"Me Too"-Debatte in der Literatur Trauriger Macho

Sein Roman "Oscar Wao" war für Latinos eine Befreiung - Junot Díaz im März auf einer Gala in Manhattan.

(Foto: Krista Schlueter/New York Times/Redux/laif)

Vor wenigen Wochen hat der amerikanisch-dominikanische Autor Junot Díaz berichtet, er sei als Kind vergewaltigt worden. Jetzt erheben Frauen gegen ihn den Vorwurf sexueller Gewalt.

Von Felix Stephan

Am Anfang von Philip Roths Roman "Der menschliche Makel" gibt es einen Abschnitt über die Scheinheiligkeit der amerikanischen Öffentlichkeit, die sich während der Affäre von Bill Clinton und der damaligen Praktikantin Monica Lewinsky einerseits zu einem frömmelnden Feldzug gegen die Fleischlichkeit aufschwang, sich andererseits aber an jedem Detail der Geschichte berauschte, als schaue sie gemeinsam einen Softporno. Der Sommer 1998 war das, als "Bill Clintons Geheimnis in allen demütigenden Einzelheiten enthüllt wurde, in allen lebensechten Einzelheiten, wobei sich die Lebensechtheit wie die Demütigung aus den pikanten Einzelheiten ergab".

In einem ähnlichen Dilemma befindet sich das Publikum heute auch, da es gleichzeitig angewidert und fasziniert die Demütigung prominenter Männer verfolgt, auch wenn es heute nicht um Moral und Züchtigkeit geht, sondern um Macht und Gewalt. Die jahrelang ungesühnten Übergriffe bekannter, wohlhabender Männer werden nicht in machistischen Euphemismen erzählt, sondern als detaillierte, szenische Ich-Erzählungen. Es gibt keine "Zudringlichkeiten" mehr, keine "Womanizer", keine "schwachen Momente". Seit das Publikum die Perspektive der Schauspielerinnen, Assistentinnen und Studentinnen einnimmt, gibt es stattdessen schwere Türen in teuren Hotels, leere Wartezimmer, klaustrophobische Erfahrungen, die so erzählt werden, dass wir die Angst und die Scham selbst spüren. Anschaulichkeit wird zur Waffe, sie dient der Selbstverteidigung.

Ich bin ja schließlich nicht so

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Vor sechs Jahren soll er eine 26-jährige Studentin sexuell bedrängt haben

Beim Sydney Writers' Festival ist nun eine weitere Geschichte hinzugekommen: Die amerikanische Schriftstellerin Zinzi Clemmons hat dort erzählt, wie sie vor sechs Jahren als 26-jährige Studentin einmal den Schriftsteller Junot Díaz zu einer Podiumsdiskussion eingeladen hat, in der es um Fragen der Repräsentation in der Literatur gehen sollte. Bei dieser Gelegenheit habe Junot Díaz sie in eine Ecke geschoben und sie gewaltsam geküsst. Und sie wisse, erklärte sie später auf Twitter, dass sie nicht die Einzige sei. Schnell meldeten sich andere Frauen, die Díaz über den Weg gelaufen waren, und erzählten von ähnlichen Erfahrungen. Nachdem Clemmons den bekannten Schriftsteller auf dem Festival in Sydney öffentlich zur Rede gestellt hatte, erklärte Junot Díaz, dass er für seine Vergangenheit Verantwortung übernehmen wolle, sagte sein eigenes Panel ab, das ausgerechnet von der "Politik der Empathie" handeln sollte, und nahm das nächste Flugzeug zurück in die USA.

Im Falle von Junot Díaz ist diese Nachricht auch deshalb so schwerwiegend, weil er selbst eine Stimme des übersehenen und unterdrückten Amerikas ist. Sein bekanntester Roman "Das wundersame Leben des Oscar Wao" wurde 2008 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Seitdem hat sich Díaz zu einem der erfindungsreichsten Stilisten der USA entwickelt, zum Urheber einer neuen literarischen Hochsprache, die sich ungefähr in der Mitte zwischen Roberto Bolaño und The Notorious B. I. G. aufhält. Er ist außerdem zu einer Ikone der spanischsprechenden Bevölkerung geworden, zu einem Brückenkopf, der die Normenkonflikte der Latinos in eine Literatur gegossen hat, die im besten Sinne amerikanisch ist.

In "Oscar Wao" geht es um eine Familie, die unter dem blutrünstigen dominikanischen Diktator Trujillo bitter leidet, bis ihr die Emigration in die USA gelingt, wo der Held des Romans aufwächst, der übergewichtige, gehemmte, schüchterne, Computer spielende Oscar Wao.

