Media Player Nichts als Nacht

Diese Werke prägten Fassbinder und Schlingensief: Veit Harlans Endzeit-Melodramen "Opfergang" und "Immensee" sind nun digital restauriert.

Von Fritz Göttler

Ein morbides Endspiel der deutschen Kinogeschichte, das finstere Notturno des Nationalsozialismus, bei dem schon der Titel fatalistisch schillert: "Opfergang". Die Sonne sinkt, Nietzsche gibt den Ton an. "Die Luft geht fremd und rein. Schielt nicht mit schiefem Verführerblick die Nacht mich an?"

Veit Harlan hat "Opfergang" in den Jahren 1942/43 gedreht, zusammen mit der Theodor-Storm-Verfilmung "Immensee", beide mit Carl Raddatz und Kristina Söderbaum in den Hauptrollen, als Liebespaar, das nicht zusammenfinden kann. "Immensee" kam Ende 1943 in die Kinos, "Opfergang" wurde vom Propagandaminister Goebbels lange zurückgehalten, bis Ende 1944. Es waren zwei Prestige-Projekte, im neu entwickelten Agfa-Farbfilmverfahren gedreht. Von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung sind die beiden Filme nun digital restauriert und von der Concorde auf DVD und Blu-Ray herausgebracht worden.

"Opfergang" ist ein Film, der in keine Kategorie und kein Genre passt, so singulär wie Murnaus "Nosferatu" und Hitchcocks "Vertigo" und Coppolas "Apocalypse Now". Eine wilde Fantasie von Begehren und Tod, von Opfer und Erlösung, von einer Besessenheit, die sich jeder Kontrolle entzieht. Die jungen Filmemacher, die am radikalsten das deutsche Kino vorantrieben, haben "Opfergang" geliebt, Rainer Werner Fassbinder, Christoph Schlingensief, Dominik Graf. Man spürt diesen Film in den Fasern ihres eigenen Werkes.

Veit Harlan ist der große Melodramatiker des Dritten Reichs, das Genre war ihm immer wichtiger als die Ideologie, die es in Dienst nehmen wollte. Ein Mitläufer? Ein Nationalsozialist? Ein Antisemit? Die Debatte entzündet sich immer wieder an "Jud Süß" mit seinem grimmigen Antisemitismus und an dem Durchhaltefilm "Kolberg". Nach 1945 prozessierte Harlan erfolgreich gegen das über ihn verhängte Berufsverbot, in den Fünfzigern machte er noch ein paar Filme. Er war eine umstrittene, verhasste Figur. Kann das sein, dass einer moralisch verwerflich und politisch verachtenswert arbeitet und trotzdem große Kunst macht? Und was sagt das über die Kunst, übers Kino?

"Opfergang" ist ein Trip ins Herz der Dunkelheit, ein film noir deutscher Provenienz, und die Farben - gedämpftes Agfacolor, nicht das aggressive Technicolor, das wir aus den amerikanischen Fünfzigern kennen - dienen dazu, den schwarzen Untergrund deutlich zu machen. Als der Film in die deutschen Kinos kam, waren die Nächte in den Städten schon rot von den Bränden nach den Bomberangriffen der Alliierten.

Zu Beginn des Films wirkt die Stadt Hamburg dunkel und drohend, ein hermetischer Block, petrifiziert durch Jahrhunderte erfolgreicher bürgerlicher Handelsgeschichte. Carl Raddatz kehrt nach jahrelanger Fahrt durch die weite Welt in die Stadt zurück, in ein altes Patrizierhaus, in dem eine Frau auf ihn wartet, die weißblonde, dezente, dekadente Octavia, verkörpert von der unvergleichlichen Irene von Meyendorff. Aber Raddatz wird nicht glücklich in dem Haus von Octavias Vater, in das er einen Sonntagvormittag im Kreis der Familie eingesperrt wird - geschlossene Fensterläden, Chopin-Notturno, Dionysos-Dithyramben. Nacht, Nacht, Nacht, echauffiert er sich. Nichts als Nacht.

Raddatz stürmt hinaus, in die Sonne, rudern auf der Elbe. Dort schwimmt eine andere Frau im Wasser und hängt sich an sein Boot, nackt und schwedischblond: Äls, verkörpert von Kristina Söderbaum. Sie ist das Naturkind, aber sie sagt den schaurigsten Satz des ganzen Films: "Wir lieben uns, mein Freund. Und es wird schlimm werden. Schlimm."

Manche absurde, grausamen Wendungen nimmt diese perverse Dreiecksgeschichte - wie sie sich im parallelen "Immensee" schon mal andeuteten -, eine "Todeserotik", die auch Goebbels suspekt und anziehend zugleich schien. Bei Harlan vertauschen sich oft die Zeichen, das Gesunde ist krank, die Natur ist unheimlich synthetisch. Ein kleinbürgerlicher Blick aufs Großbürgertum, das macht die Anarchie von Harlans Kino aus. Ein Kino, das fremd und rein zugleich ist.

Opfergang und Immensee sind, restauriert von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, bei Concorde auf DVD und Blu-Ray erschienen.