Von Simon Feldmer

Er ist nicht nur der Sohn von Willy Brandt, sondern auch Dauerbeschäftigter in der ARD: Schauspieler Matthias Brandt ist zum Mann für die extremen Figuren geworden. Diesmal spielt er einen psychisch kranken Familienvater.

Mindestens einmal im Monat, das hat sich fast zur Regel entwickelt, sah man zuletzt Matthias Brandt im Film-Mittwoch im Ersten. Es sind meist die etwas schwierigen Typen, die mitten im Leben stehen und auf eine Wendung zusteuern, denen Brandt ein Gesicht gibt, egal ob in Beziehungskomödien oder Psychodramen. Bei anderen Darstellern könnte einem die Dauerpräsenz im Leichten wie im Schweren schnell zu viel werden. Die Figuren würden zu einer großen Rolle verschmelzen, die beim Zuschauer eher ein bestimmtes Bild des Darstellers prägten als die jeweiligen Figuren der Filme.

matthias brandt

Ist Thomas wirklich wieder gesund? Matthias Brandt in "Vertraute Angst". (© Foto: NDR/Sandra Hoever)

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Schick am Kamin

Bei Matthias Brandt, im Jahr 2003 als Kanzleramtsspion Günter Guillaume in Oliver Storz' Dokudrama "Im Schatten der Macht" bekannt geworden, ist das anders. Er tritt hinter seine Figuren zurück. Selbst einen ausrastenden Familienvater spielt der gebürtige Berliner so, dass man eher den Filmvater als Brandt im Kopf behält.

Es ist also sicher eine gute Wahl des NDR und der Regisseurin Christiane Balthasar gewesen, Brandt die Rolle des psychisch kranken Thomas Wegener im Psychothriller "Vertraute Angst" anzuvertrauen. Ob es eine gute Entscheidung war, eine Krankheit wie die schizoide Psychose zum Spannungsmotor zu machen?

Die Angst vor einem psychisch kranken Familienmitglied ist jedenfalls ein zwiespältiger Stoff. Rein dramaturgisch betrachtet löst "Vertraute Angst" den Zwiespalt. Andererseits dürfte es betroffene Menschen geben, die also mit ganz ähnlichen Problemen umgehen müssen und auf die der Film ganz anders wirkt.

Nach zehn Jahren Ehe steht Wegener in hellem Hemd und schicker Hose am offenen Kamin. Er hat den Schürhaken in der Hand und klopft auf die Holzscheite im brennenden Feuer. Zwei Kinder hat er ins Leben gesetzt, aus dem elterlichen Betrieb so richtig was gemacht.

Ausraster

Das schöne Haus mit Garten, die Ehe mit seiner Frau Anja (Johanna Gastdorf). Alles ist so, wie es eigentlich sein soll. Nur nicht mehr für Thomas. Er klopft immer fester auf das Holz, schlägt den Haken wie einen Golfschläger in die Flammen, der Vorhang fängt Feuer. Thomas tickt vor den Augen seiner Frau komplett aus. Vertraute Angst beginnt mit der Katastrophe in der heilen Welt.

Der Ausraster am Anfang bildet den Rahmen. Die eigentliche Geschichte beginnt vier Jahre später. Gerade als Anja sich langsam von Thomas, der noch immer in einer Klinik therapiert wird, zu lösen beginnt und es mit dem etwas schmierigen Anwalt Frank Lennert (Andreas Schlager) versucht, holt sie ihr Eheleben ein. "Ich habe mich verloren damals, ohne es zu merken. Ich möchte wieder nach Hause", sagt Thomas zu Anja beim Spaziergang durch den Klinikpark. Mit Thomas fährt auch die Angst nach Hause. Die Angst vor dem Mann, der eigentlich mal ihr Leben war und es irgendwie noch immer ist.

Wird es wieder passieren?

Während der neue Liebhaber wie Anjas Vater die Rückkehr des Kranken zu verhindern versuchen, sind es vor allem die Kinder, die ihre Eltern um ihre Liebe kämpfen lassen. Die Spannung baut sich langsam, dafür umso heimtückischer auf: Wird es wieder passieren? Trotz der Medikamente? Trotz des positiven Befundes des behandelnden Professors? Keiner der Beteiligten kommt zur Ruhe. Thomas sehnt sich nach seinem alten Leben, vor allem die kleine Tochter glaubt an ihren Papa. Doch Anja zweifelt.

In der dicken Pressemappe zum Film versichern sich die beiden Hauptdarsteller Brandt und Gastdorf ihrer engen Freundschaft. Sie habe das eindrucksvolle Zusammenspiel in der fiktiven familiären Extremsituation erst ermöglicht. Auch Drehbuchautor Wolf Jakoby erklärt seine Herangehensweise: "Denken Sie an einen Menschen, den Sie wirklich gut kennen, dem Sie vertrauen. Dieser Freund oder Partner gerät wie aus dem Nichts in einen blindwütigen Rausch der Gewalt, der kaum zu stoppen ist. Die Frage, ob ich einem Menschen vertrauen kann, betrifft letztlich jeden von uns. Mein Film soll auch deutlich machen, dass Vertrauen ein ebenso kostbares wie zerbrechliches Gut ist."

Ein kostbares Gut - allerdings nur sehr schwer richtig zu bespielen.

Vertraute Angst, ARD, 7.5., 20.15 Uhr.

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(SZ vom 7.5.2008/rus)