Auf der Bühne benutzt Max Raabe niemals Handmikrophone. Damit sähe er zu sehr nach neumodischem Popstar aus. Er trägt maßgeschneiderte Fräcke sowie Stehkragenhemden aus der Schneiderei Adam in Charlottenburg. Und: Er bügelt selbst. Sagt er. Die Orchester-Arrangements schrieb jahrelang ein Mann namens Günther Gürsch. Da von vielen Schlagern keine Noten mehr existierten, hörte sich Gürsch die Instrumentalstimmen von Schellackplatten ab. Vor zwei Jahren starb er, er war 89. Musiker des Palast Orchesters versuchen nun, die Lücke zu füllen.
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Als Max Raabe, 47, die Tür des gut besuchten Café Einstein öffnet, wird es drinnen still. Alle Blicke drehen sich auf das Gesamtkunstwerk, das allein wegen des Heinz-Rühmann-Gesichts, wegen des sehr korrekt gezogenen blonden Scheitels und den prägnant abstehenden Ohren hier von jedermann sofort erkannt wird. Manche erinnern sich wohl daran, dass Raabe vor knapp 20Jahren mit "Kein Schwein ruft mich an" einen Hit gelandet hat; einige dürften ihn in sehr deutschen TV-Shows wie "Willkommen bei Carmen Nebel" gesehen haben; der Rest sieht in ihm einen intellektuellen Verbündeten im Kampf gegen Lady Gaga.
Kein Gorilla-im-Zoo-Tätärätä
Raabes CD "Übers Meer" ist soeben in den Charts auf Platz 28 eingestiegen. Das ist außergewöhnlich für eine Aufnahme, auf der ein Sänger mit Klavierbegleitung ausschließlich Lieder von jüdischen Textern und Tondichtern singt, die alle vor den Nazis fliehen mussten. Diesmal also kein Der-Lenz-ist-da-Klamauk, kein Kaktus-Tschingderassabum und Gorilla-im-Zoo-Tätärätä. Diesmal klingt alles eher nachdenklich und melancholisch.
Gleich drei Kellner stehen Spalier, um Max Raabe zu begrüßen. Im hinteren ruhigen Nebenraum befinde sich, leider, eine italienische Großfamilie mit vielen Kindern, die sich vom Besuch im Wachsfigurenkabinett erhole. "Soooooo?", sagt Raabe und übersieht doch gerne das Schild "Geschlossene Gesellschaft" vor dem Séparée. Er ist ja nicht irgendwer. An seinem Stammplatz angekommen, gewährt er bei einer Tasse Grünen Tees huldvoll weitere Einblicke.
"Mein Bruder und ich haben bei der Ernte geholfen." Nach dem Abitur sei er nach Berlin gezogen, um Sänger zu werden - ein Aufbruch, kein Bruch mit der Familie. Mit Gelegenheitsjobs finanzierte er den Gesangsunterricht und die 110Mark Miete seiner Absteige in Neukölln. "Mein Lehrer hat sehr auf mich als klassischen Bariton gebaut und war irritiert, als ich mich dem seichten Fach zuwandte."
Hauptsache, die Show ist gut
Ob Raabe abends im Prominentenviertel am See mit Stehkragen vor dem Fernseher sitzt? Oder doch in der Trainingshose? Ob er schon morgens, beim Frühstück neben dem Toaster, ein Einstecktuch im Sakko trägt? "Wollen Sie wirklich wissen, wie ernüchternd die Behausungen sind von Leuten, die Sie interviewen? Ich stelle mir das unangenehm vor. Soll man sich die Schuhe ausziehen? Auf welchen Stuhl setzt man sich? Wie muss man sich gegenüber dem Hund oder der Katze verhalten?" Eigentlich hat er ja Recht. Hauptsache, die Show ist gut.
Dass der staatlich geprüfte Opernsänger am Ende nur zwei, drei klassische Liederabende gab und mit Freunden, die beispielsweise Raumfahrttechnik studierten, 1986 das Palast Orchester erfand, hat mehrere Gründe. Er glaube, dass seine Stimme über ein Mikrophon am besten zur Geltung käme, sagt er. Zudem nerve ihn die Besserwisserei von Buhrufern vom zweiten Rang. Außerdem sei er nicht sehr diszipliniert. Also doch lieber das leichte seichte Fach: "Im Ausland nehmen mich die Menschen vor allem als lustigen Deutschen mit ulkigem Dialekt wahr. Besonders dann, wenn ich meine Ansagen auf Englisch oder Japanisch vortrage."
Bis zu 120 Konzerte gibt er im Jahr, allein mit dem Palast Orchester. Ab Anfang April kommen noch Soloabende mit dem Pianisten Christoph Israel hinzu. "Die Tatsache, dass mir ab 20Uhr keiner ins Zeug quatscht, das macht mich ruhig." Und seine Rolle nerve ihn auch noch lange nicht. "Ich hoffe nur, dass mich jemand rechtzeitig wegschließt, bevor es peinlich wird."
Dann taucht eine kleine Frau neben Raabe im Einstein auf. Sie bleibt bewundernd vor ihm stehen und lächelt. Es ist Antje Vollmer, die Politikerin. Raabe nickt ihr zu. "Hallooo". Mehr reden mag er nicht. Nur nicht zu viel Nähe. Lieber den Menschen ein ewiges Rätsel bleiben. Raabe schaut auf die Tüte mit seinem Bügeleisen. Auch betrachtet er die italienische Großfamilie. "Sehen Sie? Das Kind spielt mit einem alten Jojo! Wie früher."
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- Max Raabe über Schlager Verrückt nach Hilde 06.04.2008
- Welttag des Mannes Männer können alles 03.11.2009
(SZ vom 06.02.2010/ehr)