Maxim Biller vs. Ossis Ein Schlappschwanz klagt an

Sind so viele Ungerechtigkeiten - die neuen Leiden der Jammer-Wessis: Schriftsteller Maxim Biller predigt gegen Ossis.

Von Lothar Müller

Zu den vielen Ungerechtigkeiten, die in Deutschland nach 1989 passiert sind, gehört der öffentliche Umgang mit den Maueröffnungsopfern im Westen. Nicht genug damit, dass ihre Leiden gegenüber denen der Maueropfer aus dem Osten geringgeschätzt werden. Es wurde ihnen überdies systematisch erschwert, überhaupt als Leidende wahrgenommen zu werden. Dem "Jammer-Ossi" stand in der deutschen Folklore der neunziger Jahre in deprimierender Dominanz der arrogante "Besser-Wessi" gegenüber, und zwar so erfolgreich, dass kaum noch Aufmerksamkeit für den wahren Zwilling des Jammer-Ossi übrig war: den Jammer-Wessi.

Darum ist es sehr zu begrüßen, dass sich nun der Schriftsteller Maxim Biller in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung beherzt als Jammer-Wessi geoutet hat. Und zwar in allen Disziplinen: jammern, schimpfen und mit SED-hafter Betonköpfigkeit die Jahre vor 1989 glorifizieren. Nie wird der Jammer-Wessi über "das große, kalte Jahr 1989" hinwegkommen, immer davon träumen, ein wie überaus grandioses Land aus dem Deutschland der Westdeutschen hätte werden können. Nie wird er es den Ossis verzeihen, "dass sie ,unser' Geld, ,unsere' Freiheit, ,unsere' Bücher wollten", und zwar "zu ,ihren' chauvinistischen Bedingungen". Nie wird er müde werden, gegen den "lähmenden Einfluss der xenophoben, deutschnationalen, provinziellen, für immer bolschewisierten Duckmäuserossis" anzupredigen.

Denn sie haben ihn aus seinem Paradies vertrieben, aus der geliebten "Bonner Republik", aus den Biotopen des Hedonismus und Individualismus der achtziger Jahre, in denen der Schriftsteller und Journalist Maxim Biller seine ersten Erfolge feierte, indem er sein Ich als Identifikationsfigur für eine Generation entwarf, die sich massenhaft dem Gratis-Individualismus verschrieben hatte. Früh muss dieser Individualismus gealtert sein, dass er nun Klageweiber wie diesen Jammer-Wessi hervorbringt, der die Welt seiner Jugend verklärt, seine Westalgie pflegt und der Gegenwart grummelnd gram ist wie nur je ein spießiger Rentner in einem mittelmäßigen Sketch.

Ach, was sind die Klagen über die Verwestlichung des Ostens und das Raubrittertum der Geschäftemacher gegen die apokalyptischen Bilder, in denen der Jammer-Wessi die "Ossifizierung" seines Paradieses ausmalt? Was die Schwarzweiß-Malerei des sozialistischen Realismus gegen die blumenbeethafte Übersichtlichkeit, mit denen er die in protestantisch-preußisch-sozialistischen Kollektiven sozialisierten, zum ewigen Untertanentum verurteilten Ossis aufmarschieren und das "coolste, freieste Land der Welt", das aus lauter "vernünftigen, unnationalistischen Leuten" bestand, niedertrampeln lässt?

Westalgie statt Gegenwart

Der Jammer-Wessi fand es schon ziemlich furchtbar, als damals die Oberbaumbrücke zwischen Kreuzberg und Friedrichshain in Berlin für den Autoverkehr geöffnet wurde. Aber es half ihm nichts, dass er mit drohendem Verweis auf erhöhte Abgaswerte ein weiteres Stück Maueröffnung verhindern wollte. Und als das dann so weiterging, die Ossis auf seinem multikulturellen Türkenmarkt am Maybachufer einzukaufen begannen und überhaupt überall aufkreuzten, baute er schließlich eine Mauer um sich herum. Und damit die Ossis wussten, was er von ihnen hielt, bemalte er seine Mauer mit ziemlich schicken bunten Graffiti über ihr "Allesnehmen" und "Ständigjammern".

Denn der Jammer-Wessi war zwar ein Jammer-Wessi, aber er blieb gewissermaßen unter seinem Begriff, weil er es sich angewöhnt hatte, sein Jammern als irgendwie cooles, tabufreies, jugendfrisches, Ich-starkes Klartextreden zu verkaufen. Der Schriftsteller Maxim Biller beherrscht diese Tonlage besonders gut, und wahrscheinlich deshalb hat er jetzt den ultimativen Aufmacher einer künftigen Jammer-Wessi-Anthologie geschrieben. Das wird aber den Jammer-Wessi nicht davor bewahren, in die Tradition der früher einmal von Herrn Biller gegeißelten Schlappschwanz-Literatur eingereiht zu werden. Denn der Kern des Jammer-Wessitums ist nun einmal das Ausweichen vor dem Neuen, vor der Gegenwart, die 1989 begonnen hat.

Und daran, dass sie damals begann, hatten Leute Anteil, die es in der Typengalerie des Jammer-Wessis gar nicht geben kann, weil er sein Erfolgsmodell, den Gratis-Individualismus, für den einzig möglichen hält: Ich-starke Ossis, wie sie in den Romanen von Ingo Schulze oder Uwe Tellkamp begegnen, Leute, die sich schon am 9. Oktober 1989 auf der großen Demonstration in Leipzig über die "pseudorevolutionäre Rhetorik" mancher Parolen lustig machten wie in Schulzes Roman "Neue Leben": "Allein schon der Satz: ,Eine Staatsführung, die mit ihrem Volk nicht spricht, ist unglaubwürdig.' Hörst du darin nicht das Winseln des enttäuschten Speichelleckers?"

Maxim Biller war im Jahre 1989 knapp dreißig Jahre alt, der Biochemiker Jens Reich, eine der wichtigsten Stimmen der Opposition in der DDR, gerade fünfzig geworden. Reich trat noch einmal neu an, auch als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, 1994 in der Nachfolgerin der Bonner Republik und der DDR. Jens Reich feiert in dieser Woche seinen siebzigsten Geburtstag. Er muss schon 1989 jünger gewesen sein als Maxim Biller.

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