Von Marc Felix Serrao und Caspar Busse

Der britische Medienmanager David Montgomery wollte eine "Perlenkette" von Zeitungen aufbauen. Doch nun kämpft er mit schlechten Börsenkursen und dem Widerstand der Mitarbeiter der Berliner Zeitung.

Die Jermyn Street in London, gleich um die Ecke von Piccadilly Circus, ist ein Ort, an dem das teure und feine London noch ein bisschen teurer und feiner ist. Harvie & Hudson, Charles Tyrwhitt, Turnbull & Asser - so heißen die Läden, die hier zuhause sind. Es sind Traditionsbetriebe, die im Ruf stehen, die edelsten Hemden zu produzieren. Ein Produkt von der Stange kann da schon 120 Pfund kosten.

David Montgomery, ddp

Dem Londoner Investor David Montgomery schlägt besonders bei der Berliner Zeitung heftiger Widerstand entgegen. (© Foto: ddp)

Anzeige

Hier, in Haus Nummer 70, residieren auch die rund 20 Mitarbeiter der Medienbeteiligungsfirma Mecom. Über dem elegant geschwungenen Eingangsportal wachen zwei Engelchen aus Stein, hinter der schweren Holztür sorgt ein bulliger Sicherheitsmann dafür, dass keine ungebetenen Gäste ins Haus gelangen.

Mecom ist die Zeitungsholding von David Montgomery, 59. Der umstrittene Investor aus London will Anfang dieser Woche zu Krisengesprächen nach Berlin kommen. Im November 2005 war er trotz Widerstands der Belegschaft beim Berliner Verlag eingestiegen und verlegt seitdem die Berliner Zeitung und den Berliner Kurier, zuletzt kamen Hamburger Morgenpost und Netzeitung hinzu.

In der kommenden Woche will Mecom in London die Ergebnisse für 2007 veröffentlichen. Davon wird viel abhängen, denn das Geschäft läuft offenbar nicht so wie erhofft. Nicht nur in Deutschland bei der wichtigsten Beteiligung gibt es erhebliche Probleme: Die Redakteure der Berliner Zeitung sind in offener Konfrontation zu Geschäftsführung und Mecom.

Mitarbeiter-Exodus

Auf einer Betriebsversammlung in der vergangenen Woche konnte Montgomerys Statthalter Josef Depenbrock, in Personalunion Chefredakteur bei der Berliner Zeitung und Verlags-Geschäftsführer, die Gemüter nicht beruhigen. Nach Angaben aus dem Betriebsrat sollen in Deutschland in diesem Jahr zusätzlich zum Etat weitere fünf Millionen Euro gespart werden. Viele fragen sich, wie das ohne deutliche Qualitätseinbußen möglich sein soll.

Schon jetzt gibt es einen Exodus: Neben einer ganzen Anzahl von Redakteuren gingen zuletzt der langjährige Personalchef des Berliner Verlags, Felix von Selle, sowie Depenbrocks Stellvertreter Philipp Froben. Es sieht nicht so aus, als ob Depenbrock, den die Redakteure gerne weghaben wollen, wackelt. Montgomery will an seinem Deutschland-Chef offenbar festhalten.

Auch in der Mecom-Zentrale in London ist man wahrscheinlich nervös. Anfang des Jahres war bereits der Aktienkurs von Mecom eingebrochen und hat sich seitdem nicht erholt. Grund für die Probleme sind wohl Zweifel der Anleger an der Geschäftsstrategie von Montgomery.

Der Aktienkurs liegt momentan bei etwa 25 Pence, der Höchstkurs betrug fast ein Pfund. Derzeit ist die gesamte Firma nur noch etwas mehr als 500 Millionen Euro wert. Eigentlich wollte Mecom demnächst von einem Neben- in das Hauptsegment der Londoner Börse wechseln.

Der Großteil der Mecom-Anteile befindet sich in der Hand von institutionellen Investoren. Wichtigster Gesellschafter mit 19 Prozent ist die Investmentfondsfirma Invesco. Der größte britische Versicherungskonzern Aviva hält knapp 15 Prozent.

