Martin Walsers Roman "Muttersohn" "Schlafsacktherapie"

Genau einmal durfte Percys Mutter für Ewald Kainz, als er bei einer Demonstration in den Siebzigern gegen die Berufsverbote sprach, das Mikrofon halten; das hat als Inspiration für ein ganzes Leben zu genügen. Doch erscheint Ewalds Engagement für die linke Sache vor allem als Ausgeburt einer höchstpersönlichen Not: Denn er hat mit seinem Stottern zu ringen. Nun ist er im Landeskrankenhaus gelandet, ganz verstummt, wo Percy, Krankenpfleger und sein Sohn in einem höheren Sinn, sich ihm mit seiner "Schlafsacktherapie" naht, welche ganz auf Güte und Schweigen setzt. Man begeht wohl keine biografistische Indiskretion, wenn man vermutet, Walser, der seinen Vater früh verlor und eine besonders enge Beziehung zu seiner Mutter unterhielt, habe hier Aspekte seiner eigenen Existenz auf zwei Rollen verteilt, den politisch umgetriebenen jungen Walser als den Alten besetzt und den alten, der seinen Frieden mit der Welt gemacht hat, als den jungen Erlöser.

Muss Ewald als Percys geistiger Vater gelten, so Augustin Feinlein als sein geistlicher; von ihm lernt er die beiden wichtigsten Fertigkeiten, die das Band mit dem Himmel knüpfen, Orgelspielen und Latein. Wenn die Figuren einander über Seiten hinweg Jakob Böhme und Swedenborg, Heinrich Seuse und Augustinus, aber auch Goethes Iphigenie, Arno Schmidt und Rilke vorlesen oder noch lieber auswendig rezitieren, trägt das zum Fortgang des Romans so gut wie nichts bei; offenbar erweist hier der Autor Walser den anderen Autoren die Reverenz, wie wenn er Büsten von ihnen in seinem Arbeitszimmer aufstellen würde. Es macht deutlich, dass Walser sein neues Buch höchstens noch zur Hälfte als eine öffentliche und literarische Angelegenheit betrachtet, vorwiegend jedoch als eine Privatsache, in die er die Leserschaft nur wie durch eine angelehnte Tür blicken lässt. (Sogar Lyrik teilt Walser auf diesem Weg mit; sie klingt, als ob einer, der sich allein glaubt, stillvergnügt vor sich hin summt.)

Darum nehmen die Mystiker unter seinen Gewährsleuten eine so herausgehobene Stellung ein. Nicht, als ob Walser selbst ein solcher wäre. Aber das mystische Erlebnis liegt doch insoweit auf seiner Linie, als es sich Anderen schlechterdings nicht mitteilen lässt und von ihm nur der Abglanz des indirekten Ausdrucks nach außen dringt. Bei Walser kommt eine trotzige Note hinzu. Als Motto des dritten Teils, "Mein Jenseits" (der bereits letztes Jahr als selbständiges Buch herauskam), setzt er ein Zitat von Jakob Böhme: "Wer es verstehen kann, der verstehe es. Wer aber nicht, der lasse es ungelästert und ungetadelt. Dem habe ich nichts geschrieben. Ich habe für mich geschrieben."

Das ist mehr, als ein bei Rowohlt publizierender Autor in Anspruch nehmen sollte. Es heißt die Freiheit des hohen Alters dann doch übertreiben und sich der Unbelangbarkeits-Erschleichung schuldig zu machen. In dieser Verquickung des öffentlichen Raums mit dem Bloß-Persönlichen gleicht Walser seinem Augustin Feinlein, der die Monstranz mit der Heilig-Blut-Reliquie aus der Stiftskirche stiehlt, um sie vor dem Unverständnis der Gegenwart in Sicherheit zu bringen. "Die herablassende Duldung, mit der die Gebildeten, egal ob kirchlich oder weltlich, die Reliquie als ein Relikt behandeln, das nur noch Peinlichkeiten bereitet, wann immer es irgendwo genannt werden muss. Für Theologen eine Torheit, für aufgeklärte Zeitgenossen ein Ärgernis."

Der Apostel Paulus, von dem Walser den letzten Satz in leichter Abwandlung entlehnt hat, fährt fort: Wir aber predigen Christus den Gekreuzigten. Walser und sein Feinlein hingegen haben dem Ärgernis und der Torheit nur ihr hochfahrendes Ich entgegenzusetzen. Glaubenkönnen, sagt Feinlein, das sei so etwas wie Musikalität: Der eine hat sie, der andere nicht, und wer nicht, dem fehlt was, ohne dass er es wüsste. So würde ein wahrer Gläubiger nicht sprechen, der seinen Glauben als widerfahrende Gnade statt als ihm gehöriges Talent begriffe. Dass Feinlein erwischt und daraufhin vom Klinikleiter zum Fall degradiert wird, betrachtet er als einen so unabwendbaren wie gleichgültigen Vorgang. Aber was es mit derartiger Weltabkehr bei Walser wirklich auf sich hat, zeigt sich, als Percy-Jesus mit seiner innigen Botschaft in einer Talkshow auftritt. "Percy: (...) Ein Mensch ist in jedem Augenblick alles, was er sein kann. Wenn man ihn reduziert auf das, was man über ihn wissen kann, ist es möglich, dass auch er sich selber nachher produziert als die Datei, die ihr aus ihm gemacht habt. (Vereinzelt Beifall aus dem Publikum.)"