"Me Too"-Debatte in Frankreich "Viele der Frauen, die sich zu Wort melden, hängen einem veralteten Feminismus an"

Warnt vor einer öffentlichen Verurteilung von Männern: die französische Autorin Catherine Millet.

(Foto: AFP)

Die französische Autorin Catherine Millet kritisiert die "Me Too"-Debatte scharf - und hat deshalb einen Protest dagegen initiiert. Die Debatte führe zu einer öffentlichen Verurteilung von Männern - ohne dass sich diese wehren könnten.

Am Dienstag veröffentlichte die französische Tageszeitung Le Monde einen offenen Brief, der von hundert Frauen unterzeichnet wurde, unter ihnen die berühmte Schauspielerin Catherine Deneuve. Verfasst haben diesen Brief fünf Autorinnen, die im Rahmen der "Me Too"-Debatte vor überzogenen Reaktionen und dem "Klima einer totalitären Gesellschaft" warnen. Im SZ-Interview spricht Catherine Millet, eine der Autorinnen, über Freiheit, Feminismus und sexuelle Gewalt.

"Was mich stört, ist dieses plötzliche Kesseltreiben im Netz", sagt Millet über die vielen Äußerungen unter dem Hashtag #MeToo. "Nicht alle Männer, die sich mal daneben benommen haben, sind Vergewaltiger oder Besessene". Die Debatte führe zu einer öffentlichen Verurteilung von Männern, ohne dass sich diese gegen die Anschuldigungen wehren könnten.

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In ihrem Brief verteidigen Millet und die Frauen "die Freiheit, jemanden zu belästigen, die für die sexuelle Freiheit unerlässlich ist". Im Interview sagt Millet, sie sei davon überzeugt, dass sich der Staat möglichst wenig in die Beziehung zwischen Männern und Frauen einzumischen habe. "Wir genießen heute sexuelle Freiheit. Die beinhaltet Gesten und Signale, die unangenehm sein können."

Auf die Frage, ob sie mit ihrer Haltung nicht allen reaktionären und übergriffigen Machos argumentatives Futter liefern würde, antwortet Millet: "Ich kenne kaum reaktionäre Männer. Aber viele der Frauen, die sich zu Wort melden, hängen einem veralteten Feminismus an." Es sei völlig übertrieben, so die Autorin, heute noch von einer patriarchalischen Gesellschaft oder gar von einem Geschlechterkrieg zu sprechen. "Diese Feministinnen, die die Frauen als Beute in den Fängen der männlichen Raubtiere bezeichnen, arbeiten mit überkommenen Zerrbildern." Im SZ-Interview, das sie einen Tag nach Veröffentlichung ihres offenen Briefes gegeben hat, erklärt Millet außerdem, warum ihr die Anonymität der "Me Too"-Debatte suspekt ist. Und warum sie es problematisch findet, dass sich Opfer sexueller Übergriffe erst nach Jahren des Schweigens äußern.

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