Unruhe in Deutschland

Dazu kommen fünf weitere Investoren, die zwischen sechs und zehn Prozent halten. Auskünfte zu ihren Engagements geben Firmen wie Invesco nicht. Analysten waren zuletzt skeptisch. Im ersten Halbjahr 2007 hat Mecom einen Umsatz von 415 Millionen Pfund gemacht und unter dem Strich Verluste.

Montgomery zog bereits erste personelle Konsequenzen. In der vergangenen Woche gab er bekannt, dass der Finanzchef ausgewechselt werde. Keith Allen wird intern offenbar die Schuld für den Kurseinbruch im Januar sowie mangelndes Fingerspitzengefühl angelastet. Er soll künftig das operative Geschäft betreuen.

Neuer Finanzchef wird Mecom-Manager John Allwood, der schon lange im Mediengeschäft ist, unter anderem bei der Zeitungsgruppe Mirror war. Zudem hat Jan Houwert, Vorstandschef der niederländischen Mecom-Tochter Wegener und auch im Führungsgremium bei Mecom, seinen Rückzug für Anfang Mai angekündigt. Auch in den Niederlanden laufen die Geschäfte nach Angaben von Insidern nicht wie geplant. In Deutschland aber ist die Unruhe am größten.

Montgomery, der aus Nordirland stammt, bei der Boulevardzeitung The Sun zum Redakteur ausgebildet wurde und später zum Chef der Mirror Group aufstieg, gründete Mecom 2005 und kaufte kräftig zu, vor allem Regionalzeitungen in ganz Europa. Inzwischen hat das Unternehmen etwa 11.000 Beschäftigte, ist in Norwegen, den Niederlanden, Dänemark, Polen und der Ukraine mit etwa 300 Titeln präsent.

2006 hat der Berliner Verlag einen Gewinn von knapp acht Millionen Euro gemacht. Zuwenig, Montgomery plant eine Rendite von 18 bis 20 Prozent. Der Betriebsrat beklagt, dass die Verschuldung des Berliner Verlags steige, die Eigenkapitalquote sinke. Der Verdacht: Montgomery zieht angeblich Kapital ab.

Konsolidierung also

Eine Stellungnahme des Unternehmens gibt es nicht. Möglicherweise wollen deutsche Betriebsratsvertreter in der kommenden Woche in London protestieren. Dann werden sich ohnehin die Arbeitnehmervertreter aller Mecom-Firmen in London treffen. Überall wird Mecom vorgeworfen, dass nur Kosten gesenkt werden.

Eigentlich wollte Montgomery eine "Perlenkette" von vielen Zeitungen aufbauen und damit Synergien realisieren. Doch weitere Zukäufe gelangen nicht. Zudem dürfte angesichts der Probleme an der Börse die Finanzierung von größeren Übernahmen schwieriger werden.

Montgomery selbst teilte in der vergangenen Woche sogar mit, dass Mecom sich nun nach der Phase des schnellen Wachstums auf die Entwicklung und Stärkung der Marktposition in den europäischen Märkten konzentrieren werde. Konsolidierung also - ein Abschied vom Traum eines großen Zeitungskonzerns.

Fest steht, dass die Mecom-Herren diskret sind. Der Versuch, in London ohne Termin mit dem Management zu sprechen, scheitert. Der Sicherheitsmann am Eingang zur Jermyn Street lässt den Besucher zwar mit dem Fahrstuhl in den fünften Stock fahren, wo gerade eine Mitarbeiterin den Sicherheitscode an der Tür eintippt.

Dahinter befindet sich eine schlichte, elegante Einrichtung, schwere Holzdielen und Trennwände aus Milchglas. Noch ehe der Blick dadurch in eines der Büros wandern kann, schmeißen die Sekretärinnen den Eindringling auf britische Weise hinaus: Sorry, vom Management sei leider keiner zu sprechen.

Leser empfehlen 

(SZ vom 3.3.2008/gal)