Mediaplayer Ich werde magisch sein

Bass, Bariton und Tenor: Michael Jackson in der Doku von Spike Lee.

(Foto: Sony)

Die Michael-Jackson-Doku "Off The Wall" von Spike Lee zeigt die Verwandlung des Sängers vom Bass zum Tenor - und wie verhasst ihm seine Vergangenheit war.

Von Jan Kedves

"Er konnte Bass, Bariton und Tenor singen, entschied sich aber meist für die Tenorlage. Er wollte wirklich nicht erwachsen werden, er wollte eine Kinderstimme haben." Diese Sätze aus "Bad 25", Spike Lees Dokumentarfilm von 2012 über die Entstehung von Michael Jacksons epochalem "Bad"-Album (1987), sind in Erinnerung geblieben. Denn sie wurden von einem gesprochen, der es wissen musste: der Gesangstrainer Seth Riggs, mit dem Jackson von 1978 bis zu seinem Tod 2009 zusammengearbeitet hat. Jackson mit tiefer Stimme, das konnte man sich vorher kaum vorstellen - Aufnahmen von Aufwärmübungen im Film bewiesen es aber.

Jetzt, in "Michael Jackson's Journey from Motown to Off the Wall", Spike Lees neuem, zweiten Dokumentarfilm über den "King of Pop", lässt sich sehen, wie verhasst Jackson seine eigene Vergangenheit war: Der Film, der Jacksons soeben wiederveröffentlichtem "Off the Wall"-Album von 1979 als DVD beiliegt, zeigt Archivmaterial von der "The Jacksons Triumph Tour", für die der Sänger 1981 noch einmal mit seinen Brüdern auf die Bühne ging. Zu der Zeit hatte er sich längst von seiner Familie emanzipiert und im Grunde keine Lust mehr, die alten Jackson-5-Hits aus der Motown-Zeit zu singen. Das sagte er auch deutlich: "Okay, ich sing das alte Zeug. Aber nicht für die da (zeigt auf seine Brüder), sondern nur für euch!", ruft er im silbernen Glitzeranzug ins Publikum. Im Zusammenschnitt alter Live- und Fernsehauftritte zeigt Lee, wie Jacksons Stimme nach einem scheinbar aus purer Willenskraft gestoppten Stimmbruch Anfang der Siebzigerjahre höher und höher kletterte, bis er 1979 als Solokünstler im Hit "Don't Stop 'Til You Get Enough" zum ersten Mal sein ultrahohes, bis ins letzte Nervenende gespitztes "Uuuuh!" ausstieß. Ahmir "Questlove" Thompson, Kopf der Band The Roots, meint - in Anspielung auf Martin Luther King: "Das war sein ,Free at last!'" - endlich frei. Endlich konnte er das Kind sein, das er so lange nicht sein durfte.

Neben Questlove hat Lee noch andere Prominente vor die Kamera geholt: Pharrell Williams versichert, ohne "Off the Wall" wäre er nicht Musiker geworden. Mark Ronson rechnet vor, dass er das Album als DJ ungefähr zwanzigtausendmal aufgelegt habe - häufiger als jedes andere. Überraschender sind noch die Statements von Basketballstar Kobe Bryant und der New Yorker Primaballerina Misty Copeland: Beide versichern, sich für ihre jeweilige Profession Tricks bei Jacksons ultrapräzisem Tanzstil abgeschaut zu haben. Und auch Abel Tesfaye alias The Weeknd ist dabei. Der kanadische Popsänger hat sich in den vergangenen Jahren in den Charts als eine Art Ersatz-Michael-Jackson etabliert, dank stimmlicher Mimikry. Tesfaye bestätigt, "Off the Wall" habe ihm Vertrauen in seine eigene Falsettstimme gegeben, und: "Michael hat mich dazu inspiriert, ein besserer Mensch zu werden."

"Besserer Mensch" - andere Filmemacher hätten bei diesem Stichwort auf das mutmaßliche Monster Jackson umgelenkt, Gossip abgefragt. Nicht so Spike Lee. Er interessiert sich wirklich für den Künstler, für denjenigen, der schwarze Musik zu Mainstream-Pop machte und damit Stadien ausverkaufte. Lee plant noch einen dritten Film, über Jacksons "Thriller"-Album von 1982 - womit die Trilogie über Jacksons Zusammenarbeit mit Quincy Jones dann abgeschlossen wäre. Diese, so lernt man in "Journey from Motown to Off the Wall", stieß zunächst auf Widerstand: Bei Jacksons Label Sony Music war man der Meinung, der legendäre Jazz-Mann, der mit Frank Sinatra gearbeitet und in Paris bei Nadia Boulanger studiert hatte, sei als Pop-Produzent nicht geeignet. Was für ein Irrtum. Jones, der von Jackson dann doch durchgesetzt wurde, ließ "Off the Wall" so zeitlos klingen, dass es den Disco-Backlash, der parallel zur Veröffentlichung 1979 einsetzte, problemlos überstand. Das Album klingt noch heute brillant.

Jackson war damals 20 Jahre alt und posierte auf dem Cover als schwarzer Gene Kelly, mit Pennyloafers, weißen Socken und hochgekrempelten Hosen - ikonisch und strotzend vor Selbstbewusstsein. Lee lässt aus Jacksons Tagebuch von 1979 vorlesen: "Ich werde ein Schock für die Welt sein. Ich werde magisch sein, ich werde Perfektionist sein." Auch diese Sätze bleiben in Erinnerung. Weil sie dann auf so tragische Weise wahr wurden.