tod" lief, und in der deutschen Fassung heißt der Held tatsächlich Django und versucht sich manchmal im synchrondeutschen Django-Comic-Slang. Es ist wie etwas, was das französische junge Kino nie versucht hat: ein Nouvelle-Vague-Western. Der richtige Film spielt gar nicht in Mexiko, sondern in Spanien, der Held heißt José, die Heldin Carmen, und in dramatischen Momenten klingt die Musik von Bizet an. Franco Nero und Tina Aumont sind ein fantastisches wildes Liebespaar, am Script war Suso Cecchi D'Amico beteiligt, Viscontis Autorin.

"Spuren" ist ein Katastrophenfilm, die Einsamkeitskatastrophe einer Frau, die Liebe und Protektion sucht und um ihre Identität bangt. Oder ist sie am Ende Objekt eines perfiden Experiments von einem mad scientist? Auf dem Kongress, wo Alice dolmetscht, geht es um die Zukunft der Welt. "Der Mensch hat kaum Chancen zu überleben", heißt es, "wenn er nicht jetzt umdenkt. Unsere Computer haben bewiesen, dass es 2000 unmöglich sein wird, auf der Erde zu leben."

"Spuren auf dem Mond" plus Bonusfilm "La donna del lago", jeweils auf DVD und Bluray. Dazu eine DVD mit Bonusmaterial, unter anderem ein Interview mit Kameramann Vittorio Storaro. "Mit Django kam der Tod". Alle Filme bei Koch Media.