Mauerbau: Die Verantwortlichen Vom Schwanz, der mit dem Hund wedelt

Die Machtarithmetik des Kalten Krieges war paradox: Schwäche konnte stets in Stärke umgemünzt werden. Was das für den Mauerbau bedeutete, schildert die amerikanische Historikerin Hope Harrison nun packend und lebendig in einem neuen Buch. Ihre Erkenntnis: Treibende Kraft hinter der Errichtung des "antiimperialistischen Schutzwalls" waren keineswegs die Sowjets, sondern die DDR-Mächtigen.

Von Bernd Greiner

Welch ein Zufall und was für ein Geschenk: Ausgerechnet am 9. November 1989 machte sich die amerikanische Historikerin Hope Harrison mit einer Gruppe anderer Stipendiaten aus Harvard und Stanford auf den Weg nach West-Berlin. Der Fall der Mauer hat sie über Jahre nicht mehr losgelassen - zum Glück, sollte man aus der Perspektive ihrer Leser hinzufügen.

Ihre 2003 erstmals in den USA publizierte Studie "Driving the Soviets Up the Wall" liegt jetzt endlich auch in deutscher Sprache vor. Die in den vergangenen Jahren neu zugänglichen Quellen hat die Autorin weitgehend für die neue Ausgabe berücksichtigt und dabei im Vorbeigehen bestätigt, dass fast alle mit dem Thema Mauerbau Beschäftigten auf ihren Schultern stehen.

Überzeugend und den Horizont in vielfacher Weise erweiternd ist der analytische Ansatz von Hope Harrison. Wer, so ihre Grundthese, die Bündnissysteme Warschauer Pakt und Nato als klar gegliederte Hierarchien deutet und eine Abhängigkeit der "Peripherie" vom "Zentrum" unterstellt, verkennt eine politische Pointe des Kalten Krieges: Schwäche konnte stets in Stärke umgemünzt werden, je schlechter es den "Kleinen" ging, desto mehr konnten sie die "Großen" für ihre Zwecke einspannen.

Dieses Paradox gründet in der Machtarithmetik der Zeit, genauer gesagt im psychologischen Abnutzungskrieg zwischen Ost und West. Ob Washington oder Moskau, kein Patron wollte in diesem Poker als unzuverlässig wahrgenommen werden, jeder deutete Konflikte im eigenen Haus als politisch ansteckende Krankheit und damit als Punktsieg des Rivalen auf der anderen Seite des Atlantiks.

Wegen Süd- und Nordkorea, wegen Taiwan, Nord- und Südvietnam, wegen Kuba oder eben der DDR: Überall wurde das gleiche Stück aufgeführt, überall kann man die Dynamik einer wechselseitigen Abhängigkeit beobachten. Der Starke konnte seine Macht nicht immer so einsetzen, wie er wollte, der Schwache vermochte stets mehr, als er auf sich allein gestellt je gekonnt hätte.

Dass Moskau in einer Glaubwürdigkeitsfalle saß, hatte Walter Ulbricht spätestens im Juni 1953 durchschaut. Angesichts der Unruhen in der DDR nahm die sowjetische Führung von ihren Plänen Abstand, Ulbricht zu entmachten und einen "Neuen Kurs" in der ostdeutschen Wirtschafts- und Sozialpolitik zu verlangen. Das Risiko einer unkontrollierbaren Kettenreaktion weit über die Grenzen der DDR hinaus wollte man unter keinen Umständen eingehen, hätte dergleichen doch Moskaus Ruf als kontrollstarke und durchsetzungsfähige "Zentrale" angekratzt.

Wer so redet, muss auch liefern

Die Fortsetzung folgte im Herbst 1956, als Ulbricht die Krisen in Ungarn und Polen erneut für seine Zwecke ausbeutete, reformorientierte Konkurrenten ausbootete und seine eigene Stellung durch eine Erhöhung sowjetischer Wirtschaftshilfe aufwerten ließ. Gewiss sind die von Hope Harrison geschilderten Entwicklungen aus den 1950er Jahren weitgehend bekannt; aber kaum jemand arbeitet so deutlich heraus, wovon diese Geschichte im Kern handelt - vom Schwanz nämlich, der mit dem Hund wedelt.

Indem er seit 1958 den Einsatz im Psychokrieg gegen den Westen erhöhte, gab Chruschtschow seinem Paladin in Ost-Berlin eine unerwartete Steilvorlage. Das dauernde Schwadronieren über eine Umwandlung West-Berlins in eine "freie Stadt", die Drohung, ostdeutsche Behörden die Zugangswege nach West-Berlin kontrollieren zu lassen, das Ausrufen immer neuer Ultimaten - ein um das andere Mal setzte Chruschtschow seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel. "Die DDR und Ostberlin sollen zum Schaufenster des Sozialismus werden": Spätestens mit diesem Satz hatte der Kremlchef sein politisches Schicksal an die Konsolidierung der Macht von Walter Ulbricht gekoppelt.

Wer so redete, musste im Zweifelsfall auch liefern. Und worin die Lieferung bestehen sollte, machte Ulbricht mit nervtötender Penetranz, ablesbar an ungezählten Telegrammen und Briefen nach Moskau, deutlich: Ein Ende der "unnötigen Duldsamkeit" gegenüber dem Westen, Abschottung der Sektorengrenze, Unterbindung des Monat um Monat anschwellenden Flüchtlingsstroms, Bau einer Mauer quer durch Berlin. Seit Mitte der 1950er Jahre hatte die sowjetische Führung dergleichen Ansinnen immer wieder zurückgewiesen. Anfang Juli 1961 willigte Chruschtschow schließlich ein. Die selbstgestellte Solidaritätsfalle war zugeschnappt.

"Asymmetrische Abhängigkeit"

Man hat Hope Harrison vorgeworfen, die Rolle der SED über die Maßen aufzuwerten und Moskaus Anteil am Mauerbau geringzuschätzen. Und wie in der von Missgunst und Eifersüchteleien durchsetzten Historikerzunft üblich, durfte der Hinweis auf dieses oder jenes Dokument, das erst kürzlich ausgegraben wurde, nicht fehlen. Wer will, kann diese Quellen in den neuen Büchern von Manfred Wilke und Gerhard Wettig studieren.

Sie belegen vieles, aber Harrisons These der "asymmetrischen Abhängigkeit" Moskaus von Ost-Berlin dementieren sie nicht. Zumal die Autorin deutlich macht, wie Moskau nach dem 13. August 1961 die Grenzen dieser Abhängigkeit vor aller Augen markierte: Nach dem Mauerbau konnte Ulbricht seinen Traum von einem separaten Friedensvertrag ebenso vergessen wie die Kontrolle über den Zugang nach West-Berlin. Der "Superdominostein" und der "Superverbündete" waren auf Normalmaß zurechtgestutzt. Wie und warum, hat kaum jemand so packend und lebendig geschildert wie Hope Harrison.

HOPE M. HARRISON: Ulbrichts Mauer. Wie die SED Moskaus Widerstand gegen den Mauerbau brach. Aus dem Amerikanischen von Klaus-Dieter Schmidt. Propyläen, Berlin 2011. 506 S., 24, 99 Euro.

Der Historiker Bernd Greiner forscht am Hamburger Institut für Sozialforschung. Unlängst erschien sein neues Buch: "9/11. Der Tag, die Angst, die Folgen".

Punkow, Ostberlin

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