Als amerikanischer Teenager sieht sich Oscar dem unerbittlichen Imperativ ausgesetzt, ständig von Freunden umgeben zu sein, sich unentwegt auf Strand-, Pool- und Barbecue-Partys aufzuhalten, rund um die Uhr Spaß, Sex und die - kurz gesagt - beste Zeit seines Lebens zu haben. Und weil die Latinos in der amerikanischen Kultur als Container für das Lebensfrohe und Sommerliche dienen, weil in den Hüftschwüngen von Ricky Martin und Shakira das Gegenprogramm zum protestantischen Frömmeln der konservativen USA aufgehoben ist, gilt dieser kulturelle Imperativ für Latinos noch einmal in verschärfter Form. Der traditionelle Machismo seiner dominikanischen Familie wiederum erwartet ziemlich genau dasselbe, weshalb Oscar Wao, der dicke, introvertierte Junge, in mehrfacher Hinsicht eine Enttäuschung ist. Für die amerikanischen Latinos war die Figur des Oscar Wao eine erhebliche Befreiung. Umso größer ist nun die Fallhöhe, wenn sich ausgerechnet dessen Autor als armseliger Grapscher herausstellt, wenn ausgerechnet Díaz nicht mehr Teil der Lösung, sondern Teil des Problems ist.

Jetzt lässt sich sein Werk auch als elaborierte, kulturalistische Rechtfertigung lesen

Weil Junot Díaz aber nicht nur Latino, sondern außerdem Schriftsteller ist, schließt sich an dieser Stelle unmittelbar die Frage an, wie sich die Vorwürfe, die er ja nicht bestreitet, auf sein Werk auswirken. Nach "Oscar Wao" hat er vor allem Erzählungen im New Yorker veröffentlicht. Am besten waren sie immer dann, wenn es um neurotische Latino-Männer ging, die ihre emotionale Gehemmtheit an den Frauen auslassen, indem sie sie so lange abwechselnd verehren und betrügen, bis die Frauen das Theater nicht mehr aushalten und von sich aus das Handtuch werfen, woraufhin sich der Verlassene vor Schmerz und Demütigung in die nächste Affäre flüchtet.

Bislang wurden diese Geschichten parabelhaft gelesen, als Fallbeispiele einer Generation von lateinamerikanischen Immigranten, die zwischen dem katholisch-traditionalistischen Machismo ihrer Herkunftsländer und dem individualistischen Status- und Konkurrenzdogma der amerikanischen Kultur zerrieben werden. Im Lichte der neuen Nachrichtenlage lässt sich diese Poetik allerdings auch ganz anders lesen: als elaborierte, kulturalistische Rechtfertigung dafür, dass Latino-Männer im Allgemeinen und Junot Díaz im Besonderen nun einmal anders sexualisiert sind. Dass sich aus ihrem kulturellen Hintergrund ein besonderer Anspruch auf asoziales Verhalten ableitet. Dass sie nicht denselben Standards unterliegen wie andere, weil die inneren Konflikte, die sie auszutragen haben, nicht ihnen anzulasten sind, sondern der Kultur. Dass sie also nur bedingt haftbar zu machen sind für ihre Aggressivität.

Vor gerade einmal vier Wochen hat Junot Díaz im New Yorker einen Text veröffentlicht, in dem er berichtete, als Kind vergewaltigt worden zu sein. Er habe nie jemandem davon erzählt, nie eine Therapie gemacht, aber das Trauma habe ihn sein Leben lang begleitet. Als Kind sei er schwer depressiv gewesen, als Student habe er versucht, sich umzubringen, er habe eigentlich glückliche Beziehungen abrupt beendet und sich in ein unübersichtliches Gewirr kurzer Affären geworfen: "Die gewöhnliche Beziehungsdroge genügte nicht mehr", schreibt Díaz, "ich brauchte stärkere Dosen, um die Wunde in mir davon abzuhalten, sich zu erheben und mich zu verschlingen. Der Schwarze, der mit niemandem schlafen konnte, wurde zu dem Schwarzen, der mit allen schlief. (...) Und währenddessen andere verletzen."

Der Text war mutig und brillant, sein Autor wurde ausführlich gelobt. Jetzt aber steht der begründete Verdacht im Raum, dass dieser Text nicht aus einer inneren Notwendigkeit heraus geschrieben wurde, sondern dass es sich vielmehr um eine Art proaktiver Krisen-PR handelt, dass Díaz die Anschuldigungen antizipiert hat und ihnen zuvorkommen wollte. Eine Lesart, die gut ins Muster passen würde: Auch in diesem Fall werden eigene Verletzungen angeführt, um aggressives Verhalten zu rechtfertigen. Was wiederum exakt dem Klischee von den übervorteilten Minderheiten und dem umgekehrten Privileg entspricht, mit dem die internationale Rechte so gern hausieren geht. Für das gesellschaftliche Anliegen, benachteiligte Gruppen zu identifizieren und zu unterstützen, könnte der Schaden, den Junot Díaz schon jetzt angerichtet hat, größer nicht sein.

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